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Der ewige Nazi – Hitlers Mann in Braunau

Manfred Sax

Am Anschlusstag begrüßte der Braunauer Bürgermeister Friedrich Reithofer als erster Österreicher den Hitlertroß. Vor 30 Jahren stand er dem WIENER nicht unstolz darüber Rede und Antwort. Der ewige Nazi war damals 94, noch immer so deutsch wie eine Eiche und ebenso lernfähig.

Interview: Manfred Sax. Fotos: Erich Reismann

Hitler nannte es „Bestimmung“, dass er ausgerechnet in Braunau am Inn geboren wurde, „diesem von den Strahlen deutschen Märtyrertums vergoldeten Innstädtchen, bayrisch dem Blute, österreichisch dem Staate nach“ (aus „Mein Kampf“).


Friedrich Reithofer nennt es „Zufall“, dass ausgerechnet er als erster Österreicher dem „Führer“ zum Anschluss gratulieren durfte. Er hatte sich Anfang der dreißiger Jahre zufällig in Braunau als Apotheker etabliert.

Zufällig war und ist er auch ein Nazi durch und durch, und als solcher am 1. 3. 1938 in die Position eines Kreisleiters der Bezirkshauptmannschaft Inntal geraten. Und von da an ging es Schlag auf Schlag: Am 11. 3. marschierte ein General in sein Büro und teilte ihm mit: „Ich mache Sie aufmerksam, dass am 12. März nach Mittag der Führer eintreffen wird!“ – Und am 12.3.1938 stand Adolf Hitler aufrecht im Mercedes Cabrio am Braunauer Stadtplatz.

Kreisleiter Reithofer begrüßte ihn mit gezücktem rechtem Arm und einem Spruch, den er nie vergessen wird: „Im Auftrag des Gauleiters von Oberösterreich begrüße ich Sie aufs herzlichste. Sie dürfen nicht überrascht sein, dass Sie die Stadt nicht so beflaggt finden, wie es dem Moment der Stund‘ entspräche, aber ich heiße Sie in Ihrer Heimat herzlich willkommen …“

Eigentlich ging die Ansprache noch weiter. Aber Friedrich Reithofer schafft die Nacherzählung nicht so ganz. Sie erstickt in Tränen. Denn jene Phase der Geschichte ist heute, 50 Jahre danach, noch immer jene Stelle der Erinnerung, wo es dem mittlerweile 94jährigen Altnazi weh tut. Irgendwie fühlt er sich heute betrogen. Hitler hatte ihm am Abschlusstag praktisch ein Gelübde ins Ohr gedonnert. „Ich danke Ihnen. Seien Sie versichert; keine Macht der Welt wird mir dieses Land entreißen!“ – Und was ist daraus geworden? Sieben fette Jahre – und dann die Schmach. Als 1945 die Amis in Braunau einmarschierten, schlich er wie ein herrenloser Hund davon. Einige Jahre lang war er stiller Knecht „irgendwo am Land“, 1953 zog er ins bayrische Pfarrkirchen, wo er heute seinen Tod erwartet, der nicht und nicht kommen will (Anm: sein Todeszeitpunkt ist unbekannt; das Kreisgericht Ried hatte ihn bereits 1951 für tot erklärt).

Alte Nazis sind eben zäh. Als ob sie noch etwas erfahren wollten, ehe sie die letzte Ölung zulassen. In Reithofers Fall nicht etwa eine Strafe. Eher eine Rehabilitation. Denn in seinen Augen hat er nie Scheiße gebaut. In seinen Augen wurde ihm gutes Tun übel gedankt. Und nun sitzt er Tag um Tag in seinem bayrischen Neubau und kränkelt so dahin. Herzige Barockengerl zieren die Wände seiner Wohnung, und seine um mehrere Jahrzehnte jüngere Frau hilft ihm gedanklich auf die Sprünge, wenn er einmal im Gespräch mit dem WIENER den Faden verliert.

„Ich habe eine Menge gesehen. Darunter auch das Lager von Mauthausen. Ich hab mich gewundert über die Ordnung dort in den Baracken. Ein jeder hat ein Bett gehabt, ein jeder einen Kasten.“

WIENER: Was ich nicht verstehen kann: Warum sind Sie Antisemit?

Reithofer: Ja, sehen Sie, das ist eine Frage, die heute viele beschäftigt. Und meistens die, die nie mit Juden in Berührung waren. Als ich nach dem Ersten Weltkrieg mein Pharmaziestudium begann, musste ich es mir als Fabriksarbeiter verdienen. Wissen Sie, wie es in Wien damals ausgesehen hat? Von 100 Rechtsanwälten und Ärzten waren bestimmt 97 Juden. Wir Nicht-Juden haben ja kaum studieren können. Außerdem haben die Juden mit allem geschachert. Es war also ein Verständnis da, dass Juden aus Wien verschwinden. Und sie haben ab 1933 fünf Jahre lang Zeit gehabt, dass sie die Furchen ziehen!

WIENER: Rechtfertigen Sie solcherart die Konzentrationslager?

Reithofer: Schauen Sie, ich habe eine Menge gesehen. Darunter auch das Lager von Mauthausen. Ich hab‘ mich gewundert über die Ordnung dort in den Baracken. Ein jeder hat ein Bett gehabt, ein jeder einen Kasten, da ist die Wäsche drinnengestanden, und ich erinnere mich noch gut, wie an der Kastentür, net wahr, ist das Zahnbürstel gesteckt. Ordentlich. Ordentlich. Aber natürlich, wenn man den Steinbruch sieht, kehrt man mit einem gewissen Eindruck zurück. Ich möchte nur sagen: In meinem Kreis, wo ich Kreisleiter war, ist nie ein Mensch eingesperrt worden. Da kann sich keiner rühmen!

