Der letzte Circus auf Schienen
Ein rund 1.100 Meter langer Sonderzug hat den Circus-Theater Roncalli am Donnerstag nach Wien gebracht, gezogen von der neuen Elektrolok „Zippo“. Am Güterzentrum Wien Süd wurden 107 Circuswagen entladen, ehe ab 12. September die komplette Circusstadt auf dem Rathausplatz aufgebaut wird.

Wer donnerstagvormittags zufällig am Güterzentrum Wien Süd vorbeikam, hat vermutlich zweimal hingeschaut. Zwischen Frachtcontainern und Rangiergleisen rollte eine Lokomotive ein, der jemand ein breites Grinsen ins Blech gemalt hat: „Zippo“, benannt nach jener Roncalli-Clownfigur, mit der Circusgründer Bernhard Paul jahrzehntelang die Manege zum Toben brachte. Kein gewöhnlicher Gütertransport also, sondern die Ouvertüre zu jenem Spektakel, das den Wiener Rathausplatz in den kommenden Tagen in eine Circusstadt verwandelt.
Eine Stadt, die mitreist
Rund 1.800 Tonnen Ladung, 52 Wagons auf zwei Zügen, 107 Circuswagen und -fahrzeuge: Wer nachzählt, merkt schnell, dass hier keine Zeltplane transportiert wird, sondern ein ganzes Universum auf Rädern. Historisches Karussell, Riesenrad, Nostalgiebar und Circusorgel reisen mit, dazu rund 30 bis zu 120 Jahre alte, aufwendig restaurierte Holzwagen aus der Sammlung von Bernhard Paul, die bis heute als Wohn-, Arbeits- und Materialwagen dienen. Wien kennt diesen alten Rummelplatz-Charme aus dem Prater – nur reist hier ein ganzer Zug davon Richtung Rathausplatz. Dazu kommen 4,5 Kilometer Kabel, 10.000 LED-Lampen, fünf Kilometer Wasserschläuche und natürlich das berühmte himmelblau-weiße Chapiteau. Ein zwölfköpfiges Logistikteam übernimmt die Entladung, ehe das Material Schritt für Schritt auf den Rathausplatz wandert.
Warum ausgerechnet die Schiene?
Während die meisten reisenden Circusunternehmen ihre Ausstattung längst per Lkw transportieren, hält Roncalli an der Reise mit dem Sonderzug fest, eine bewusste Entscheidung, kein Zufall. „Wir sind der letzte Circus, der auf den Schienen reist. Unser Zug ist ein wesentlicher Teil dessen, was Roncalli ausmacht. Wir bringen nicht einfach Material von einem Ort zum nächsten, wir bringen unsere ganze Circusstadt mit“, sagt Patrick Philadelphia, Geschäftsführer des Circus-Theater Roncalli. Bis weit ins 20. Jahrhundert reisten viele große Circusunternehmen so von Stadt zu Stadt, ehe der Ausbau des Straßennetzes diese Form des Reisens verdrängte. Roncalli hat sie bewahrt.
Ökostrom für die Nostalgie
Neu an Bord ist heuer die Elektrolokomotive 185 537, erst vor wenigen Wochen in Köln auf den Namen „Zippo“ getauft. Die kunstvoll gestaltete Lok ist ein Jubiläumsgeschenk des Logistikdienstleisters Rail Bavaria und soll die Circusstadt künftig möglichst mit Ökostrom durch Europa ziehen, macht nach Angaben des Veranstalters eine Einsparung von rund 44.000 Kilogramm CO₂ bei 24.000 Kilowatt Ökostrom möglich. „Die neue ‚Zippo‘-Lok verbindet die logistische Herausforderung eines internationalen Circus-Sonderzugs mit einem Stück Roncalli-Geschichte und macht sichtbar, dass Tradition und moderne Mobilität zusammengehören“, sagt Jörn Enderlein, Geschäftsführer von Rail Bavaria Logistik.
Wann geht in Wien der Vorhang auf?
Mit der Ankunft in Wien setzt Roncalli seine zweijährige Jubiläumstournee fort, vor fünf Jahrzehnten begann Bernhard Paul seinen Traum vom „schönsten Circus der Welt“ zu verwirklichen. Ab 12. September verwandelt sich der Rathausplatz Schritt für Schritt in die Roncalli-Circuswelt, am 16. September fällt der Vorhang für die erste von 52 Vorstellungen.
Infobox: Circus-Theater Roncalli in Wien
Ort: Wiener Rathausplatz
Premiere: 16. September 2026
Vorstellungen: Di–Fr 15:00 & 19:30 Uhr, Sa 11:30, 15:00 & 19:30 Uhr, So 10:00, 14:00 & 18:00 Uhr
Tickets: ab € 39, über www.roncalli.at
Ein bemaltes Grinsen auf einer Lokomotive, ein Zug voller 120 Jahre alter Wagen, mittendrin eine Stadt, die sich binnen weniger Tage aus dem Nichts zusammenbaut: Roncalli bringt mit „Zippo“ nicht nur Ökostrom nach Wien, sondern die Erinnerung daran, dass schon die Ankunft Teil der Vorstellung sein kann.




