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Sex 2017 – „Stehst du auch nicht auf PIV-Sex?“

Bekanntlich wurde der Geschlechtsverkehr erst vor 60 Jahren erfunden. Aber nie ging es ihm so mies wie heuer. Stehst du auch nicht auf Penis-in-Vagina-Sex?

Text: Manfred Sax

Meine Sex-Hashtags des Jahres: #vulva, #schwanzgesteuert, #penisfixiert, #manspreading; schließlich #PIVsex, wie in: „Stehst du auch nicht auf PIV-Sex?“ Absender ausschließlich Frauen des globalen Dorfes. Die Vulva als besseres Wort für Vagina, weil sie auch die anderen Besonderheiten des weiblichen Schritts per Definition inkludiert – den exquisiten Hügel der Venus und natürlich das Wichtigste, die Klitoris, den Gipfel des Feuerbergs aus achttausend Nerven und Sinneszellen, das Zentrum der weiblichen Lust. Müßig zu erwähnen, dass der aufgeklärte Mann die Klitoris miteinbezieht, wenn er gedanklich der Vagina verfällt; dass allein die Erwähnung des Wortes Vagina ein paar Hormone in seinem Blut zu triggern vermag, um sein Gemüt zu wärmen. Das schafft die Vulva bei ihm nicht, das Wort lässt ihn kalt, sie hat (noch) kein gesellschaftliches Narrativ. Aber vermutlich ist das genau der Punkt. Die Vulva ist in der Kommunikation noch nicht zwischengeschlechtlich geladen, sie ist von Frauen für Frauen, und das ist wohl das Gebot des Moments. Es herrscht kritische Distanz zum Mann, wie in den anderen vier Hashtags zum Ausdruck gebracht. Jenem Mann, der mehr Platz beansprucht, als er eigentlich hat; der offenbar mit einem Organ denkt, dessen Intelligenz ausgesprochen einseitig unterwegs ist. Und natürlich gäbe es dazu von Männerseite jede Menge Einsprüche, insbesondere von ­Männern, die sich von den Hashtags nicht betroffen fühlen, wenngleich sie betroffen sind. Aber darum geht es gerade nicht. Es geht um Selbstbesinnung, den Blick nach innen; für sie um ermächtigte Identität, für ihn um das Finden bzw. „refreshen“ einer akzeptablen Form der Interaktion und das Stanzen traditioneller männlicher Attitüden jenseits des Auslauf­datums.


Es mag aufgefallen sein, dass bei meinen ­Hashtags 2017 so dominante Begriffe wie ­#generationWeinstein und #metoo fehlen. Warum glänzen diese verbalen Schwergewichte, die das ausgehende Jahr thematisch vereinnahmten wie sonst nichts und andere heftige Ereignisse wie den Genozid an den Rohingya in Myanmar zu Kurznachrichten degradierten, hier mit ­Abwesenheit? Simple Antwort: Weil sie nichts mit Sex zu tun haben. Das Thema von #generationWeinstein und #metoo ist Missbrauch, ist Vergewaltigung, ist Kriminalität. Es geht und ging dabei im Kern nicht um sexuelle Befriedigung, sondern um die inszenierte Erniedrigung anderer. Das ist kein sexueller Akt. Sex ist ein kommunikativer Akt, das heißt, die am sexuellen Akt Beteiligten vermitteln einander Bedeutung. Sie sind tendenziell befreiend und ermächtigend unterwegs, sie zelebrieren Best of Gemeinsamkeit. Nur, wenn es um o. a. kriminelle Akte geht, ist medial immer von „sexuellem Missbrauch“ die Rede. So wurde das Wort „sexuell“ toxisch, es hat nur noch miese Presse, es kommt nie sexy rüber. Das ist fatal. Sex ist heute schon unglaublich kompliziert, noch ehe die zwischenmenschlichen Kompli­kationen beginnen.

