AKUT

SEBASTIAN DER KLARE

Christian Jandrisits

THROWBACK – unterwegs mit dem Ex-Kanzler 2013

Erst hatte er Angst davor, als jüngster Politiker ein Regierungsamt zu übernehmen. Dann wurde er belächelt. Heute, nach 20 Monaten im Amt, gilt Sebastian Kurz als die große schwarze Polit-Hoffnung.

Text: Georg Biron/Fotos Marco Rossi

Der beste Ort für einen Herzinfarkt
„Ein Taxi“, scherzt Sebastian Kurz, „weil viele Taxifahrer ausgebildete Ärzte sind.“ Die Diagnose des Staatssekretärs ist kein Witz, sondern bit­tere Wahrheit. Eine Wahrheit, die er nicht als unabänderlich hinnehmen will. ,,Es ist mir ein Anliegen, dass akademische Titel und Fachausbildungen von Migranten hierzulande leichter anerkannt werden“, sagt er. Aktuell bekommt diese Anerken­nung nur jeder fünfte Zuwanderer. Zu we­nige, findet Kurz und gestikuliert dabei lebhaft mit den Armen. Hört er zu, was er meist mit einem Lächeln tut, blickt er sei­nem Gegenüber aufmerksam in die Au­gen, so, als gebe es in diesem Moment nichts Wichtigeres auf der Welt als die Worte seines Gesprächspartners. ,,Ich bin seit 1989 hier „, erzählt Eszter B. (33) am 4. November in der ORF-Sendung „Im Zentrum“. Und Kurz hört, was die Frau zu sagen hat: ,,Ich arbeite hier, ich zahle hier Steuern, ich habe hier ein Unternehmen gegründet.“ Tatsächlich bemüht sich die gebürtige Ungarin seit zwei Jahren um die österreichische Staatsbürgerschaft, doch die zuständige Magistratsabteilung 35 hat sie bisher abblitzen lassen. Noch während der Sendung bietet Kurz der Frau an, sie zur MA 35 zu begleiten. Und hält Wort. ,,Wir müssen Menschen nicht nach ihrer Herkunft, sondern nach ihrer Leistung beurteilen. Österreich braucht qualifizierte und engagierte Menschen, um als Wirtschaftsstandort erfolgreich zu sein“, meint Kurz. ,,Wir wollen Zuwande­rung in die Arbeitswelt, nicht in das Sozialsystem.“

Großes Talent
Integration durch Leistung also. Eine klare Botschaft. Nachvollziehbar für viele. Binnen kürzester Zeit ist der erst 26-Jäh­rige damit zum Hoffnungsträger für die an Charismatikern nicht gerade reiche Volkspartei geworden. ,,Kurz ist das größ­te politische Talent, das die rot-schwarze Koalition zu bieten hat“, schreibt Josef Votzi im Kurier: ,,Elder Statesman Heinz Fischer und das jüngste Regierungs­mitglied genießen das höchste Vertrauen der politikerverdrossenen Österreicher. ( … ) Gepunktet hat Kurz vor allem mit Positiv-Aktionen: Mit erfolgreichen Mi­granten-Nachkommen wie David Alaba oder Attila Dogudan tingelte er als ,Inte­grationsbotschafter‘ durch Schulen.“ Ein Umstand, der H. C. Strache strampeln lässt: ,,Kurz ist völlig daneben!“ Und Wiens FPÖ-Klubchef Johann Gudenus bezeich­net den Staatssekretär gar als „Honorar­konsul der Zuwandererlobby“. Watsch’n gibt es nicht nur auf die rechte Backe, Kurz muss auch die linke hinhalten: Alexander Pollak von SOS Mitmensch äußert sich im Politblog von Philipp Sonderegger skep­tisch: Um das Integrationsstaatssekretari­at einzuordnen, müsse man „das Zusam­menwirken mit dem Innenministerium in den Blick nehmen. Innenministerin Mikl­Leitner und Kurz spielen Good-Cop-Bad­-Cop. Mikl-Leitner macht harte Gesetze, Kurz erzeugt weiche Bilder.“ Der Chef des Migrantenmagazins, Simon Kravagna, meint: ,,Kurz könnte seine Popularität nützen, um den Österreichern etwas Un­angenehmes zu sagen. Zum Beispiel wenn es um Diskriminierung auf dem Arbeits-­ und Wohnungsmarkt geht.“

