Film & Serie

Superheldenfilme sind nichts (mehr) für Kinder

Ich kann mich noch erinnern, als ich als Frühpubertierender den ersten X-Men-Film gesehen habe. Irgendwie war damals klar, Superheldenfilme sind was für Kinder oder Junggebliebene. Jetzt, siebzehn Jahre später, flimmert der letzte Streifen mit Hugh Jackman alias Wolverine-Beteiligung über die Kinoleinwände und ich stelle fest: Das Genre hat sich geändert und für Kinder ist das sicher nichts mehr.

Text: Jakob Stantejsky

Logan alias Wolverine ist ganz schön am Arsch. Anders kann man das nicht ausdrücken. Der Held wird zu Beginn des Filmes (der im Jahr 2029 spielt) ausführlich als gealterter, verbitterter Alkoholiker gezeigt, der keine Erwartungen mehr an die Welt hat, aus der die Mutanten praktisch verschwunden sind. Gut, werdet ihr jetzt sagen, unfreundlich und versoffen war Wolverine doch schon öfter? Stimmt schon, aber in „Logan – The Wolverine“ erreicht der Charakter neue Tiefen. Seine Heilfähigkeit ist nämlich auch nicht mehr das, was sie mal war. Logan hinkt, die Wunden heilen nicht mehr ordentlich und die Alterserscheinungen wirken sich deutlich auf seine Kampffähigkeiten aus. Vorbei die Zeiten, als er 20 Leute fertiggemacht hat, ohne einen Kratzer abzukriegen. Ganz normale Fußsoldaten wirken mittlerweile fitter und richten Wolverine ordentlich zu. Kein Zusammenstoß, aus dem er nicht blutend und röchelnd entkommt. Ein strahlender Superheld schaut anders aus.

Als Erwachsener verleiht all das der Geschichte eine gewisse neue Glaubwürdigkeit (wenn man dieses Wort im Zusammenhang mit Mutanten in der Zukunft verwenden möchte), doch als Kind will man den Helden sicher nicht als abgewracktes Arschloch sehen. Natürlich – so viel kann spoilerfrei verraten werden – zeigt Wolverine in letzter Konsequenz seine gute Seite, aber einen Großteil seiner Screentime verbringt er nicht als Superheld, sondern als Überlebenskämpfer – frei von jeder Romantik.Superheldenfilme bekommen in den letzten Jahren mehr und mehr Anerkennung, oft auch zu Recht. Denn das Genre hat sich weiterentwickelt. Viele Plotlines stehen denen von vielbeachteten Thrillern um Nichts nach, auch wenn die Dialoge, dem Quellenmaterial geschuldet, manchmal etwas sehr dick aufgetragen sind. „Logan – The Wolverine“ ist hier keine Ausnahme, einige Zeilen hätten sich die Schreiber locker schenken können. Dennoch bleibt unter dem Strich ein Film stehen, der mehr will, als nur Marvelfans zu befriedigen. Und die neuen Ansprüche führen zu einer neuen Ästhetik, die nichts mehr mit den ersten Superheldenfilmen dieses Jahrtausends zu tun hat. Das Kinderpublikum wird dabei wissentlich geopfert. „Logan – The Wolverine“ ist nicht der beste oder revolutionärste Genrevertreter. Aber an dem Einzelgänger mit den Adamantiumkrallen kann man besonders schön erkennen, wie viel sich verändert hat. Und für uns Erwachsene ganz eindeutig nicht zum Schlechteren. Brutalität, Drama und Verzweiflung – Superheldenfilme sind oft nichts mehr für Kinder, aber für alle anderen gewinnen sie an Tiefe.