Wie die Platte zur Heimat wurde
„Erstbezug Platte“ erzählt in 25 Wort- und Fotoporträts, wie aus der DDR-Großwohnsiedlung Leipzig-Grünau ein Zuhause für fünf Jahrzehnte wurde.

Der Bildband erscheint am 30. Oktober 2026 bei edition.zb und lässt jene zu Wort kommen, die dort angekommen sind: von der Erstbezieherin der Siebzigerjahre bis zur Familie von heute.
Der Geruch von frischem Anstrich, das Echo im leeren Zimmer, bevor die ersten Möbel kommen: Diesen Moment kennt, wer je in eine neue Wohnung gezogen ist. Für Zehntausende Menschen war er in den Siebziger- und Achtzigerjahren an einem Ort besonders groß – in Leipzig-Grünau, einer der größten Plattenbau-Siedlungen der DDR, hochgezogen als Beweis, dass auch der Sozialismus gut wohnen kann.
Genau an diesem Moment setzt der neue Bildband an. Herausgeber Oliver Zschau, selbst in Grünau aufgewachsen, und sein Co-Autor Oliver Niemeier, Schauspieler, Filmverleiher und Produzent, haben gemeinsam mit Fotograf:innen 25 Menschen porträtiert, die dort ihr Zuhause gefunden haben. Zschaus eigene Eltern gehörten zu den ersten Bewohnern, die im Erstbezug eine Wohnung übernahmen: Für ihn ist das Buch deshalb auch eine sehr persönliche Recherche.
Fünf Jahrzehnte Platte
Auf 384 Seiten spannt „Erstbezug Platte“ den Bogen von der DDR-Zeit bis in die Gegenwart. Erzählt wird, wie aus einem Symbol des sozialistischen Aufbruchs ein Stadtteil wurde, der sich immer wieder neu erfindet: Nach der Wende leerten sich viele Blöcke, heute füllen sie sich neu: durch Migration, durch junge Familien, durch Menschen, die bewusst zurückkehren. Was die 25 Geschichten laut Verlag verbindet, ist die Frage, wie aus einem Wohnort überhaupt eine Heimat wird. Eine Frage, die weit über Sachsen hinausreicht.
Zwei Grünauer erzählen
Beide Herausgeber verbindet die eigene Kindheit im Plattenbau. Oliver Niemeier, der ebenfalls in der Platte aufwuchs, bringt aus seiner Arbeit als Filmproduzent das Gespür mit, wie man Menschen eine Bühne gibt, ohne sie vorzuführen. Das merkt man dem Konzept an: Es geht nicht um Nostalgie oder Verklärung, sondern um O-Töne echter Bewohner:innen – von der Erstbezieherin, die in den Siebzigerjahren mit Blick auf den Kulkwitzer See einzog, bis zur Familie, die erst vergangenes Jahr nach Grünau gezogen ist.

Auch Wien kennt die Platte
Ein Buch über eine ostdeutsche Großwohnsiedlung mag auf den ersten Blick weit weg von Wien liegen. Ist es aber nicht. Auch hierzulande lebt mehr als die Hälfte der Wiener Bevölkerung in Gemeindebauten oder geförderten Wohnungen, vom Karl-Marx-Hof bis zum Wohnpark Alt-Erlaa: Großprojekte, die ebenfalls als Antwort auf Wohnungsnot entstanden und ebenfalls zwischen Stolz und Stigma pendeln. Wer als „Gemeindebau-Kind“ aufgewachsen ist, kennt das Gefühl, das dieses Buch beschreibt: Eine Adresse, über die andere die Nase rümpfen, wird zur eigenen Geschichte, sobald man sie selbst erzählt. Der große Unterschied: In Wien wird bis heute gebaut, in Grünau vor allem erinnert und neu bewohnt.
Der Bildband „Erstbezug Platte – Geschichten vom Ankommen in Leipzig-Grünau“ erscheint am 30. Oktober 2026 im Leipziger Verlag edition.zb, hat 384 Seiten (ISBN 978-3-912875-00-3) und kostet in Deutschland 35 Euro. Ein offizieller Preis für den österreichischen Buchhandel lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor.

Der Geruch von frischem Anstrich verfliegt irgendwann, das Echo im leeren Zimmer wird von Möbeln geschluckt. Was bleibt, sind die Geschichten der Menschen, die geblieben sind – in Grünau, im Gemeindebau, oder wo auch immer die erste eigene Wohnung stand.





