AKUT

Suche nach Garten – Heidi Lists Kolumne im WIENER #W427

Ein spekulierender Hausbesitzer investierte nichts mehr in das Haus mit Garten, in dem unsere entzückende Wohnung war.

2017 bin ich mehrmals wahnsinnig geworden, also mehr als sonst. Schuld sind ein gieriger Arsch und meine Sturheit. Die Wohnung schimmelte uns unter dem Hintern weg. Die Kinder husteten. Ich verlor Aufträge, weil ich nicht rechtzeitig abgeben konnte, weil Kinder eben dauernd krank. Albtraum, Albtraum. Hautausschläge, Gestank. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion flüchteten wir in eine andere Wohnung. Prozess. Vergleich. Unbefriedigend. Kacke. Das war vor über einem Jahr.

Und dann saßen wir zu dritt in der Zweizimmerwohnung, Balkönchen, toller Ausblick, sehr hübsch. Zu klein, zwei Buben, kein Auslauf. Mit zwei Bauernkatzen, die begannen, sich gegenseitig zu zerfleischen vor Langeweile. Ein Bub weinte bald. Diese Zeit in der Gartenwohnung, die sei die schönste in seinem Leben gewesen. Zerbröselten Herzens versprach ich ihm eine noch viel schönere Wohnung, er würde sein Baumhaus haben, eines Tages. Und ich konnte schließlich alles, denn ich war ja ich. Ich musste unsere echte Wohnung finden.


Ich schaffte derweil ein Aquarium an, als ­Ausgleich für die Wartezeit, eine kleine Unterwasserwelt zum Beobachten. Pflanzen, ein ­Plastik-U-Boot als Höhle, dahinter eine ­Lavalampe – der Vulkan. 20 Fische, Neons, schwarze, goldene, ein wunderschöner blauer japanischer Kampffisch, ein paar Grundler, eine Garnele. Die Attraktion hielt eine Woche.

Dann hatte ich die erste Besichtigung. Nette Wohnung, nur drei Zimmer, aber eines konnte man ja abteilen vielleicht, mit Gartenmitbenützung. Bezahlbar, für die Gegend ein Wunder. In Wahrheit stand ich dann in einer 2-Zimmer- Wohnung, die anderen Zimmer waren umgewidmete Abstellräume, der Gemeinschaftsgarten war der Vorgarten, der von drei Tulpen bevölkert wurde, für uns war kein Platz mehr. Als ich wieder nach Hause kam, war ein Fisch tot. Ich entsorgte ihn schnell, bei 20 Fischen fiel einer weniger nicht auf.

Ich sagte allen Bescheid. Ich meine wirklich allen. Freunden, Bekannten, Facebookgruppen, Eltern von anderen Kindern, Leuten aus Sportvereinen, Geschäftsleuten. Abonnierte alle Immobilienplattformen. Stichworte 17., 18., 19. + Garten.

Oh, und es tat sich was. Jauchzende Maklerinnen freuten sich, für mich und meine Familie genau, aber haargenau das Richtige gefunden zu haben. Ich müsse nur zur Besichtigung ­kommen. Und dann ging es los. Der Garten­maisonettentraum mit Blick in den Wald lag an einer Fabrik, es roch nach Gummi und in der Luft kreischten die Maschinen. Mieten erhöhten sich während der Besichtigungen, weil plötzlich Mietvorauszahlungen verlangt wurden. Eine Wohnung roch nicht gut. Wird wohl auch nie mehr gut riechen, da wurde drei Wochen zuvor ein totes Ehepaar als grausiger Fund entdeckt. Einmal kam mir gar der Vormieter entgegen und machte eine Handbewegung, als ob er sich aufhängen wollte. „Lauf …“, murmelte er, und: „Lauf!“ Ich lief.