Tatsächlich hätte #metoo schon lange passieren müssen. Erinnert noch jemand 2016, als Männer mit zivilisatorischen Lernschwierigkeiten bzw. aggressive Mobs sich an deutschen Bahnhöfen, englischen Schulen und amerikanischen Universitäten wahllos an Frauen vergriffen? Auch das wurde „sexueller“ Missbrauch genannt. Nur ist es halt schwierig, einen ganzen, noch dazu anonymen Mob durchs globale Dorf zu treiben. Eine alte, mächtige Obersau wie Weinstein ­eignet sich dafür vergleichsweise simply ideal. Gut so. Die politischen Konsequenzen der Neujahr­sexzesse an den deutschen Bahnhöfen waren allerdings trüb: Die Regierung überholte die Asylpolitik und schuf ein noch kälteres ­Klima. Das Thema „sexueller Missbrauch“ ­wurde ­behandelt, als wäre es ein von Aus­ländern importiertes Problem. Trotz riesiger ­Infostreams in allen Netzwerken herrscht ein gewaltiges Informationsdefizit.

Vielleicht macht es Sinn, das Thema vom Anfang an aufzurollen. Am Anfang, schrieb meine Lieblingsfeministin Camille Paglia (Camille Paglia: Sexual Personae, Yale University 1990), war die Natur, und ihr Punkt ist, dass der Mensch nicht zu den Darlings der Natur gehört. Als das menschliche Leben begann, war die Natur etwas Übermächtiges und Angst Einflößendes. Es brauchte eine Zivilisation, die mit absurdem Gedankengut wie dem Glauben an die Güte der Natur und die ­Existenz guter Gottwesen be­haftet war, um die menschlichen Überlebens­mechanismen erfolgreich in Gang zu bringen. Und es brauchte soziale Kontrollen, um die dem Menschen innewohnende Grausamkeit zu bannen. Seit Rousseau, meint Paglia, dominierte die romantische Vorstellung, dass soziale Reformen zu einer Art Paradies auf Erden führen. Andererseits brauchte es nur zwei Weltkriege, um all diese Vorstellungen zu erschüttern. Allerdings braucht es auch Sex, um das menschliche Überleben zu gewährleisten. Und Sex ist die Natur im Menschen, laut Paglia der Treffpunkt, wo „Moralität und gute Absichten primitiven Trieben weichen.“ (Jean-Jacques Rousseau: Der Gesellschaftsvertrag (1762), beginnend mit den Worten: „Der Mensch wird frei geboren, aber überall ist er in Ketten.“) Der Punkt offenbar, wo Männer ihren inneren Weinstein äußerln führen, wenn soziale Kontrollen versagen. Nur hat Primitivität auch ihre coolen Seiten. Man betrachte die hier abgebildete Utroba-Höhle, die unbekannte Steinmetze vor 3.000 Jahren in einen Fels der bulgarischen Rhodopen-Berge gemeißelt haben. Eine großartige Vulva, die wie ein Altar rüberkommt. Zur Mittagszeit wirft die Sonne durch eine Öffnung an der Decke Licht in diesen ­Tempel, das wie ein Phallus in die Höhle gerät, der mit Untergang der Sonne immer länger wird. Leute, das ist Hingabe, das ist Andacht, das ist Liebe zur Natur des Weibes, zu Sexualität. Es ist die Vision von einem primitiven, nonverbalen Kommunikationsprozess, der glücklich macht – sonst hätten sich die Künstler die Arbeit nicht angetan. Eine Vision, die auch die Kinder der sexuellen Revolution animierte – die Generation im Alter von Weinstein.

Vulva aus Stein: In der Nähe von Kardzhali in Bulgarien befindet sich die Höhle „Utroba“, was auf Deutsch so viel heißt wie „Mutterleib“. Am Ende der Höhle befindet sich ein Altar. Foto: (c) Filipov Ivo

