Interview

Lisa Eckhart im Interview: Ohne Pathos ist alles nichts

Sie erscheint in Versace-Hosenanzug und Blaufuchspelz in einem Wettcafé in Wien-Margareten. Ihre Körpergröße ist so beeindruckend wie ihr Mundwerk, sie schmiedet „Verse perverser Verstörung“. Mit dem WIENER sprach Lisa Eckhart über Männer und was sie können müssen, um ihre Liebhaber zu werden.

Interview: Manfred Rebhandl / Fotos: Maximilian Lottmann

 

Frau Eckhart, Sie sehen fantastisch aus! Und Sie nehmen keine falsche Rücksicht auf Tierschützer. Ist das ein Blaufuchs?
Ja, ich habe ihn aus dem Internet, dort jage ich Pelzwitwer. Männer, die ihre Gattin verloren haben, was natürlich einerseits sehr traurig ist, aber der Schrank ist dann andererseits voll mit Pelzen, die der Gatte nicht mehr braucht, weil die Gattin sie nicht mehr tragen kann, was dann wiederum meine Chance auf die Pelze ist. Manchmal bittet mich einer, den Pelz seiner Gattin vor ihm noch einmal zu tragen, aus Gründen der Sentimentalität, ich sage dann immer: Gib mir auch eine Perücke von ihr, damit ich aussehe wie sie, ich liebe ja Pathos und Drama, und Hauptsache, er senkt dann den Preis, was immer der Fall ist. Auf diese Art bin ich schon an fünf solcher Pelze gekommen.

Auch Ihr Hosenanzug ist wunderschön, ist der von Chanel?
Von Versace.

Sie beschreiben auf der Bühne mit großer Sprachkunst ihr Heranwachsen am Land ganz ohne Versace, „wo a Watsch’n nu g’sund ist, und wer um sechs nu schlaft a mordsfauler Hund ist“. Sind Sie eine mordsfaule Hündin?
Ich stehe gegen 12 Uhr auf oder eher danach, also ja, ich bin Künstlerin. Ich bin es doch meinem Publikum schuldig, dass ich ein Leben führe, das sie selbst nie führen werden. Der Graben zwischen mir und dem Publikum ist ja nicht metaphorisch, der ist ja ganz real vorhanden.

Nach dem Aufstehen werfen Sie dann einen ersten Blick in den Spiegel?
Und dort verweile ich für mindestens eine Stunde, meistens länger, und schaue mich nur an. Ich bin ja klassische Narzisstin, ich genüge mir selbst und brauche nicht die Anerkennung anderer wie diese Instagram-Leute.

Zwei, die sich nicht gerne duschen: Manfred Rebhandl und Lisa Eckhart halten Körperhygiene für völlig überschätzt.

Wann kommen Sie dann zum Duschen?
Ich habe seit zwei Wochen nicht geduscht. Körperhygiene halte ich für vollkommen überschätzt, wenn nicht gar für überflüssig. Auch wenn es mir keiner glaubt.

Kommt also umgekehrt auch der ungeduschte Mann als Liebhaber für Sie in Frage?
Na, Moment. Was mir erlaubt ist, das muss doch dem Mann noch lange nicht erlaubt sein!

Das klingt, entschuldigen Sie, nach Doppelmoral.
Sollte „der Mann“ es bis in mein Bett schaffen, dann wird er diese meine Doppelmoral schon akzeptieren müssen.

Ist der Geruch des anderen nicht wichtig in Hinblick auf den möglichen gemeinsam zu vollziehenden Liebesakt?
Natürlich ist der Geruch sehr wichtig in Hinblick darauf. Aber am schlimmsten ist es doch, wenn einer überhaupt nicht riecht. Dieses Aseptische, dieses übertrieben Gepflegte lehne ich wie gesagt entschieden ab.

Aber wenn Ihnen dann einer den Fuß küssen möchte, weil Sie so fantastisch aussehen, überlegt er es sich vielleicht am Ende noch?
Ganz gewiss wird er sich das nicht noch überlegen, denn ich trage ja Stiefel dabei!

Männer jeglicher Geruchsrichtung rennen Ihnen gewiss die Türe ein.
Ach, leider gar nicht! Es gibt viel zu wenige, die mir den Hof machen. Und die es dann doch tun, sind von geradezu fahrlässiger Stupidität. ­Natürlich haben die allermeisten keine Chance bei mir, aber das soll sie doch nicht daran hindern, es zu versuchen!

