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Schubumkehr – Heidi Lists Kolumne im WIENER #W433

Es war ein Dienstag und ich war durchsichtig. Kein Vitamin D mehr, Serotoninmangel galore, schon seit Wochen. Das anstrengende Wochenende, an dem nichts Besonderes los war, außer den vielen Möglichkeiten der Gestaltung, für die man sich dann doch nicht entschieden hat, hat mich den ganz normalen Arbeitsmontag schon fast nicht mehr aushalten lassen.

Heute also Dienstag. Die Morgenroutine konnte abgekürzt werden, das Frühstück wurde gestrichen. Die Kinder bekamen Schulmäuse, ein in Plastik verpackter gummiartiger Teig mit einer palmölgetragenen Nougatfüllung, ein No-Go vom Nährwert her. Oder der Moral. Hoffentlich gab es in der Schule heute Gemüse. Ich trieb sie ins Auto, ein weiteres No-Go, die Schule war in zehn Minuten Gehweite, was war das für eine Message! Aber egal.

Als ich Gas gab, sah ich im Rückspiegel jemanden winken. Und hinterherlaufen. Der schon wieder – ein Mann, er versuchte mich gestern schon anzusprechen. Ich wollte es aber nicht bemerken, ging weiter, überhörte das Nachrufen. Manchmal muss man einfach weitergehen, weil man nur noch unzureichend absorbieren kann. Und dann schwirrten die halben Worte weiter im Kopf und man kriegt Migräne, um einen Totalabsturz zu provozieren, den es dringend braucht in der stillen Zeit, im Winter. Dass man sich weg­sperren kann, erlöst vom Druck, herrliche Sommertage sinnvoll gestalten zu müssen in ihrer Glorie.


Nachdem die Kinder abgesetzt waren, fuhr ich zur Bank. Wenn schon Scheiße, dann gleich. Das Gespräch war überraschenderweise viel unfreundlicher als angenommen. Wieder einmal drohte ich, nach 25 Jahren das Konto zu wechseln, aber das Achselzucken der Beraterin machte mich dann mutlos. Es war egal. Ich machte ihr im Aufstehen vom einen Tick zu niedrigen Kundensessel noch ein Kompliment über ihre neue Frisur. Nicht, um ihr eine Freude zu machen, sondern um mich zu demütigen, weil ich zu blöd war, der Alten Paroli zu bieten.

„Nachdem die Kinder abgesetzt waren, fuhr ich zur Bank. Wenn schon Scheiße, dann gleich. “

Im Hinausgehen sah ich im Augenwinkel eine Silhoutte, die mir bekannt vorkam. Es war der Mann, der versuchte, mich zu kontaktieren. Der Kontakter. Er druckte sich Kontoauszüge aus. Er war nicht hässlich. Jünger. Er sah auf, sein Gesicht erhellte sich. Ich wischte durch die Türe. Draußen sprang das Auto nicht an, eh klar. Ich ging zu Fuß in Richtung Wohnung. Spielte in Gedanken durch, was heute zu tun war, eine öde Scheiße nach der anderen, ich versuchte sie nach Beschissenheit zu gliedern, die Aufgaben, aber sie hielten sich hübsch gleichwertig an Furchtbarkeit die Stange. Nicht einmal das schaffte ich.

Ich schlurfte also von der Hauptstraße in meine Gasse hinein. Meine Schuhe hatten Löcher, auf einmal, auf beiden Seiten, seit Jahren hatte ich die. Das passte alles so gut zusammen. Der große Abschied, das große Loslassen, das Zeitalter der Steinernen Maus brach an, vermutlich starben jetzt auch ein paar wichtige Menschen, jetzt, wo man so überhaut kein Potenzial hatte, so was zu verkraften. Hinter mir hörte ich Schritte, ich drehte mich um. Der Kontakter. Arschlochstalker. Ich blieb stehen und drehte mich dramatisch um. Vielleicht ein wenig überkalkuliert, fast war es eine 180-Grad-Wende. Mir egal, muss ja niemand benoten. Der Kontakter ging langsamer. „Ich bin nicht verrückt, bitte. Bitte“, sagte er.

Ich ließ ihn herankommen. Irgendwas an seinen Bewegungen fand ich sympathisch, was mich ärgerte. Meine Füße froren. Die Socken waren waschelnass. Mir fiel ein, dass ich mich noch nicht gekämmt hatte, ich spürte das Vogelnest am Kopf. Na, vielleicht war ich wenigstens furchteinflößend. Er keuchte heran. Blieb stehen und nannte seinen Namen. Er sei mein Nachbar. Er wüsste, dass ich schreibe. Er hätte mich beobachtet, zuerst zufällig, später bewusster, ja, das klang creepy, aber er hätte festgestellt, dass meine Kinder und ich so viel Spaß hatten. Oder auch nicht. Aber auch wenn geschimpft wurde oder gestritten, war Schmäh dabei. Und er hätte angefangen, das mitzuschreiben, wenn er was aufgeschnappt hatte. Er überreichte mir zehn A4-Seiten mit Dialogen. Wie eine Zeitreise, acht Monate Straßen-hin-und-Hergerufe zwischen mir und meinen Kindern. Das wollte er mir geben. Mehr nicht. Und dann verabschiedete er sich und ging weiter. Ich las die Aufzeichnungen noch auf der Straße. Ich las mich nach. Es war wirklich lustig. Und auch lieb.

Das war vor zwei Wochen. So lange dauerte es, bis ich ihn zurückstalken konnte. Mit Erfolg. Wir gehen morgen auf einen Kaffee, er und ich. Alles ist safe. Morgen ist ein Mittwoch. Und gerade ist ein wenig Sonne auf­gegangen, da hinter dem Solarplexus oder wie das Weh’ heißt, das sich so viele Wochen totstellte. Denn jemand konnte sich begeistern für mich, in einer Zeit der absoluten Winterdepri. Das war nicht nichts. Das war gut.

Fotos – Header: (c) Pamela Russmann