Die Welt will Tatort aus Wien
Die ORF-Enterprise kommt von der MIPCOM in Cannes mit zwei Neukunden zurück: Disney in Portugal und Canal+ in Österreich. Disney lizenziert zehn „Tatort“-Folgen, Canal+ ein Paket österreichischer Fernsehklassiker von „Kottan ermittelt“ bis „Kaisermühlen Blues“.

Sonntag, Viertel nach acht: In Österreich muss man niemandem erklären, was jetzt kommt. Das Wohnzimmer wird dunkel, die Chipssackerl rascheln, und irgendwo in Wien liegt wieder jemand tot herum. Dass dieses Ritual einen Exportwert hat, den man in Cannes am Messestand verkaufen kann, ist keine Selbstverständlichkeit, und die ORF-Enterprise lässt es sich diesmal ausführlich bestätigen.
Disney bestellt zehn Mal Tatort
Erstmals überhaupt schließt The Walt Disney Company in Portugal eine Vereinbarung mit der ORF-Enterprise, dem Vermarkter des ORF. Zehn Folgen der Reihe wandern nach Lissabon. Der Zeitpunkt ist bemerkenswert: Moritz Eisner und Bibi Fellner, gespielt von Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser, treten mit Jahresende ab. Für den deutschsprachigen Raum ist laut ORF-Enterprise eine DVD-Box mit den besten Fällen des Duos angekündigt.
Auch anderswo bleibt der Wiener „Tatort“ gefragt. Der Krimikanal in Deutschland sichert sich ein Paket mit 26 Episoden, und TV2 Dänemark hat laut Aussendung Interesse an einer erneuten Lizenzierung von 18 Filmen bekundet. Die skandinavischen Länder zählen damit weiter zu den treuesten Abnehmern.
Canal+ holt die Klassiker
Der zweite Neukunde ist näher dran. Canal+ in Österreich lizenziert zum Auftakt der Zusammenarbeit ein umfangreiches Fiction-Paket: „Kottan ermittelt“ und „Kaisermühlen Blues“, dazu „Kafka“, „Weber & Breitfuß“, neun Staffeln „Vier Frauen und ein Todesfall“, „Der Fall der Gerti B.“, ausgewählte Crime-Movies, „Im Schatten der Angst“ und die erste Staffel von „Alles Finster“. Wer Kottan und das Kaisermühlen von früher lange nicht gesehen hat, bekommt bald eine Gelegenheit mehr.
Weiter geht es mit „Soko Kitzbühel“: Global Series Network zeigt die Staffeln 18 bis 20 in den Vereinigten Staaten und in Kanada. Die österreichisch-portugiesische Dramaserie „Jones“ kommt nach Irland und ins Vereinigte Königreich. Samsung TV Plus nimmt in Deutschland, Österreich und der Schweiz unter anderem „Die Detektive“, „Altes Geld“, „Kebab mit Alles“ und „Polt“ ins Angebot.
Natur und Geschichte reisen mit
Neben der Fiction läuft das Factual-Geschäft. Der portugiesische Sender RTP nimmt ein großes Paket mit „Universum“-Dokus, darunter „Der Superfisch“, „Mission Seeotter“, „Kroatiens Küste“ und „Wilde Abruzzen“, dazu die erste Staffel „Biester“. RAI in Italien verlängert die Lizenz für „Elisabeth – Kaiserin auf der Flucht“, Canal+ in Polen und Frankreich greifen ebenfalls zu. Die Marke „Universum Nature“ feiert demnächst ihren 40. Geburtstag.
Die ORF-Enterprise bedient aber auch Bildschirme, die kein Wohnzimmer haben. Austrian Airlines und ÖBB setzen die Zusammenarbeit fort, die Deutsche Bahn bekommt über Endava ein Paket mit „School of Champions“, „Biester“ und „Triest – Stadt der vielen Namen“, und über den Wolken laufen ORF-Produktionen künftig bei Air China, Hainan Airlines und Oman Air. Und „Liebesg’schichten und Heiratssachen“ geht in der südafrikanischen Adaption in die dritte und vierte Staffel.
Was die Zahlen nicht sagen
Nüchtern gelesen: Lizenzverkäufe sind keine Quoten, und Summen nennt die ORF-Enterprise nicht. Die Botschaft ist trotzdem klar. ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher spricht von einer „Auszeichnung für die Qualität der Programme“ und von Sichtbarkeit für den Medien- und Produktionsstandort Österreich. ORF-Enterprise-Chef Matthias Seiringer sieht in den internationalen Lizenzierungen einen „Wachstumstreiber“. Armin Luttenberger, der das Content-Sales-Team in Cannes leitet, setzt auf die Mischung aus neuen Produktionen und Sendungsmarken mit langem Publikumswert.
Sonntag, Viertel nach acht gilt dann vielleicht bald auch in Lissabon. Wie man dort „Oberstleutnant“ untertitelt, würden wir gern einmal sehen.