Keiner, der Ihnen nach einem Auftritt mal seine Telefonnummer zusteckt und sagt: „Na, Puppe, gehen wir noch auf eine Cola und dann zu mir?“
Nein, nie! Wissen Sie, mein Publikum setzt sich überwiegend zusammen aus Teenagermädchen und Männern um die 50, und für beide interessiere ich mich nicht. Nach meinen Auftritten mischt sich das dann dahingehend durch, dass die Teenagermädchen ihren Vaterkomplex entdecken und die um die 50-Jährigen ihrer Sehnsucht nach jungem Fleisch nachgeben, wodurch sie Gott sei Dank mich vergessen und ich unbehelligt bleibe von jeglicher Avance.

Dabei haben Sie wirkliche Fans! Im Internet überschlägt sich einer richtiggehend: „Was für eine Frau! Sie ist in ihrer Gesamtheit die Summe der Einzelheiten, bei der die Erfordernis entfällt, etwas hinzuzufügen, wegzulassen oder zu verändern, als Definition von Schönheit. Eine Göttin, deren Anbetung ein Verbrechen darstellen würde.“ Haben Sie verstanden, was er meint?
Ich habe natürlich alles verstanden, und er hat in allem recht! Ich schmelze gerade dahin! Dieser Mann hätte alle Chancen bei mir, wo ist er?

„Mit der deutschen Sprache arbeiten ist wie Gold schöpfen“, haben Sie einmal gesagt. Wenn einer das kann, dann ziehen Sie ihn in Erwägung?
Wenn er mir im rhetorischen Gefecht gewachsen ist, eventuell ja. Gesprochene Sprache ist mir wichtiger als so­genannte nonverbale Kommunikation.

Tief in die Augen schauen und sich zuprosten?
Schrecklich! Damit kann ich rein gar nichts anfangen!

Und wenn einer beim Reden besser ist als Sie?
Meinen Sie diese Frage ernst?

Äh … na ja.
Dann töte ich ihn und gieße ihn in Bernstein! Ich bin ja ein sehr neidischer Mensch, ich liebe Pathos. Ohne Pathos wäre sogar der Geschlechtsakt vollkommen sinnlos, das rein Mechanische, das macht man ja dann doch selbst immer irgendwie besser, nicht wahr?

Ist Masturbation nicht eine unbefriedigende Ersatzhandlung?
Ich bitte Sie! ­Masturbation ist doch nie nur eine Ersatzhandlung!

Sie sagten einmal: „Ich geh auf die Wies‘ und schupf dort a Kuah um, that’s entertainment.“ Worüber lachen Sie gerne?
Na, über umgestoßene Kühe!

Sie sind in Leoben bei den Großeltern aufgewachsen. Familienfeiern am Land beschreiben Sie wie folgt: „Schwerstens alkoholisiert und Inzestgebot!“
Das Problem bei Familienfeiern ist doch, dass man mit fortgeschrittenem Alkoholkonsum immer irgendwie lüstern wird, und ich bin ja überhaupt so schnell erregt! Meine Mutter hat 13 Geschwister, und wenn wir dann alle zusammen sind, die Onkel, Neffen, Cousins und ich, da wird es schon rein mathematisch schwierig, nicht inzestuös zu sein!

Die Inzüchtigen, deren „Stammbaum ein Kreis ist“, wie Sie einmal sehr schön formuliert haben, erkennt man aber ohnehin daran, dass sie „scheangln“, wie Sie auch gesagt haben.
Aber du erkennst nicht mehr, dass einer scheangelt, wenn du so betrunken bist, dass du selbst scheangelst!

Waren Sie denn außerhalb der eigenen Familie eine Außenseiterin?
Hätte ich andere Kinder getroffen oder gar Freundinnen gehabt, wäre ich ohne Zweifel eine Außenseiterin gewesen, aber ich traf ja niemanden! Meine Großmutter war so begeistert von mir, dass sie mich ganz ­alleine haben wollte, sie hat mich geradezu angebetet, aber nicht verzärtelt, ich war ja ihr einziges Enkerl. Heute ist sie 86, und im Sommer verbringe ich eine Woche mit ihr in St. Petersburg. Sie wollte dann noch weiter mit dem Schiff nach Moskau, und dann noch weiter bis Odessa.

Zum gemeinsamen Strandurlaub?
Ich und Strand? Niemals! Ich gehe doch nicht in die Sonne! Erstens wegen meiner Haut, und dann wegen dem bedingt Ästhetischen. Keine Frau würde in ihrer Unterwäsche herumlaufen, aber am Strand ist man plötzlich mit diesem vulgären Kleidungscode konfrontiert. Also entweder ganz nackt oder ganz angezogen.

