Der Neunte auf Sendung
Der Aktionsradius Wien schickt seinen Podcast „StadtFlanerien“ jetzt durch den 9. Bezirk. Freud, Frankl und die Strudlhofstiege bekommen darin noch einmal eine Stimme, dazu 45 Jahre WUK.

Wer an einem lauen Abend die Strudlhofstiege hinuntergeht, an der Balustrade entlang, vorbei am kleinen Brunnen, der hat meistens denselben Satz im Kopf, ohne ihn zu kennen: „Es ist merkwürdig, wie sich Zeiten übereinanderschieben.“ Heimito von Doderer hat ihn geschrieben, über genau diese Treppe, 1951, in einem Roman, der so heißt wie sie. Man muss ihn nicht gelesen haben, um zu spüren, dass hier mehr passiert ist als ein Spaziergang. Genau an diesem Punkt setzt jetzt auch der Aktionsradius Wien an: mit einer Podcast-Folge, die den Alsergrund nicht als Adresse behandelt, sondern als Erzählung.
Wo die Medizin wohnen blieb
Der 9. Bezirk ist der mit den Straßennamen, die selbst schon Diagnosen sind: Spitalgasse, Lazarettgasse, Sensengasse. Hier stand das Allgemeine Krankenhaus, bis heute in Form des Neubaus mit seinen Türmen präsent, und hier arbeiteten Sigmund Freud und Viktor Frankl, bevor ihre Namen zu Disziplinen wurden. Der Narrenturm, 1784 unter Joseph II. als erstes eigenes Gebäude für psychisch kranke Menschen errichtet, steht noch immer auf dem Areal des Alten AKH, rund und fensterlos wie eine Festung gegen das eigene Thema. Das Josephinum gleich daneben erzählt dieselbe Geschichte in Wachspräparaten. Wer durch den Alsergrund geht, geht durch zwei Jahrhunderte Medizingeschichte, ohne dass ein einziges Schild das ausdrücklich sagt.

Ein Haus, das besetzt blieb
Dass der Bezirk nicht nur Krankenakte ist, dafür sorgt seit 1981 das WUK in der Währinger Straße, eine ehemalige Lokomotivfabrik, „sanft besetzt“ von einem Kulturverein und bis heute selbstverwaltet. Heuer wird es 45, und im neuen Podcast erzählen WUK-Radio-Redakteurinnen, was daraus geworden ist: über hundert Gruppen, ein Konzertsaal, eine Bühne, ein Ort, an dem Wien sich selbst probt. Ein paar Gassen weiter erinnert die neogotische Votivkirche daran, dass der Bezirk auch fromme Seiten hat, und der Musiker Hans Tschiritsch zeigt im Podcast, wie man mit Obertongesang plötzlich wieder bei Franz Schubert landet, der ganz in der Nähe geboren wurde. Auch Torberg, Schnitzler und Veza Canetti haben hier gewohnt und geschrieben. Höhen und Tiefen, hat es die Redakteurin des zugrundeliegenden Hörbuchs einmal genannt, und meinte damit auch die Topografie: Der Alsergrund liegt am Wasser, dem Donaukanal, der ihn im Osten begrenzt.


Wie hört man sich das an?
Die Sendung „StadtFlanerien Wien: Alsergrund“, gestaltet von Andrea Hiller, ist im Radioarchiv von Radio Augartenstadt kostenlos nachzuhören, live läuft die Reihe am zweiten und vierten Montag im Monat auf Radio Orange 94.0. Bis April 2027 will der Aktionsradius auf diese Weise durch alle 23 Wiener Bezirke wandern, zwei pro Monat; am 28. September ist Favoriten an der Reihe. Wer es lieber offline mag, kann die fertigen Folgen als Hörbuch bestellen. Sein bisher letztes großes Kapitel steht ohnehin ganz am Anfang, an dieser einen Treppe: Wer die Strudlhofstiege hinuntergeht, hört inzwischen fast automatisch mit.