Ständig in Trab
Doch Kurz, auf Twitter jüngst gar zum „Kennedy aus Meidling“ geadelt, erträgt’s mit Gelassenheit, will das Feld „weder den rechten Hetzern noch den linken Träu­mern“ überlassen und bemüht sich über alle Parteigrenzen hinweg um sinnvolle Lösungen. Und das bringt ihm Anerken­nung ein. ,,Frühere Kritiker, auch in den NGOs, gestehen dem gebürtigen Meidlin­ger guten Willen und Ideen zu“, schreibt Christoph Kotanko in den Oberösterrei­chischen Nachrichten. Die Flüchtlings­helferin Ute Bock kritisiert die negative Berichterstattung: ,,Man muss ihm die Chance geben, seine Arbeit gut zu ma­chen.“ Und die hält ihn in Trab. Für Pri­vates bleibt kaum Zeit. Er steht in der Früh um halb Sechs auf und ist selten vor Mitternacht zu Hause. Auch seine Wo­chenenden sind meistens verplant. Pri­vate Fragen beantwortet er ungern oder gar nicht: ,,Ich mache keine Homestorys und erzähle auch nicht, ob ich einen Hamster habe oder nicht. Das hat mit meinem politischen Leben nichts zu tun.


Als ich bei einem Termin einmal ohne meine Freundin Susanne aufgetaucht bin, ist am nächsten Tag in der Zeitung gestan­den: ,Liebes-Aus bei Kurz!‘ So etwas möchte ich mir und meiner Freundin er­sparen.“ Mindestens fünfmal in der Wo­che ist Kurz in Wien oder in anderen Bundesländern unterwegs, um Einrich­tungen zu besuchen, in denen Integration gelebt wird. Das sind keine Pressetermine mit Blitzlichtern als Teil einer politischen Medienstrategie. Es scheint, als bemühte sich Kurz, tatsächlich die Wurzeln aller Probleme freizulegen. Eine dieser Wur­zeln sind fehlende Deutschkenntnisse: „Wir tun Schülern nichts Gutes, wenn wir in der Schule ein geschütztes Umfeld schaffen, wo sie ohne Deutsch auskom­men. Spätestens am Arbeitsmarkt werden sie schmerzhaft merken, dass es ohne Deutschkenntnisse nicht geht.“

Unterwegs mit dem Geil-o-Mobil
Bekannt wurde der 26-Jährige durch politischen Aktionismus, mit dem er heute nicht mehr glücklich ist: So trat er vor der Wiener Landtagswahl 2010 in einem schwarzen Luxusgeländewagen, Typ Hummer, in Erscheinung. Motto: „Schwarz ist geil!“ Das Gefährt nannte er „Geil-o-Mobil“, und es war mit Frauen in Hotpants, den „Geilmacherinnen“, deko­riert. Seinen Wahlkampfauftakt zele­brierte er gar im Nachtclub „Moulin Rouge“ in der Walfischgasse. Kein Wunder, dass die überraschende Bestellung des Jus-Stu­denten durch VP-Chef Michael Spinde­legger für Kopfschütteln sorgte, ja, auch Kurz selbst hatte arge Bedenken: ,,Als mich Michael Spindelegger gefragt hat, ob ich den Integrationsstaatssekretär machen würde, habe ich gesagt, dass es mich interessieren würde, aber die Medi­en würden es nicht zulassen. Ich hatte wirklich Magenschmerzen.“ Er sollte recht behalten. Man nannte ihn einen „Schnösel“ und einen „Bubi aus reichem Haus“, man neidete ihm die Monatsgage von 14.000 Euro, man kritisierte sein Al­ter und zweifelte seine Kompetenz an.