Wie war der Großvater?
Der wusste durchaus noch, was ein Obersturmbannführer macht. Der wollte mir auch hin und wieder eine Frisur verpassen, und wenn dabei das Zöpfeflechten nicht richtig weh tat, dann war es für ihn keine Frisur!

Ist das der Typ Mann, den Sie heute selbst jagen?
Im Vorzimmer meiner Wohnung steht eine Büste von Caligula, und sie steht dort gewiss nicht zufällig. Aber insgesamt habe ich kein bestimmtes Beuteschema, meine Ansprüche an Männer erscheinen mir selbst völlig irrational, was soll ich sagen? Ich liebe sie einfach, ich bin besessen von ihnen, sie sind die Objekte meiner Begierde.

Duo infernale: Rebhandl und Eckhart

Dann verlieben Sie sich oft?
Ich verliebe mich wahllos, und wenn ich mich verliebe, dann nach meinem eigenen Drehbuch: Ich vergesse mich, liege im Gras und bin hysterisch, gebe immer 300 Prozent und drehe regelrecht durch. Ich stalke denjenigen sogar, den ich mir auserwählt habe, oder ich werfe mich vor ihm in den Staub.

Das ist doch würdelos.
Das ist es nicht! Denn es ist wie gesagt immer mein Drehbuch, und wenn ich nach meinem Drehbuch vorgehe, kann ich meine Würde gar nie verlieren!

Sie verloren Ihre Würde auch nicht, als Sie vollkommen nackt in einer Galerie in Berlin und später auch einmal auf dem Potsdamer Platz herumstanden. Trugen Sie dabei nicht einmal Schuhe?
Ich trug selbstverständlich Schuhe, ich trage immer Schuhe!

Notfalls auch im Bett während des Geschlechtsaktes?
Wenn ich dabei den Rest meiner Kleidung vor oder während des Geschlechtsaktes ausziehen kann, dann ja.

Legen Sie denn beim Geschlechtsakt Wert auf die Umgebung, auf eine gewisse Atmosphäre?
Umgebung und Atmosphäre sind natürlich von immenser Bedeutung, wobei mich ein viktorianisches Schloss ebenso begeistern kann wie eine Bahnhofs­toilette.

Wenn wir schon darüber reden: Wie wichtig ist denn für Sie in diesem Zusammenhang die allgemeine Beschaffenheit des männlichen Geschlechts?
Sie meinen des männlichen Gliedes?

Des Penis, ja.
Also der Schwanz ist natürlich von enormer, wenn nicht zentraler Bedeutung. Deswegen schaue ich mir einen Mann ja erst an, weil er einen Schwanz hat!

Schauen Sie dann auch Pornos?
Aber ­natürlich!

Immer bis zum Cumshot?
Nur deswegen!

Sie haben in einem Text sogar der lieben Maria Magdalena einen solchen von Jesus Christus zugestanden: „Dieses, was ich euch berichte, war erster Cumshot der Geschichte!“, sagen Sie zum Thema. Sind das „Verse perverser Verstörung“, wie Sie mal gesagt haben?
Was soll ich denn sonst meinem Publikum bieten? Ich könnte sie alle dreschen mit ihrer Toleranz und Kreativität, das ist doch alles so lächerlich und überzüchtet mittlerweile, es ist überall wie in Berlin, wo alle so „authentisch“ sind. Das hat aber in der Kunst nichts verloren, Kunst ist diktatorisch! Und das Schlimmste, was man in der Kunst machen kann, ist zu langweilen.

Veranstalter reden mit Lisa Eckhart gerne über ihre Frisur, vielen aber fällt gar nichts ein, wenn sie mit ihr reden. Im rhetorischen Gefecht ist ihr kaum einer gewachsen.

Geben Sie auch in der Liebe gerne den Ton an?
Unterschiedlich! Mal ich, mal der andere. Grundsätzlich ist mein Leben so anstrengend, dass ich während des Liebesaktes auch gerne ruhe, ich liege dabei gerne, bevorzuge es klassisch, soll der andere ruhig machen.

Die ganzen zehn Minuten?
Natürlich nicht! Ich lege dazwischen auch gerne mal ein Päuschen ein, brauche ein Schläfchen, werde aber auch gerne mal im Schlaf überrascht! Ich liebe ja Gewalt, wenn darüber Einverständnis herrscht. So wie bei Hooligans, die sich im Wald treffen, um im gegenseitigen Einverständnis aufeinander einzudreschen. Beim Sex erwarte ich mir dann allerdings ein wenig mehr Raffinesse als die eines Hooligans, der in den Wald geht, um sich zu prügeln.