Das Aquarium entwickelte sich zum Seelen­spiegel unseres familiären Zustandes. Nach jeder erfolglosen Besichtigung kratzte ein ­weiterer Fisch ab. Der Bastlerhit mit Potenzial kostete gar allen kleinen Fischbabys das Leben. Am Morgen hatten sie sich noch allerliebst im Wasser ge­tummelt. Nun waren sie weg. Der japanische Kampffisch rülpste, so bildete ich mir ein. Ich sah mir alles an, einfach alles. Ich konnte die Inserate herunterbeten. Ich hätte aus dem Gedächtnis eine Karte von Währing, ­Hernals und Döbling zeichnen können, samt der freien Mietobjekte. Nach jedem „Nein“ genügte ein Blick auf die Seite, schon konnte ich den nächsten toten Fisch erahnen, der im Wasser treiben würde. Manchmal schon angeknabbert von seinen pietätlosen Kumpels.

So gingen die Wochen aus und ein. Ich begann, wunderlich zu werden. Sobald jemand „Baum“ oder „grün“ sagte, blähte ich die Nüstern. ­Weltweit war ich wohl die Einzige, die in keinem Garten sitzen durfte. Mein Kiefer begann zu knacken. Ich konnte meinen Mund nicht mehr aufmachen, ohne dass ich krachte beim Sprechen. Ich absolvierte mehrere Besuche bei einem Psychologen. Er sollte mir diesen Wahn mit dem Garten austreiben. Dann würde ich eine stinknormale Wohnung mieten. Er entließ mich nach ein paar Sitzungen mit dem Hinweis, ich solle dazu stehen, dass ich einen Garten wolle. Doch, es gab sie schon, die schnuckeligen kleinen Oasen, mit Veranda vielleicht sogar, doch blieben sie Monat für Monat unerreichbar teuer inseriert. Arme kleine Oasen, so ganz ohne Leben, so ganz ohne uns. Jedes Mal, wenn ich sie wieder und wieder angeboten sah, bekam ich Reflux.

Es wurde Herbst. Ein alter Freund aus Tirol meldete sich. Er wüsste etwas, in St. Ulrich am Pillersee. „Schlecht zum Pendeln,“ winkte ich ab. Und weinte ein bisschen. Es gab dort echt viel Wald. Ich wurde wütend über amerika­nische Filme mit schrecklichen Sozialporno-White-Trash-Geschichten. Die Kinder dort konnten wenigstens an einen Grashalm heran. Kurz vor Weihnachten rückte eine Freundin schließlich mit Weihrauch an. Ich sei bestimmt verflucht. Sie räucherte die Kinder, die Katzen und mich ein oder aus, sogar das Aquarium bekam eine kleine Ladung ab, was dem einen Grundler nicht gut bekam. Wir spülten ihn ­feierlich durchs Klo.

Aber: Am Tag darauf war sie da. Die perfekte Wohnung. Drei Schlafzimmer, Wohnküche, Garten. Kleines Haus mit nur drei Wohnparteien. Leistbar. Hell. Blick über Wien. Ich schlenderte durch die Räume und stellte mir das Glück vor. Ich hörte im Geiste das Kinderlachen. Mir ­kamen die Tränen. Danke, Leben. Und: Spitzen-­Weihrauch! „Na ja,“ sagte da die Maklerin, „mit zwei Kindern ist die Gegend dann halt nicht mehr so ruhig.“ „Nein, eine Gegend ohne Kinder ist aber wohl auch keine Gegend?“, hörte ich mich wimmern. „Die Besitzer wollen es ruhig. Ein Kind wäre okay. Kann das andere vielleicht beim Vater wohnen?“ „Nein.“ Ich spürte im ­Inneren daheim einen Fisch abnibbeln.

Ich war traurig. Die Kinder sollten jetzt sofort ein Baumhaus haben. Zumindest kurz. Über eine Facebookwerbung wurde mir ein Baumhaushotel in Slowenien hereingespült. Ich buchte ein Sonderangebot, der Ort hieß Bled, was sowieso ein guter Grund war, um dort Urlaub zu machen. Freiheit im Baum für meine Kinder. Ich konnte das bieten. Oder nicht: Wir landeten in einem Zeltzimmer. Am Fluss. Sehr schön. Mit Blick auf das Baumhaushotel. Bled. Meine Freundin rief an. Die Garnele war tot.

Suche Zuhause mit Garten. Einen Fisch haben wir noch. Es ist der Kampffisch.

 

Fotos – Header: (c) Pamela Russmann