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MUSIK

Ravage, mon amour

Eine Pariser Metalband, deren Frontfrau screamt, singt, tanzt und Cello spielt, hat mir gerade das Gehör neu eingestellt. Ein Bekenntnis in Dur, Moll und tiefer Stimmung.

Von Gregor Josel · 7. November 2026 · 8 Min. Lesezeit
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Die fünf Mitglieder der Pariser Band Novelists vor einer Metallfassade
Novelists aus Paris: die Brüder Amael (Schlagzeug) und Florestan Durand (Gitarre), Nicolas Delestrade (Bass), Pierre Danel (Gitarre) und seit 2023 Sängerin Camille Contreras. © Novelists

Novelists heißen die fünf, und mit Sängerin Camille Contreras und der neuen Single „Ravage“ ist ihnen etwas gelungen, das im Metal fast als Hochverrat gilt, diesem Genre aber eine Frische verleiht, die man so nur selten erlebt hat: Sie klingen nach Pop, ohne dabei leiser zu werden.

Es gibt einen Satz, den man in Proberäumen öfter hört als „Wer hat das letzte Bier genommen?“, und er geht so: Es gibt nur zwei Arten von Musik, gute und schlechte. Zugeschrieben wird er meistens Duke Ellington, manchmal Louis Armstrong, und beide hätten sowas von das Recht dazu gehabt. Und auch Leonard Bernstein war der Meinung, dass es keine leichte oder ernste Musik gibt. Als ich noch beruflich hinter dem Drumset saß, war das gleichsam bequem wie auch extrem herausfordernd. Man musste sich nicht festlegen, ob man jetzt Rock, Funk oder Jazz spielt. Man musste nur gut sein in all diesen Genres. Leichter gesagt als gespielt. Aber im Grunde ist es aus beiden Blickwinkeln richtig. Von der Bühne und auf die Bühne, denn Geschmäcker sind verschieden, aber an Handwerk und Expertise kann man nicht wirklich rütteln.

Die Kehrseite dieses Berufs erzählt einem vorher niemand. Wer jahrelang professionell Musik gemacht hat, hört leider nie wieder unschuldig. Man hört Musik anders. Man hört den Klick im Kopfhörer, die nachgezogene Bassdrum, die Gesangsspur, die das Studio gerade gebogen hat. Man produziert sozusagen im Kopf im Nachhinein mit, ob man will oder nicht. Begeisterung wird da zur Rarität, ungefähr so wie beim Haubenkoch, der im Restaurant eher die Fehler in der Demi Glace schmeckt, anstatt sie genießen zu können. Mich haut also nicht mehr viel um. Seit ein paar Tagen ist das anders, und schuld sind fünf Leute aus Paris.

Novelists wurden 2013 von den Brüdern Amael und Florestan Durand gegründet, der eine sitzt am Schlagzeug, der andere spielt Gitarre. Dazu kommen Nicolas Delestrade am Bass, Pierre Danel an der zweiten Gitarre und seit September 2023 Camille Contreras am Mikrofon. Auf dem Papier ist das progressiver Metalcore. In der Praxis ist es eine Band, die sich um Schubladen ungefähr so viel schert wie der vielzitierte Wiener Ober im Kaffeehaus um Deine Eile.

Single-Cover von Ravage der Band Novelists mit einem Auge in Nahaufnahme
„Ravage“ ist am 3. September 2026 erschienen, das Album „CODA“ schon im Mai 2025, beides auf dem bandeigenen Label ACKOR Music. © Novelists / ACKOR Music

Am 3. September ist „Ravage“ erschienen, gut vier Minuten lang, und was in diesen vier Minuten passiert, ist eigentlich eine Musikgeschichte im Zeitraffer. Da ist ein Groove, der sich vor Meshuggah verneigt, den schwedischen Erfindern des rhythmisch verknoteten Riffs. Da ist ein Funk in den Gitarren, der eher nach Tanzfläche riecht als nach Moshpit. Da ist ein Refrain, so klebrig, wie ihn sonst nur das Formatradio herstellt, mit „Hey! Hey!“-Growls, die nach Stadion klingen. Und mittendrin, ganz selbstverständlich, ein barockes Cello, als hätte sich Johann Sebastian Bach in den Metal-Proberaum verirrt und beschlossen zu bleiben. Die Band sagt selbst, man habe den Song immer weiter getrieben, härter, melodischer, wilder, bis sich das Cello wie das Natürlichste der Welt angefühlt habe.