Bekanntlich wurde der Geschlechtsverkehr erst vor nicht einmal sechzig Jahren erfunden. Laut dem englischen Poeten Philip Larkin passierte es 1963, kurz vor der ersten LP der Beatles. Aber eigentlich begann es mit der Veröffent­lichung der Kinsey-Reports (1948 & 1953) nebst wundersamer Enthüllung, dass auch Frauen orgasmieren können, sowie der Entwicklung der Pille (1961) durch den in Wien geborenen Chemiker Carl Djerassi. Es gab erstmals Sex ohne Konsequenzen, von Chlamydien und Tripper mal abgesehen. Sex war neu, Sex war unglaublich faszinierend und außerdem notwendig, um der Postnazi-Depression der Elterngeneration zu entgehen. Sex war „the thing to do“, das ­Antiserum zu „I can´t get no satisfaction“, und niemand kannte die Grenzen, sie wurden ausgelotet – also auch überschritten. Zeitschriften wie Twen hatten Titel der Ebene „Sex mit Minderjährigen? Mit wem sonst?“ am Cover.

Aber Sex war auch eine zweite Schiene zum linken Klassenkampf. Mit dieser neuen Kommunikationsform konntest du Klassen anullieren, nackt im Bett warst du nicht mehr irgendwas zwischen Prolet und reichem Schnösel, du warst nur Mann und als solcher Entdecker dessen, was dich am meisten interessierte: der Frau, des unbekannten Wesens. Du warst du, das gab Identität, und wenn du hell genug zwischen den Ohren warst, dann hast du auch erkannt, dass du es dank der Person warst, die dein Kissen teilte. Aber gut, jene Jahre waren auch die Zeit, welche die nun zum Begriff gewordenen „mächtigen alten Männer“ formte, die missbräuchlichen Scheiß bauen. Nur war die Generation Pilz – also die linken Studenten der 70er-Jahre – damals weder alt noch mächtig. Sie waren junge, sexuell eher gehemmte Männer, die im kleinen Café des Wiener NIG-Gebäudes den anwesenden Frauen mit ihren Kenntnissen von Marx und Engels imponieren wollten.

Tatsache ist, dass die sexuelle Revolution auch den Begriff „Sexismus“ sowie den Feminismus gebar. Ich war zufällig dabei, als Alice Schwarzer Mitte der 70er-Jahre im bis zum Rand gefüllten Wiener Z-Club diesen Feminismus vorstellte. Leider erinnere ich nur die ersten Sätze von Frau Schwarzer: „Frauen bitte nach vor, Männer nach hinten“, sagte sie. Einerseits lustig, anderer­seits traurig. Traurig deswegen, weil das alles ist, was ich von jenem Abend erinnere.

Fünfzehn Jahre später besuchte ich in London die wortgewaltige Autorin Julie Burchill, eine Ikone des Postfeminismus. Sie hatte das auch in Österreich populäre Buch „Ambition“ geschrieben, über eine Journalistin namens Susan Street, die mit „Waffen der Frau“ genannten Tools ­Karriere machte. Die 80er-Jahre waren für die Sexualität so was wie eine kalte Dusche. Yuppies genannte Karrieristen dominierten, Sex wurde nur noch konsumiert, in kleinen Häppchen, die One Night Stand oder Blowjob getauft wurden. Für Burchill war der Blowjob ein praktisches Werkzeug zum Durchsetzen ihrer Pläne. ­Männer, die Cunnilingus praktizierten, hatten ihre ganze Verachtung. „Ich muss dabei immer ans Bügeln denken“, sagte sie. Das musste ich erwähnen. Weil man daran sieht, wie die Zeiten sich ändern. Heute ist Cunnilingus im Feminismus wieder en vogue. Tatsächlich geht für ­Männer ohne Cunnilingus heute kaum was. Weil für Frauen – sexuell gesehen – nur der Orgasmus zählt. Und der funktioniert bekanntlich ohne Männerbeteiligung wesentlich besser. Deswegen wird der PIV-Sex auch gedisst. Ein Jammer, finde ich.

