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MODEKRANKHEIT PANIK

Herzrasen, Schwindel, Schweißausbrüche,Todesangst – Panikist die neue Krankheit der 25- bis 30jährigen. Die Auslöser: Ehrgeiz, Streß und Leistungsdruck. Die häufigsten Opfer: Aufsteiger. (Aus dem WIENER, Ausgabe Jänner 1989)

Plötzlich und unerwartet kommt die Attacke: Das Herz beginnt zu rasen. Zittern am ganzen Körper. Schweißausbruch. Im Kopf und im Magen dreht sich alles. Zuerst ein Engegefühl in der Brust, dann die Angst, die Kontrolle zu verlieren. Irgendetwas läuft schief, aber man weiß nicht, was. Panik breitet sich aus, der Puls pocht wie wahnsinnig, das Herz hämmert gegen die Rippen, scheint den Brustkorb zu sprengen. Der Horror davor, einfach umzukippen, bewusstlos zu werden! Und am Ende: die Angst vor dem Tod!

Panik ist die neue Psycho-Krankheit der 25- bis 30-Jährigen. Betroffene sind nirgendwo sicher vor ihr. Die Anfälle kommen daheim im Bett, im Kino oder beim Spazierengehen, im Büro, auf Partys oder beim Autofahren. Mehrmals wöchentlich oder zweimal im Monat. Und ohne jede Vorwarnung. Der WIENER sprach mit Wissenschaftlern, Therapeuten und auch Patienten.

Oliver ist jahrelang alt. Er ist ein extrem hübscher Typ mit schwarzen Locken und lässigem Cowboystiefelgang. Auf den ersten Blic kein Italo-Macho, auf den zweiten sensibel. Der Anlageberater ist Vollblutmusiker und Bassist in einer Band. Er kennt Panikattacken, seit er 14 war. Die schlimmste ist erst einige Wochen her. „Ich saß zu Hause am Schreibtisch und arbeitete an einem Konzept. Plötzlich wurde das Atmen schwer, die Luft war wie weggeschnitten. Oh Gott, mir war schlecht. Was ich spürte, war definitiv Todesangst. Ich wollte eigentlich nur noch sterben.“ Oliver hatte Glück. Seine Freundin rief einen befreundeten Arzt an, und der empfahl, Atemübungen zu machen. Die Angst verging vorerst, doch seither hat Oliver Psychopharmaka zu Hause – zur Beruhigung. Ohne diese würde sein Kreislauf zusammenbrechen. Voller Sorge verließ er das Haus.

Ohne ihre Kreislauftropfen geht Lydia, 29, Lehrerin, nie aus dem Haus. Ihr Schreckensort ist die U-Bahn, wenn der Zug in einem Tunnel stehen bleibt, rastet sie fast aus. In solchen Momenten gibt es für sie nur eine Lösung: „Wie eine Süchtige die Tropfen rausreißen und in mich reinschütten. Ich habe keine Ahnung, was die anderen Leute von mir denken, aber es ist mir auch egal.“ Fast alle, die unter Panikattacken leiden, kennen diese Situation. Wo sofortiges Entrinnen unmöglich ist, wächst der Horror ins Unermessliche. In der U-Bahn oder im Lift: Die Türen sind zu, man ist eingeschlossen. Lydia erzählt: „In einem Schnellzug, dessen Fenster nicht zu öffnen waren, bekam ich eine solche Panik, dass ich meinen Freund anschrie, er solle sofort die Notbremse ziehen.“

Auch Menschenmengen können Panik auslösen, wie bei Popkonzerten oder Fußballspielen. Die Angst, zu Tode getrampelt zu werden, ist überwältigend. Lydia sagt: „Wenn ich ausgehe, dann sichere ich mich immer vorher ab, ob ein Krankenhaus in der Nähe ist. Veranstaltungen mit Sanitätern sind eine große Beruhigung!“

Die Angst hat viele Gesichter. Hans, 30, ein erfolgreicher PR-Manager, leidet unter verschiedenen Symptomen: Panikschübe im Stau, die Unfähigkeit, allein in ein Restaurant zu gehen, Flugangst, gegen die er nur mit Valium vorgehen kann. Als Vielflieger ist er ständig mit seinem Horror konfrontiert. „Nicht genug, dass ich in den engen Maschinen unter Klaustrophobie leide, schon wenn ich ein Flugzeug betrete, habe ich schweißnasse Hände und Magenschmerzen. Kurz vorm Start überkommt mich jedes Mal die Panik, und ich will nur noch raus. Mir hilft das Wissen, dass da eine Sauerstoffmaske über mir hängt. Wenn ich also einmal ohnmächtig werden sollte, wäre für mich gesorgt.“

Wer seine Angst bewusst in den Griff bekommt, hat noch Glück im Unglück. Der Normalfall ist jedoch, dass die Panik das Gehirn überflutet, bis kein klarer Gedanke mehr übrig bleibt. Was den Horror auf die Spitze treibt: Es könnte jemand merken, was los ist. Die Angst, sich zu blamieren, das Gesicht zu verlieren, sich lächerlich zu machen oder – was das Schlimmste ist – für verrückt gehalten zu werden. Und so schluckt man, und die Angst wächst immer mehr.