Das offizielle Video zu „Ravage“, gedreht von Bastien Sablé nach einem Konzept von Camille Contreras. © Novelists

Und dann ist da der Jazz, den man nicht sofort bemerkt. Florestan Durand und Pierre Danel, Letzterer früher bei der französischen Prog-Band Kadinja, spielen Riffs im Djent-Idiom, also jenes trocken abgedämpfte, rhythmisch verschachtelte Spiel auf tief gestimmten Saiten, das lautmalerisch nach seinem eigenen Klang benannt ist. Die Soli aber haben etwas Bluesiges, und mein Ohr hört darin die Jazzschule: Phrasen, die atmen, Töne, die man bewusst ein bissl schief anschleift, Pausen, die genauso wichtig sind wie die Noten davor und Runs, die auch von Frank Gambale in Chick Coreas Electric Band stammen könnten. Wer die Gitarre wie ein Präzisionswerkzeug behandelt, landet schnell bei den Texanern Polyphia. Wer sie singen lässt, landet irgendwann wieder bei Ellington. Novelists schaffen beides in derselben Minute. Und das ist unglaublich beeindruckend.

Wer viel Zeit in Autos verbringt, kennt den Unterschied zwischen einem alten Schaltgetriebe und einem Doppelkuppler. Beim einen spürt man jeden Gangwechsel, es gibt eine kurze Pause, in der nichts zieht. Beim anderen liegt der nächste Gang schon bereit, während der aktuelle noch arbeitet, und der Schub reißt nie ab. Die meisten Bands, die Genres vermischen und Pop und Metal kreuzen, schalten wie ein Lada aus den Achtzigern: Refrain, Kupplung, Krachen, Breakdown. Novelists schalten doppelt gekuppelt. Klassik, Jazz, Funk und Pop sind schon vorgewählt, wenn der Metal noch zieht, und der Schaltvorgang ist so präzise wie der eines PDK-Getriebes eines Porsche GT3 RS und darum fühlt sich der Sprung vom Ohrwurm in den Abgrund wie Beschleunigung an.

Das Getriebe in dieser Band heißt offensichtlich Camille. Ihre Biografie liest sich, als hätte jemand die perfekte Sängerin für genau diese Musik am Reißbrett entworfen und dann gemerkt, dass es sie schon gibt. Als Kind hat sie Cello und Klavier gelernt, später in einer Hardcore-Band geschrien, danach in einem Pop-Duo gesungen, und eine klassische Tanzausbildung hat sie obendrein. Von dort kommen die Hooks, diese kurzen melodischen Widerhaken, an denen das Ohr hängen bleibt, und von dort kommt auch der Schrei, der eine Sekunde später alles wieder einreißt. Sie ist die dritte Stimme der Band in zehn Jahren, nach Matteo Gelsomino und Tobias Rische, und an genau so einem Wechsel gehen sonst Bands zugrunde. Die Fachpresse schrieb damals, Camille habe Novelists gerettet. Ich würde eher sagen: Sie hat sie erst fertig gemacht.

