AKUT

Anderland – Heidi Lists Kolumne im WIENER #W425

Letztens war ich zu schwach, um die Einladung einer Freundin in eine Therme abzulehnen. Sie hatte einen Gutschein gewonnen, zwei nach Bad Dingsenbach. Wohlfühlwochenende, Halbpension.

Ich fürchtete mich. Denn zu erwarten waren Leute in intimer Situation, also im Bademantel bis hin zu nackt, die Gespräche führen, gegen die ich mich nicht wehren kann, weil sie zu bestimmten Zeiten passieren, in denen ich anwesend sein muss. So etwas kann ich nicht so gut. Das Schicksal hat der Teufel geritten, alles, was an Kinderbetreuung zu organisieren war, funktionierte auf Anhieb. Ohne gewaltige Lüge konnte ich nicht in letzter Minute absagen. Ich fand mich im Zug mit der vergnügten Freundin wieder.

Die Fahrt verging schnell, wir sprachen über das Prinzip der Podcasts, auf das alle so abfahren. Sie erklärte mir, was so zu hören sei, und ich kam mir so jenseits von zeitgemäß vor wie meine Mutter, der ich neulich endlich den VHS-Rekorder erklärt habe. ­Danach staunten wir über den vielen Wald, den es so gibt, wenn man durch ­Österreich fährt.


Die Anlage war gigantisch. Meine Freundin beweinte die Tatsache, dass die Wohneinheiten um die Parkgaragen herumgebaut waren, unterbrochen von Becken, Pools und Naturteichen. Wir überlegten, ob das ­eventuell ein ausgeklügeltes Konzept sein könnte, um sich so richtig erholen zu können: Hier soll man sich für nichts begeistern, so auch nicht für die Architektur. Die Damen an der Rezeption waren adrett, ihre Dirndl ­saßen gut, wir glotzten pflichtschuldig auf die geschnürten Brüste. Ihr bellender Akzent erinnerte uns an das Bundesland, in dem wir uns befanden. Wir bekamen allerlei Zettel und viel Info, die wir sofort verloren und vergaßen, und ein Zimmer zu­gewiesen. Wir buchten ­Pediküren, gleich für den nächsten Tag. Und dann ­waren wir in der Anstalt.

Das Zimmer war im Trakt Wald, Raum 209, der aber gegen internationales Hotelbrauchtum im ersten Stock war, was uns mehrere Anläufe kostete, ihn zu finden. Wir trotteten mit unseren Rucksäcken ­unendliche Gänge ab. Die ersten Bademantelschlurfer lösten sich aus ihren Höhlen und kreuzten unseren Weg. Wortfetzen wie „Aqua­gymnastik“ oder „Feng-Shui- Vortrag“ oder „Müsliworkshop“ begannen an mein Ohr zu wabern. Das Zimmer war klein, dafür einfach. Auf den Betten lag schon unsere ­Uniform: der Bademantel, weiß, und in Plastik folierte Badeschlapfen.

Es war ein Nachmittag mit Bäuchen und Pöpschen, mit Schnaufen und Liegen, mit Lesen, mit Blicken-Ausweichen, und etwa um 18 Uhr hatte mich das Konzept so weit. Ich fragte die mit einem enormen IQ ausgestattete, in ihrem Beruf mehrfach preisgekrönte Freundin, ob sie denke, es gebe heute Abend Buffet oder Menü. Sie antwortete nicht gleich. Und dann sagte sie: „Gute Frage.“ Der schreckliche Bau verschwamm vor unseren Augen und wurde eine wohlige Tümpellandschaft samt der Nichtigkeiten vor sich hinlabernden anderen ­Bademantelkollegenschaft. Wir erholten uns.

Die Nacht war gut, ich erwachte mit Popsch- und Bauchbildern. Busen auch. Die Pediküredame bemühte sich um ein Gespräch über Wetter und Herkunft, ich röchelte irgendetwas hinter dem Buch hervor, das ich mithatte. Mit dem kam ich bei meiner Thermalwasserhirnlähmung leider nicht zügig weiter, mir war dauernd nur nach schlafen oder in die Luft schauen. Dann waren nur mehr zwei Stunden, bis ich abgeholt werden sollte. Was ich in der Zeit gemacht habe, kann niemand mehr rekonstruieren. Vermutlich stand ich wo herum, nackt.

Um 14.50 fand ich mich vor dem Kleinbus des Hausmeisters wieder, der Hausmeister zeigte auf einen Namen auf einem Zettel. „Sind Sie das?“, fragte er. „Ja“, antwortete ich, ohne hinzusehen. Er sollte mich hier wegbringen, gerne auch als Frau Müller, hier starben alle an Selbstauf­lösung, da war ich mir sicher. Am Bahnhof, der aus einer Bank und einem Dach darüber bestand, erkundigte ich mich bei ihm, wieso hier nur ein Gleis sei. Das könne doch unmöglich gutgehen. Er meinte, ich müsse nur in den Zug einsteigen, der genau zu meiner ausgewiesenen Zeit hier halte. Dann würde alles gut gehen. Und ob ich mich denn eh’ gut erholt habe.

Sein Blick triefte vor Mitleid. Der Zug fuhr ein. Ich schnappte mein weichgespültes Hirn und stieg mit ihm ein. Wir kamen gut in Wien an. Meine Freundin blieb noch. Ich weiß jetzt gar nicht, ob sie es jemals dort herausgeschafft hat. Ich hoffe, es geht ihr gut.

Fotos – Header: (c) Pamela Russmann