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Der lange Tag ohne – Heidi Lists Kolumne im WIENER #W432

Heidi List verbrachte mit ihren Söhnen einen Tag ohne Glotze, Tablet, Netflix & Co. Was passierte in der analogen Zeit und warum war es für ihre Söhne der anstrengendste Tag in ihrem bisweiligen Leben?

Samstag. 7.30 Uhr. Niemand aus der Familie tat mir den Gefallen, länger zu schlafen. Das taten sie nur wochentags. Der Frühstückstisch war von den Kindern gedeckt worden. Selbstständigkeit und so. Es befanden sich daher lediglich eine Schüssel mit Haferflocken und etwas Milch am Tisch. Die Kinder wischten an ihren Handys, sie hatten keine Lust auf Brei. Einer murmelte manchmal „hmhm“.

So ging das nicht. Wenn sie mit 20 nur noch verblödet im Eck hängen und nicht mal mehr zum Pinkeln aufstehen, dann war das meine Schuld. Smartphone und Tablet, verführerische Kindermädchen, nahmen mir die Kinder weg. Wie die umgekehrte Version von Caroline, dem grausigen Kinderfilm, der die Eltern langsam zu Monstern werden lässt. Es gehörte ein Leben gelebt. „Hey – wir machen einen Ausflug!“, versuchte ich den Tag zu retten. Nichts geschah. Wisch, wisch war zu hören, und „Hmhm“. „Ich lade Euch ein – in den Prater!“, fiepte ich. Wisch wisch. „Hmhmhm“. „Ich fahre nun zum Flughafen – 4 Wochen Hawaii – wer kommt mit?“ Wisch. „Hm.“ Das war’s. Ich explodierte. Einen Tag – nur einen – ohne Bildschirm­aktivität. Einmal ohne Wisch und „Hm.“ Die Geräte wurden eingesammelt und im Kasten verstaut.


Da saßen wir. Es war still. „Und jetzt?“, fragte der große Sohn. Der kleine Sohn begann mich zu treten und mir mehrere Familen aufzuzählen, in die er zu wechseln gedachte, denn dort durfte man am Handy spielen. Wir begannen Brettspiele abzustauben. Innerhalb der nächste Stunde gab es mehrmals Tränen, zwei durchs Zimmer geschleuderte Spiele, eine Ohrfeige des kleinen Bruders an den Großen, sowie ein Für-zehn-Minuten-aufs-Zimmer-­Geschicke. Als der kleine Sohn wieder aus dem Zimmer kam, hatte er Stirnfransen. Und zwar bis an den Hinterkopf. Ich ließ mir nichts anmerken, rollte aber meine Zehen ein, um nirgends dagegenzutreten.

„Ich rief alle Freunde durch, die jeweils am Semmering, im Kino, auf Besuch oder sonst wo waren, und das taten, was Leute tun, die organisiert sind. “

Es wurde Mittag. Die Kinder beschlossen, einen echten Herd zu bauen. Eine Holzvorrichtung mit einem Gitter drüber und einem Gefäß mit brennbarer Flüssigkeit darunter. Damit sollte das Mittagessen gekocht werden. Es war rührend, ihnen zuzusehen, vor allem, als dann beide schon Verbände trugen, weil sie sich mit dem Hammer ordentlich die Finger verbeulten. Ich ließ sie alleine, um ein wenig im Garten zu wurschteln. Dann hatte ich es eilig und ging zurück in die Wohnung, einem überraschend dichten Rauch nach. Der Brand war schnell gelöscht, der Bastelofen war eingestürzt und komplett verkokelt. Es wurde geheult, geschrien und ein bisschen geprügelt. Also, die Kinder untereinander. Ich bestellte Pizza. Während wir warteten, gab es einen Liegestütz- und Kniebeugenwettbewerb.

Um 14 Uhr winselten die Kinder nach Bildschirmaktivitäten. Ich schickte sie in den Garten. Man hörte sie ein bisschen grölen. Um 14.10 Uhr war ihr Bedürfnis nach Bewegung gestillt. Der eine bekam Knieweh, der andere Husten. Vor dem Haus hörte man ein Gebrumme. Im Hof stand ein oldtimermäßiger Alfa irgendwas Cabrio. Die Buben umschwärmten den Besitzer, der geduldig Auskunft gab über PS und die Rasse der Ziegen, aus deren Leder die Sitze waren. Nachdem im Auto, jeweils auch hinter dem Lenkrad, auf dem Kühler und auf dem Heck gesessen sowie das Dach mehrmals hinauf- und hinuntergelassen wurde, bat der Besitzer schließlich um Gnade. Ich glaube, er hatte Tränen in den Augen. Er setzte sich in sein Gefährt, und weg war er. Wieder war eine Stunde rum.

Danach rief ich alle Freunde durch, die jeweils am Semmering, im Kino, auf Besuch oder sonst wo waren und das taten, was Leute tun, die organisiert sind. Währenddessen saß der Kleine am Gang und kratzte mit seinem Fingernagel kleine Monde in die weiße Wand. Der Große saß daneben und sah zu, weil in dem Moment beim besten Willen nichts Besseres zu tun war. Er überlegte laut, ob man diese Kratzereien später einmal als Kunstwerke der Postspätmoderne finden würde. Dann setzte er sich sich aus Langeweile zu seinen Hausübungen, die er zu machen hatte. Er unterbrach damit die Tradition, am Sonntagabend nach dem Zähneputzen einen hysterischen Anfall zu haben, weil er sie vergessen hatte. Der kleine Sohn öffnete seinen Spielekasten und begann, mit Lego zu spielen, dem originalverpackten vom letzten Weihnachten, so, als wäre er ein Kind ohne Tablet. Ich war verwirrt. Ich schielte sehnsüchtig auf den Schrank, in dem unsere Handys lagen.

Es wurde Abend. Der Fernseher blieb aus, Netflix auch. Wir begannen zu kochen. Meine Kinder und ich. Weltpremiere. Wir redeten darüber, wie sehr wir es hassten zu kochen. Danach aßen wir. Es gab Augsburger und Kartoffeln. Wir sprachen dabei darüber, wie es schmecken würde, wenn es die Oma oder der Papa gekocht hätte. Dann schauten wir traurig. Es wäre schön, wenn hier wer kochen könnte. Es war bereits dunkel. Die Kinder setzten sich in die Badewanne, mit Taucherbrillen, und brüllten eine Stunde lang Schimpfwörter unter Wasser. Danach saßen wir zu dritt im Bett und ich las ihnen Pünktchen und Anton von Erich Kästner vor.

Der Große meinte, er hätte drüber nachgedacht, aber er war sich sicher, dass dies der anstrengendste Tag seines Lebens war. Ich stimmte ihm zu. Lieber noch mal drei Geburten erleben als einen Tag ohne Bildschirm. Und dann überrumpelte ich mich selber und verkündete, dass wir das nun jeden Samstag so halten würden. Um 9 Uhr waren wir eingeschlafen, wir alle. Weil, was sollte ich ohne Glotze. Schön war’s.

Fotos – Header: (c) Pamela Russmann