AKUT

Die Geld Verschwörung

Hannes Kropik

„Nur weil du paranoid bist, heißt es nicht, dass sie nicht hinter dir her sind“,  wusste Joseph Heller schon 1961 in seinem Literatur-Klassiker „Catch 22“. Was also, wenn in wirren Verschwörungstheorien doch ein Funken Wahrheit steckt?

An der Zapfsäule ist es einfach: Mit ruhiger Hand nähert man sich dem nächstbesten Zehnerbetrag, ein leichter Nervenkitzel, Tropfen für Tropfen für Tropfen, gewinnt das Spielchen aber letztendlich zuverlässig. Doch dann betritt man mit zufriedenem Lächeln den Verkaufsraum, lässt den Blick über die dargebotenen Leckerlis schweifen, entscheidet sich für eine kleine Belohnung in Form des Schokoriegels und des Kaltgetränks – und kracht hart auf den Boden der Realität: „Macht 43,67, Chef.“ Da lauert er wieder: dieser verdammte Schotter, den man zentnerschwer im Hosensack mit sich herumschleppt (aber doch nie die richtige Menge, um es zum Beispiel genau jetzt dem Tankwart mit barer Münze heimzuzahlen). „Mit Bankomat, bitte.“

Und irgendwo sitzt irgendwer und klopft sich brüllend vor Lachen auf den Schenkel.


Weil: Wann hat Ihnen das letzte Mal die Registrierkassa eine hübsch runde Summe zusammengerechnet? Im Supermarkt, im Wirtshaus, im Elektronikgroßmarkt? In der Buchhandlung, in der Bäckerei, im Baumarkt? In der Drogerie, in der Trafik, im Papierfachwarenladen? Eben!

Das wird wohl Zufall sein, sagen Sie. Ja, vielleicht. Das wird schon seine statistischen Gründe haben, sagen Sie. Ja, möglich. Ach, da spinnt sich jemand eine kleine Verschwörungstheorie zusammen, sagen Sie. Ja, wahrscheinlich. Immerhin trage ich gerade einen linksgedrehten Alu-Hut zum Schutz gegen belebtwassrige Chemtrails.

Nein, ernsthaft.

Ist ihnen schon aufgefallen, dass es immer weniger Bankomaten gibt? Mit dem Ausdünnen der Banken- und Postnetze (speziell abseits der bevölkerungsstarken Ballungsräume) geht ein Rückgang der Cash-Maschinen einher. Dass gerade jetzt über mehr oder minder gut deklarierte Bankomatengebühren diskutiert wird, verstärkt den Eindruck, dass der Druck hin in Richtung bargeldlosen Zahlungsverkehrs immer größer wird.

Aber warum?

Gute Frage.

Überlegen wir uns folgendes: „Kundenkarte haben wir?“ bedeutet ja letztendlich nur, dass der Aussteller selbiger Karte gewisse Informationen gewinnt. Zum Beispiel: Wer Chips und Bier kauft, der kauft auch ein bestimmtes Duschgel, ein bestimmtes Sugo, einen speziellen Nassrasierer. So what? Naja, ein Sonderangebot hier, eine Rabattaktion da und schon zahlt man mehr als zuvor, weil der Preis eines der fixen Bausteine dann unbemerkt doch deutlich angehoben wurde. Vielleicht nicht, vielleicht aber auch schon. Haben Sie je darauf geachtet?

Aber denken wir größer, Hashtag Gläserner Mensch. Je öfter wir mit Plastik bezahlen – und da ist es letztendlich egal, ob mit Kredit- oder Bankomatkarte – desto mehr Daten liefern wir. Wer die Daten abschöpft und was er damit tut, wissen wir nicht. Und nein: Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten, das gilt als Argument ganz einfach nicht.

Welche Informationen könnte die Finanz gewinnen, wenn sie Geldströme des Einzelnen lückenlos verfolgen kann? Herr Mustermann gibt an, per anno eine Summe X zu verdienen, gibt aber X+ aus? Wie geht denn das? Gibt es etwa unversteuerte Einnahmen? Legeren Zugriff auf ein späteres Erbe? Einen florierenden Drogen- und Waffenhandel mit andorranischen Freischärlern?

Hach, immer diese verqueren Verschwörungspraktikanten.

Quiet Please. Lassen Sie uns den Gedanken mit größerer Ernsthaftigkeit verfolgen. Wie fällt eine Bonitätsprüfung aus, wenn ihr potenzieller Kreditgeber zweifelsfrei und centgenau erkennen kann, wofür Sie ihr Geld in der Vergangenheit ausgegeben haben? Werden Sie als Wohnungsmieter in Frage kommen, wenn der Hausbesitzer über ihre privatesten Vorlieben vielleicht noch besser Bescheid wissen kann als ihr Partner? Kann ihnen Ihr Vorgesetzter das Leben am Arbeitsplatz zur funkensprühenden Hölle machen, weil er sich ihrer Abhängigkeit von diesem mies bezahlten Drecksjob absolut sicher sein kann?

Okay, aber wer soll hinter diesem großen Plan stecken? Die Bilderberger? Die Illuminaten? Die Freischwimmer oder Tempelmaurer? Gewisse Kreise an der Ostküste?

Keine Ahnung. Aber wir werden es herausfinden und einen Preis dafür bezahlen. Und bei dem wird es wurscht sein, welcher Groschenbetrag hinter dem Komma steht.