WIENER: Wie wurden Sie Kreisleiter?

Reithofer: Ich kam als Apotheker nach Braunau. Aber es gab keine Ortsgruppe. Bis dann ’33 aus dem benachbarten Deutschland, Braunau liegt ja, net wahr …

WIENER: … an der Grenze.

Reithofer: … dieser große Aufbruch auch auf uns übergegriffen hat. Ich war Turner. Die Turner waren ja alle schon ein bisschen freisinnig, net, und auf einmal haben wir eine Ortsgruppe gehabt. Sie müssen ja bedenken, ’34 bis ’37, was wir Arbeitslose hatten! Wir hatten 50 Bettler in Braunau! Solche Zustände, die haben natürlich nach etwas gerufen. Wir haben als Illegale jahrelang organisiert, und als ich am 1. 3. ’38 sozusagen die Macht übernommen hab‘, war das nur ein Spaziergang hinauf. Ich bin in das Zimmer gegangen, war niemand da, mach als erstes einen Blick in die Schublade, find‘ ich eine Liste der Unterstützungsbedürftigen: Bei einer Einwohnerzahl im Inntal von 47.000 gab es 11.000 Bedürftige! Na, und zehn Tage später war ja schon der Anschluss.

Fritz Reithofer @ Erich Reismann

Friedrich Reithofer 1988, 94 und kein bißchen weise: „Die Juden hatten fünf Jahre Zeit, dass sie die Furchen ziehen!“

WIENER: Da gibt es die Geschichte von der Dame in Schwarz, die den Hitler empfangen hat.

Reithofer: Ja. Und eine Zeitung hat daraus eine Prophezei gemacht, dass das ein böses Omen sei; was ja überhaupt nicht stimmt. Sehen Sie, diese Frau war die Frau vom Ober Niedermeier, vom „Hotel Post“. Die Frau von einem Nazi. Der ist aber leider acht Tage vorher gestorben. Jetzt wollte sie den Führer begrüßen. Diese Frau hat schon 20 Jahre vorher, bevor es noch einen Nationalsozialismus gegeben hat, an ihrer Haus einen Spruch anbringen lassen: „Am deutschen Wesen wird die Welt genesen.“

Da hab ich gesagt: „Sie, Frau, Sie können trotz Ihrer Trauer hingehen und dem Führer den Kranz … die Blumen überreichen.“ Das war ich meiner Pflicht schuldig.

WIENER: Und wie hat der Hitler auf die Frau reagiert?

Reithofer: Der hat ihr gedankt. Ganz normal.

WIENER: Und dann fuhr er also nach Linz. Herr Reithofer, was halten Sie von Demokratie?

Reithofer: Nichts! Ich hab‘ soviel kennengelernt in meinen 90 Jahren, aber Demokratie, das ist die Herrschaft der … der Mehreren. Aber net so, dass die Mehreren die Gescheiteren sind. Denn die Gescheiteren, das sind die Wenigeren, und die Mehreren, das sind die Dummen!

WIENER: Jetzt waren Sie also Kreisleiter in Braunau ….

Reithofer: Ja. Und damit auch Bürgermeister. Ich hab‘ mir halt gedacht,  bevor da irgendeiner ist, der mir da dreinpfuscht … da war ich halt Bürgermeister, und es ist sofort angelaufen. Die Arbeitslosen – heut waren sie noch arbeitslos, morgen hat es schon geheißen: „Schaufel nehmen und herkommen!“ – Und was haben wir gemacht? Ein Bad! Denn dazu braucht einer gar nichts können. Dazu brauch er nur fleißig sein …

Und so ist das immer weitergegangen. Anfangs, so erzählte er, waren nur 69 Schilling und 11 Groschen in der Stadtkasse. Doch dann kamen die Bonzen und mir ihnen die harte D-Mark. Martin Bormann, Reichsleiter der NSDAP, kaufte Hitlers Geburtshaus um das Zehnfache des Nominalwerts. Das musste sein, denn die Besitzerin, eine Frau Pommer, war „eine gute Nazi“.

Der nächste Uniformierte, mit einer Stimme „wie der Mussolini“ (Reithofer), bot eine Million Mark für zwei Quadratkilometer Grund. Kein Problem. Der jüdische Besitzer des Gutes Ranshofen wurde enteignet. Bereits neun Monate später rauchte der erste Schlot des Aluminiumwerkes Ranshofen. Reithofer: „Glauben Sie, dass wir da noch Arbeitslose hatten? Die Italiener haben wir kommen lassen müssen!“ Mit dem Geld, das die deutsche Wirtschaft dem Gröfaz (Größten Führer aller Zeiten) in die Tasche steckte, besiegte also Reithofer im Nu die Innviertler Krise. Nicht nur das. Bei Göbbels, den er ob seiner Verdienste in SA und um SS persönlich kannte, holte Reithofer ein Kulturbudget für Braunau raus.

Reithofer: „Der sagte nur: Braunau? Selbstverständlich bewilligt! Da haben wir die schönsten Operetterln zehnmal hintereinander aufgeführt. Da stand das Theater auf einer hohen Stufe.“ – Aber leider nur zwei Jahre lang. Dann haben die Schauspieler einrücken müssen. Und 1945, wie gesagt, musste Reithofer ausrücken. Unbedankt und ungestraft. So ist das in Braunau.

Als Kind fragte ich eine liebe Braunauerin einmal, wie das denn so war für sie im Krieg. Es war offenbar stressig. Als der Hitler kam, musste sie in Windeseile ein Hakenkreuz auf die österreichische Fahne sticken. Als der Ami kam, musste sie ebenso schnell das Hakenkreuz wieder runtertrennen. Das Leben ging weiter.