Zum Inhalt springen
ABO
KULTUR

Wenn das Wohnzimmer zum Schwarzen Loch wird

Vier litauische Künstlerinnen und Künstler verwandeln ab 28. August in der Wiener Galerie Improper Walls Alltagsgegenstände in Bilder Schwarzer Löcher. Die Schau „Domestic Astronomy“ läuft bis 18. September, als Teil des Festivals LT.art Vienna.

Von Redaktion · 4. August 2026 · 4 Min. Lesezeit
Domestic Astronomy Ausstellungsmotiv, Werk von Dalia Mikonytė und Adomas Žudys

Am 10. April 2019 ging ein Bild um die Welt, das eigentlich nur ein orangefarbener, leicht unscharfer Ring war. Acht Radioteleskope von Hawaii bis zur Antarktis hatten sich zu einem virtuellen Teleskop von der Größe des Planeten zusammengeschaltet, um erstmals ein Schwarzes Loch sichtbar zu machen, 55 Millionen Lichtjahre entfernt, im Zentrum der Galaxie M87. Die litauische Künstlerin Dalia Mikonytė hat aus diesem Bild keine Astrophysik gemacht, sondern eine Küche. Und ein Wohnzimmer.

Gemeinsam mit dem Künstler Adomas Žudys, der Komponistin Marija Jociūtė und der Schriftstellerin Lina Simutytė untersucht sie in der Ausstellung „Domestic Astronomy“, was passiert, wenn man das Vokabular der Schwarzlochforschung auf die eigene Wohnung anwendet. Textilien, Küchengeräte, Bücherstapel, Schallplatten, Zimmerpflanzen: Alles, was sich in einer Wohnung ansammelt, wird mittels analoger Fotografie, Fotomontage, Point-Cloud-Ästhetik und Photogrammetrie in etwas verwandelt, das die Künstler selbst als „unvertraute astronomische Artefakte“ beschreiben. Keine Illustration der Wissenschaft, sondern eine private Kosmologie aus zweiter Hand.

Werk aus der Serie Domestic Astronomy, Point-Cloud-Ästhetik eines Schwarzen Lochs
Aus der Serie „Domestic Astronomy“: Alltagsgegenstände werden zu Fotocollagen und Videoprojektionen. © Dalia Mikonytė / Adomas Žudys

Wie wird die Küche zum Kosmos?

Die Werkzeuge dafür sind bewusst analog und digital zugleich. 3D-Scans von Haushaltsgegenständen treffen auf klassische Silberfotografie, Videoprojektionen auf poetische Prosatexte von Lina Simutytė und auf Klanglandschaften. Tiefe wird, wie es im Ausstellungstext heißt, zu einer umgekehrten Höhe, jede schwarze Fläche trägt bereits die Erwartung von Weiß in sich. Das klingt nach Theorie, sieht in den Arbeiten der Gruppe aber vor allem aus wie das eigene Vorzimmer, kurz bevor es zu kippen beginnt.

Gezeigt wurde das Projekt in dieser Form bereits im Frühjahr 2025 in Helsinki, im Rahmen des finnisch-baltischen Myymälä2-Fellowships. Wien ist damit die zweite Station, und die erste außerhalb Finnlands.

Wer steht hinter „Domestic Astronomy“?

Dalia Mikonytė, Jahrgang 1986, hat Fotografie und Medienkunst an der Kunstakademie Vilnius studiert und arbeitet seither an der Schnittstelle von Archiv, Erinnerung und Material. Adomas Žudys, Jahrgang 1988, promoviert derzeit an derselben Akademie und beschäftigt sich mit Verschwörungstheorien und der Krise der Vorstellungskraft, durchaus passende Fachgebiete für eine Ausstellung über Schwarze Löcher im eigenen Vorzimmer. Marija Jociūtė lebt seit einigen Jahren in Wien, hat in Vilnius Kunst studiert und seit 2023 elektroakustische und experimentelle Musik an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien vertieft. Lina Simutytė wiederum ist in Litauen als Prosaautorin bekannt, ihr Roman „Raudonasis albumas“ zählte 2025 zu den zwölf originellsten Büchern des Landes.

Zur Eröffnung am 28. August um 17 Uhr gibt es ab 18 Uhr die Live-Performance „Hylut“ von Marija Jociūtė mit der Keramikkünstlerin Neda Rimaitė als Gast, ebenfalls Wien-Absolventin der Vilniuser Kunstakademie. Jociūtė arbeitet dabei mit Stimme, Synthesizer und Drumcomputer an Klängen, die sich, wie sie selbst sagt, dem direkten Zugriff entziehen.

Einen Eindruck von der Erstpräsentation des Projekts in Helsinki und von Marija Jociūtė bei einem früheren Auftritt vermittelt die folgende Auswahl:

Was bietet das Festival sonst noch?

„Domestic Astronomy“ ist nur eine Station von LT.art Vienna 2026, das heuer unter dem Titel „Polyphony of Space“ steht und noch bis Oktober durch die Stadt wandert: von einem Konzert im Lokal koje in Hernals über einen Workshop am Otto-Wagner-Areal bis zu einer Symposiumsreihe und einem litauischen Kurzfilmabend im Admiral Kino. Getragen wird das Programm unter anderem vom Litauischen Kulturrat, der Kulturabteilung der Stadt Wien (MA 7), dem 17. Bezirk und der litauischen Botschaft in Wien.

Dass Wien gerade jetzt mehrere Formate für neu gedachte Räume bereithält, zeigt sich auch anderswo in der Stadt: Auch die Vienna Design Week schickt im Herbst Kunstprojekte in ungenutzte Stadträume. Wer es lieber klassischer mag, findet mit der aktuellen Hermann-Nitsch-Schau bei Suppan Fine Arts das Gegenprogramm in Öl statt Point Cloud.

Das Bild vom April 2019 zeigt ein Objekt, das nach klassischer Physik gar nicht sichtbar sein dürfte. Ab 28. August steht im 15. Bezirk die Frage im Raum, ob nicht auch die eigene Abstellkammer solche unsichtbaren Objekte bereithält. Man muss nur genau genug hinschauen.