Dann die Optik. Metalvideos sind traditionell eine überschaubare Kunstform: Lagerhalle, Funkenflug, Zeitlupe, irgendwer schüttelt die Haare, wenig Licht, viel Darkness. Das Video zu „Ravage“ hat Bastien Sablé gedreht, der sonst unter anderem für den französischen Popstar Aya Nakamura arbeitet, das Konzept stammt von Camille selbst. Choreografie, Bildsprache aus der Popwelt, ein Formwille, der eher an eine Modestrecke denkt als an ein Festivalgelände. Das Budget für eine große Produktionsfirma wäre da gewesen, die Band hat den Großteil trotzdem selbst gestemmt, damit das Geld weiter reicht. Man nennt so etwas Besessenheit, und man sieht ihr gern zu.

Sängerin Camille Contreras im pinken Kleid vor Tänzerinnen, Standbild aus dem Ravage-Video
Bildsprache aus der Popwelt statt Lagerhalle: Das „Ravage“-Video drehte Aya-Nakamura-Regisseur Bastien Sablé nach einem Konzept von Camille Contreras. © Novelists (Video: Bastien Sablé)

Jetzt spricht der Drummer in mir. Ein Kritiker hat vor ein paar Jahren angemerkt, das Schlagzeug bei Novelists sei bloß das Rückgrat. Für jeden, der selbst einmal hinter einem Set gesessen ist, klingt das wie ein Kompliment. In dieser Musik muss die Bassdrum exakt mit den Gitarren zusammenfallen, Schlag für Schlag, Synkope für Synkope, und schon die kleinste Unschärfe lässt das Gebäude wackeln wie ein Kartenhaus beim Föhn. Sehr oft sind Drumtracks im Metal extrem kompliziert und fühlen sich an, als seien sie nicht ganz eingebettet in die Gesamtheit eines Songs. Amaels Drumming ist nicht weniger komplex, aber es fühlt sich überhaupt nicht so an. Erst wenn man zwei oder drei oder viermal hinhört, wird einem die Komplexität dieser Drumspur bewusst. Amael stellt sein Ego hinter den Song und macht das Fundament so fest, dass oben alle anderen tanzen können. Und bei „Ravage“ tanzt sogar das Cello. Und klar, im Studio lässt sich das alles hinbiegen, aber Novelists halten live das, was sie im Digitalen versprechen und jeder, der mich kennt weiß, dass ich das schon sehr lange nicht mehr von einer Band behauptet habe.

Das dazugehörige Album „CODA“ ist schon im Mai 2025 erschienen, auf dem bandeigenen Label ACKOR Music. Manche Rezensenten fanden die Metalcore-Formel darauf bisweilen vorhersehbar, andere vergaben die Höchstnote. Nona, die Formel ist sichtbar. Aber auch ein Wiener Schnitzel ist eine Formel: Fleisch, Mehl, Ei und Brösel, und trotzdem liegen zwischen dem Convenience-Schnitzel aus der Fritteuse und dem, wo die Panier souffliert, Welten. Mit „Ravage“ souffliert sie.

Die Welt bekommt das gerade mit. Hellfest, Graspop, Download, Touren durch die USA, Europa und China, im Oktober eine Europa-Runde mit The Devil Wears Prada, die am 12. Oktober auch in der Simm City in Wien Station gemacht hat. Am 23. April 2027 spielen sie das Olympia in Paris, die größte Headline-Show ihrer Karriere, in jenem Saal, in dem schon die Piaf stand. Ich lehne mich weit hinaus: Novelists sind für mich die Entdeckung des Jahres, und „Ravage“ ist das Beste, was ich seit Jahren gehört habe. Bleibt diese Besetzung zusammen, steht der Band eine Karriere bevor, gegen die das Olympia nur die Aufwärmrunde war.

Duke Ellington hatte also recht, oder Armstrong, oder Bernstein oder wer auch immer es zuerst gesagt hat. Es gibt nur zwei Arten von Musik. Novelists spielen eindeutig die eine, und sie spielen gleich mehrere Genres davon auf einmal.

Novelists: Single „Ravage“ (ACKOR Music, 2026), Album „CODA“ (2025), live am 23. April 2027 im Olympia, Paris. www.novelists.store