Und Stermann und Grissemann ätzten: „Grasser ist wieder in der Regierung. Er hat sich mit Botox das Gesicht verjüngen und die Ohren vergrößern lassen und nennt sich jetzt Sebastian Kurz. Der junge Staatssekretär für Integration stand für ein Interview zur Verfügung. Wir muss­ten das Gespräch vor der Sendung auf­zeichnen, da Herr Kurz noch nicht so lan­ge aufbleiben darf.“

Doch ausgerechnet hält er sich mit Rücksicht auf die Partei­Räson (und die angesprochene Good­-Cop-Bad-Cop-Strategie?) zurück, aller­dings nicht ohne durchblitzen zu lassen, dass er schon etwas zu sagen hätte. Und das klingt dann zum Beispiel so: ,,Mein Thema ist Integration und nicht Asyl oder Zuwanderung“, erklärt er. ,,Diese Kompe­tenzen liegen bei Innenministerin Johan­na Mikl- Leitner. Es gibt da eine ganz klare Aufgabenverteilung. Ich kümmere mich um Menschen, die legal in Österreich sind.“ Deshalb könne er auch zu den Vor­kommnissen in Traiskirchen nichts sagen, wiewohl er der Meinung ist, dass es sich bei Asyl um ein Menschenrecht handelt; dass die Verfahren schneller erledigt wer­den als früher; dass es sich ein reiches Land wie Österreich leisten sollte, Asyl­werber menschenwürdig unterzubringen: „100.000 Österreicher verlassen jedes Jahr unser Land, von den 130.000, die zu uns kommen, sind 60 Prozent aus EU-Län­dern, die möchte sowieso niemand ab­schieben.“ Oder: ,,Mein Freundeskreis war immer bunt durchmischt. Ich habe auch Freundinnen mit Kopftuch. Man darf Mi­gration nicht auf den Islam beschränken und Integration nicht auf Botschaften wie ,Kopftuch – ja oder nein‘. Wenn Frauen das Kopftuch freiwillig tragen, ist das für mich in Ordnung. Werden sie dazu gezwungen, sehe ich das als Unterdrückung der Frauen. Und die Burka ist in Österreich überhaupt kein Thema. Deswegen brauchen wir auch nicht über ein Burka-Verbot diskutieren, das übrigens im Zusammenhang mit mos­lemischen Touristinnen, die in Fünf­Sterne-Hotels absteigen, kontraproduktiv wäre.“ Oder: ,,Wir haben in Wien die Mög­lichkeit, in mehr als zehn Fremdsprachen zu maturieren, da muss man sich vor Tür­kisch nicht fürchten. Was ich nicht unterstütze, ist, dass man auch andere Prü­fungen – wie etwa Chemie oder Physik – in Türkisch abhält.“


Vielleicht klappt es mit dem Beinamen doch früher als geplant: ,,Sebastian der Klare“, scheint aktuell eine realistische Va­riante. Als Kurz beim Schlüsselhersteller EVVA auf Mitarbeiter mit Migrationshin­tergrund trifft, sagt einer der Burschen, ein junger Türke, verlegen: ,,Ich weiß nicht, was ich dich fragen soll.“ Kurz sieht ihm in die Augen: ,,Was stört euch denn an der Politik?“, fragt er und verschränkt die Arme: ,,Dass viele nicht die Wahrheit sagen – oder ihre Pläne nicht umsetzen können.“


Und da erinnern wir uns an die Sätze, die Kurz gesagt hat, bevor er für den WIENER fotografiert wurde, nachdem er die Socken hochgezogen, die Hemdsär­mel aus dem Sakko gerade so weit hervor­gezupft hatte, dass die Manschettenknöpfe sichtbar wurden: ,,Mir geht es nicht ums Image„, betonte er, ,,aber es ist nicht lustig, Politiker zu sein, wenn sich die Menschen abwenden. Es kann keiner, egal bei wel­cher Partei er ist, mit diesem System zu­frieden sein.
Und das ist kein Witz, das ist allen klar.-