Wollen wir über Ihr erstes Mal reden?
Es passierte in Paris …

Oh, là là, in der Stadt der Liebe …
Na, warten Sie! Mit einer Freundin zusammen entwand ich mich gerade dem Zugriff von vier zudringlichen Wüstlingen, nur um in einer Bar einen weiteren zu treffen, der uns gefügig machte mit ich weiß nicht mehr was! Jedenfalls landeten wir bei ihm in seiner 9-m2-Wohnung, wo er dann das Glück hatte, gleich zwei wunderschöne Österreicherinnen … mon dieu! Lassen wir das. Ich war dann ein Jahr mit ihm zusammen.

Und wie machen Sie Schluss mit Männern?
Da ich sehr konfliktscheu bin, gehe ich beim Schlussmachen davon aus, dass der andere schon irgendwie gemerkt haben sollte, dass die Liebe gegangen ist. Wenn nicht, dann verlasse ich die Stadt oder auch mal das Land, von Paris ging ich nach London.

Was aber, wenn einer anfängt zu weinen, gar hündisch bettelt, dass Sie bei ihm bleiben mögen?
Keine Chance.

Und wenn einer darüber „reden“ möchte?
Noch weniger.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie verlassen werden?
Das kommt natürlich nicht vor. Aber wenn doch, dann sieche ich und bin dramatisch. In der Regel aber pflege ich freundschaftlichen Umgang mit meinen Verflossenen. Es ist auch eine Erleichterung, in dem Mann, der sich ja wirklich sehr ­anstrengen musste, um mich nicht zu langweilen, einfach mal den Menschen sehen zu können.

Umgekehrt ist mancher Mann vielleicht auch erleichtert, wenn er nicht mehr 300 Prozent geben muss?
Ich hörte auch schon tiefe Seufzer der Erleichterung, ja.

Haben Sie denn ständig ein Notizbuch dabei, um Ihre Ideen hineinzuschreiben?
Ich könnte alle dreschen, die ein Notizbuch dabeihaben.

Ein grübelnder Mann mit einem kleinen Moleskine in der Tasche, in das er ständig seine „Gedanken“ schreibt, wird also nicht Vater Ihrer Kinder?
Sowohl mit „Gedanken“ als auch mit Notizbüchern kann ich absolut nichts anfangen. Wer sich in der Kunst Gedanken macht, der ist verloren.

Haben Sie literarische Vorbilder?
Ich habe noch nie etwas gelesen, das nach 1900 geschrieben wurde. Und Prosa insgesamt interessiert mich gar nicht. Was nicht in fünf Sätzen erzählt werden kann, das taugt ohnehin nichts.

Wollen Sie mal Kinder?
Ich will unbedingt ein Kind, und es muss mich dann mit „Sie“ ansprechen!

Bei den hohen Ansprüchen, die Sie an Ihre Liebhaber stellen, könnte es sein, dass der Vater des Kindes nicht lange an Ihrer Seite sein wird?
Es könnte sogar sein, dass er gar nicht weiß, dass er der Vater meines Kindes ist!

Darf ich Sie abschließend noch fragen, was Sie da im Köfferchen haben?
Noch gar nichts. Ich bin auf dem Weg zu meinem Verlag, um dort ein paar Exemplare meines Buches abzuholen, das übermorgen erscheint.

Über das Buch haben wir jetzt gar nicht gesprochen!
Jetzt wo Sie es sagen, fällt es mir auch auf!

 

(c) Verlag

Lisa Eckhart (24)
wuchs bei ihren Großeltern in der Nähe von Leoben auf. Sie maturierte in Graz und studierte Germanistik und Slawistik an der Pariser Sorbonne. Über den Umweg London kam sie nach Berlin, wo sie erste Auftritte als Poetry-Slammerin absolvierte. 2015 gewann sie die österreichischen Poetry-Slam-Meisterschaften, für ihr Kabarettprogramm „Als ob Sie etwas Besseres zu tun hätten“ gewann sie den Förderpreis des Österreichischen Kabarettpreises. Nun erschien ihr erstes Buch „Metrische Taktlosigkeiten. Eine Einführung ins politische Korrektum“ (Schultz & Schirm Verlag). Sie lebt in Wien.