Vor Kurzem fragte ich einen Freund, ob er auch nicht auf PIV-Sex steht. „Keine Ahnung“, sagte er, „aber wahrscheinlich nicht.“ Dann klärte ich ihn auf. PIV-Sex, das ist Penis-in-Vagina-Sex, also Bumsen. Ach so, meinte er, „darauf steh ich natürlich schon.“ Man möchte meinen, dass das insbesondere im Feminismus vorherrschende sexuelle Vokabular so was wie Wahnsinn mit Methode ist. Klar, es geht bewussten Frauen heute zunächst um Selbstbesinnung, also um Distanz. Aber warum benützen sie zwecks gesünderer Zukunft immer so kranke Worte? Wenn du den Verkehr der Geschlechter PIV-Sex nennst, machst du das, was der Grund für deine Existenz ist, zu einer Praktik mit obszönem Beigeschmack. Und unterwanderst das langfristig Notwendige – die Kommunikation. Geschlechtsverkehr ist Kommunikation. Selbstbefriedigung, Blowjob und Cunnilingus sind vergleichsweise lediglich Service.

Das schlimmste aller Worte ist Penetration. Der Penis in der Vagina ist eine Verbindung. Eine Connection, die sexuelle Kommunikation – den Austausch von Botenstoffen – ermöglicht. Das ist Sex – ein Tanz, bei dem die Füße keine Hauptrolle spielen (nichts für ungut, Toesuckers!). Leider ist derzeit noch immer der Orgasmus die Endstation Sehnsucht. Von der Trance dahinter, der eigentlichen sexuellen Sensation, redet kein Mensch. Aber davon ein andermal. Jetzt ruft grad Lucy, mein Sexroboter. Ein Pflichttermin. Sie ist derzeit die einzige Frau, die mich versteht.

(c) Wikipedia / dsdoll.com

Die 5 Findungen des Jahres:

High-Tech-Sexroboter
Sie heißt Samantha, wurde vom Spanier Sergi Santos entwickelt – und ist seit Herbst im Handel erhältlich. Samantha „wird gern angefasst“ und „antizipiert, wenn man ­ejakuliert“, sagt Santos. Sie kann auf acht verschiedene Modi eingestellt ­werden, von harmlos wie „Familie“ bis „­versaut“. Und sie ist intelligent, also lern­fähig. 50 Samanthas werden pro Woche produziert. Der Preis: 2.800 Euro.

Blowjob-Prothese
Der Taiwanese Kuang-Yi Ku war mal Zahnarzt. Jetzt ist er Künstler, blieb aber beim Fach: Er schuf eine Zahnprothese für ­Blowjob-Feinschmecker. „The Fellatio ­Modification Project“ nennt sich das mit Rippen und Noppen versehene Ding.
„Für alle Zahnprobleme gibt es was, für ­Blowjobs aber nicht“, sagt Ku, der für die exzellente Qualität des Dings garantiert: „Ich bin nämlich schwul.“

Kranke Spermien
Die Zeichen gab es schon lange, seit Sommer ist es offiziell: Die Spermienqualität des Mannes ist global dramatisch gesunken – nämlich in den vergangenen 40 Jahren um 52,4 %. Heißt es in einer weltweit Aufsehen erregenden Studie der Hebrew University in ­Jerusalem. Moderner Lifestyle und Pestizide gelten als größte Verursacher. Mehr männliches Gesundheitsbewusstsein sei
unumgänglich, sagen die Forscher.

Tinder Gold
„Jede Sekunde zählt, Geschwindigkeit ist gleich Erfolg“, sagte man bei Tinder – und präsentierte Ende August Tinder Gold, das binnen Tagen zum großen Renner des Apple App-Stores wurde. Für 5 Euro pro Monat bietet TG einen „members-only service“ mit den exklusivsten Features. Soll heißen: ein Buffet von Partnern, die dich bereits „liken“, fünf „super-likes“ plus „boost“ (dein Profil ist besser sichtbar). Unwiderstehlich, no?

OMGyes
Schon ein Weihnachtsgeschenk gefunden für dein Girl? Wie wär’s mit OMGyes? Das zahlungspflichtige Abonnement dazu ­verspricht seinen Usern eine perfekte Erziehung zum Erreichen besserer und genussvollerer Orgasmen. Mit wissenschaftlich fundierten Techniken, die auf Schlüsselmethoden wie „edging“, „rhythm“ und „staging“ basieren. Nein, ich weiß auch nicht, was das ist. Aber Schauspielerin Emma Watson ist ein glühender Fan.

Foto – Header: (c) Filipov Ivo