Das Panik-Syndrom entwickelt seine eigene Dynamik. Nach den ersten Anfällen kommt die Erkenntnis wie ein Schock: „Mein Gott, das passiert dir ja öfter!“ Und dann entwickelt sich die Angst vor der Angst, die Sache kompliziert sich. Immer häufiger werden Situationen vermieden, die schon einmal eine Attacke ausgelöst haben. Liftkabinen oder U-Bahnfahrten kann man gerade noch meiden, ohne dass es böse Folgen hat. Aber die Angst vor der Öffentlichkeit und vor Menschen schränkt das Leben zunehmend ein. Man zieht sich zurück, meidet soziale Kontakte und öffentliche Plätze, was wiederum zu Isolation und Einsamkeit führen kann.

Diese Entwicklung kann schwerwiegende Auswirkungen auf das berufliche und private Leben haben. Der Rückzug aus dem sozialen Leben kann zu Depressionen und weiteren psychischen Problemen führen. Es ist daher wichtig, dass Betroffene professionelle Hilfe suchen, um Strategien zu entwickeln, mit ihrer Angst umzugehen und sie zu überwinden.

Lisa, 25 Jahre alt, leidet unter einer Sozialphobie. Sie hat ihren gut dotierten Job als Lektorin aufgegeben, ihre Wohnung gekündigt und ist zurück ins Elternhaus gezogen. Hier fühlt sie sich sicher vor den Anforderungen der Gesellschaft. In dieser Umgebung wird ihr alles abgenommen, und sie führt ein Leben ohne Verantwortung, bindungs- und bewegungslos. Lisa hat aufgegeben, und die Angst hat sie nun vollständig im Griff.

Rund 30 Prozent der Österreicher erleiden im Laufe ihres Lebens Angstattacken, vermuten Seelenärzte. Dies ist eine erschreckend hohe Zahl, die auf einen neuen Trend hindeutet, bei dem depressive Krankheitsbilder immer mehr dem Paniksyndrom weichen. Die meisten Betroffenen sind zwischen Mitte 20 und Ende 30, mit einem Häufigkeitsgipfel zwischen 28 und 30 Jahren.

Seit 1980 liegt das Augenmerk von Psychologen und Psychiatern verstärkt auf dem Phänomen der Angst. Im Gegensatz zu den USA, der Schweiz und der BRD gibt es für Österreich bisher keine epidemiologischen Forschungen, aber viele Vermutungen und Fragen. Es wird gefragt, warum Angst in hochtechnisierten Industriegesellschaften so bestimmend geworden ist und warum es gerade unter 30-Jährigen zu einem Crash kommt. Trotz des materiellen Wohlstands herrscht latente Angst vor Umweltkatastrophen, atomarer Bedrohung und Aids. Ethische Normen und klassische Rollenbilder sind im Wandel, was zu einer diffusen Lebensangst führt.

Der Wiener Psychotherapeut Dr. Karl Stifter spricht von „Verhaltensstörungen“ mit „neurotischen Symptomen“ und körperlichen Beschwerden als Folgeerscheinungen von Angst. Seine Deutung ist, dass in der hektischen Leistungsgesellschaft psychische Grundbedürfnisse oft nicht erfüllt werden. Besinnung, Beschaulichkeit und menschliche Kontakte stören in der Karriere. Zudem sind besonders ehrgeizige und aufstiegswillige Personen anfällig für Angst, da sie sich mit ihren Erwartungen und ihrem Ehrgeiz ständig selbst unter Druck setzen. Der Stress kommt also von innen.

Personen, die ehrgeizig, egoistisch, konsumorientiert, statussüchtig und perfektionistisch sind, neigen verstärkt zu Panikattacken. In Krisenzeiten kann die verdrängte Angst durch das dünne Nervenkostüm brechen. Übliche Auslöser sind berufliche oder private Konflikte, wie ein Karriereknick oder die Trennung vom Partner. Rückschläge führen oft zu Orientierungslosigkeit und werden im Selbstbild nicht selten als Versagen interpretiert. Mangelnde Selbstverwirklichung führt, so Seelenmasseur Stifter, direkt in die Depression.

Angst wird in der Gesellschaft oft als Schwäche angesehen und geächtet, im Gegensatz zu körperlichen Beschwerden wie Kreislaufschwäche oder vegetativer Dystonie. Die Arztpraxen füllen sich mit Menschen, deren Leiden nicht immer eindeutig kategorisierbar sind. Die klassische Psychiatrie setzt auf Antidepressiva in Kombination mit Gesprächs- und Verhaltenstherapie.

Bei leichten Fällen kann es ausreichen, den Betroffenen klarzumachen, dass Panikattacken eine Reaktion auf bestimmte Situationen sind. Die zugrunde liegende Krise muss jedoch individuell angegangen werden, entweder durch Veränderung der Situation oder der eigenen Einstellung dazu. Peter Lauster, Psychologe und Fachbuchautor, rät dazu, „aus der Glasglocke herauszukommen“, Lebensfreude wiederzufinden, von der Hyperaktivität herunterzukommen und nicht so verbissen die eigenen Ziele zu verfolgen.

In anderen Worten, die Medizin empfiehlt, ein wenig lockerer zu werden. Diese Herangehensweise zielt darauf ab, Druck zu reduzieren und einen gesünderen, ausgewogeneren Lebensstil zu fördern, um so der Angst entgegenzuwirken.