AKUT

Facebook Datenskandal – Der Hamster in der Mikrowelle

Franz J. Sauer

Facebook Datenskandal. Natürlich kann man Marc Zuckerberg für die Dummheit der Facebook-Gemeinde verantwortlich machen. Man muss aber nicht.

Bei Cartoons von Manfred Deix war stets auf Details zu achten. So erinnere ich eine Zeichnung aus den 1980ern, deren Haupt-Plot mir längst entfallen ist, an deren Rand sich aber ein Zeitungs-Kiosk fand. Neben allerlei Schlüpfrigkeiten blieb mir vor allem die von Deix erdachte BILD-Zeitungs-Headline im Geiste haften: „Unfassbar, mitten in Deutschland: Kinder essen tote Tiere!“

Seit Begriffe wie „Fake News“, „Cambridge Analytica“ oder „Datenskandal“ durch die internationale Medienlandschaft geistern, habe ich diese gemalte Schlagzeile stets vor Augen. Ihr Sensations-Gehalt ist nämlich mindestens so bahnbrechend, wie die neuerdings durchsickernde Erkenntnis, dass Facebook User-Daten zu Geld macht. Echt jetzt?


„Unfassbar, mitten in Deutschland: Kinder essen tote Tiere!“

Lasst uns memorieren: Facebook wurde als Online-Plattform für Menschen gegründet, die sich virtuell verbinden wollten, hauptsächlich, um sich gegenseitig nicht zu vergessen. Eher ungeplant entwickelte sich die Sache zu einer explosionsartig expandierenden Parallelwelt, die für viele Mitglieder zur veritablen Sucht wurde. Speziell die soziokulturelle Bedeutung von „Social Media“, die klassisch subkulturelles Street-Verhalten auf den Datenhighway verlagerte, war schwer vorhersehbar, ist aber nun manifest. Im Klartext: Früher trafen sich die Mods beim Donnerbrunnen – heute versammeln sich juvenile Bewunderer von klassisch-britischer Sixties-Mode in den entsprechenden Facebook-Gruppen, verlinkt mit dem Online-Vespa-Club ihrer Region und der offiziellen „The Who Fanpage“.

Das Latrinengerücht, das also dereinst an Hotspots wie Innenstadt (Mods), Karlsplatz, Kennedybrücke (Skins) oder Jonas-Reindl (Snobs) die Runde machte, findet heute online seine Verbreitung, ganz unabhängig von seinem Wahrheitsgehalt. Und die Details über die persönliche politische Ausrichtung, die man damals den Freunden und vor allem den Feinden wortreich wie schlagfertig vermittelte, trägt man heute im Chat auf der Zunge.

Auch früher gab es Wahlplakate und –veranstaltungen, deren Versprechen fast immer gebrochen wurden. Ungefähr seit es freie Wahlen gibt, motivieren uns Daumen-mal-Pi-Umfragen zwielichtiger Auftraggeber, zur Urne zur gehen und dort das Richtige zu tun. Und: Genauso wie dereinst politische Akteure per Flugblatt oder durch Agents Provocateurs innerhalb anfälliger Gesinnungsgruppen Stimmung machten, so geschieht dies heute per Social Media. Weil es gar so einfach funktioniert vielleicht in viel, viel größerem Stil.

Dann gewinnt The Donald die US-Wahl, steigt Großbritannien aus der EU aus und weil das alles so eigentlich nie hätte passieren dürfen, werden eifrig Schuldige gesucht.

Nun haben also vor vier Jahren gut 300.000 amerikanische Facebook-User einem wissenschaftlichen Persönlichkeitstest per App zugestimmt und auf dem Altar des elektronischen Zeitvertreibs so ziemlich alle persönlichen Informationen über sie selbst und die ihrer Facebook-Freunde geopfert. Ganz einfach per Häkchen an der Box. Die Leute von Cambridge Analytica kamen so an rund 50 Millionen Datensätze mit persönlich zuordenbaren Vorlieben und Neigungen, werteten diese schlau auf politische Präferenzen aus und wussten somit, welche Art von Infozucker wem als welche Newsmeldung getarnt in die Timeline geblasen gehörte, um sein Wahlverhalten zu beeinflussen.

Dann gewinnt The Donald die US-Wahl, steigt Großbritannien aus der EU aus und weil das alles so eigentlich nie hätte passieren dürfen, werden eifrig Schuldige gesucht. Neben den Akteuren (hauptsächlich: die Russen) werden auch die Tools, die ihnen zur Seite standen, kriminalisiert.

Direkt in der Schußlinie: Facebook. Jenes zum gefährlichen Info-Kanal aufgestiegene Social Media-Jungscharlager, das uns alle auch nach über zehn Jahren gratis mitspielen lässt, aber dann doch keine NGO sein will und folgerichtig Geld mit der Unmenge an Daten verdient, die wir ihm bereitwillig zur Verfügung stellen. Sie haben doch auch die AGB gelesen, oder nicht?

Klar, nun könnte man ob tausender, schockierender Bilder der blutrünstigen Migrantenflut vor der Türe, ob der letztgültigen Entlarvung moribunder Rothschild-Verschwörungen oder aber wegen der Ermordung eines russisch-britischen Agenten nebst seiner Tochter durch Nervengift eindeutig russischer Herkunft (Achtung, Falle!) sein sonst eher liberales Wahlverhalten über Bord werfen und zum glühenden Anhänger der am lautesten quakenden Sicherheits-Partei werden. Oder aber – man klickt in seiner Timeline die Funktion „BEITRAG VERBERGEN – weniger Beiträge wie diesen zeigen“ an und befreit sich von allerlei Schrott und Schmarrn, der einen auf blöde Ideen bringt. Oder auch nur: verängstigt.

Jetzt lassen sich genau jene Aktivisten vor den Datenschutz-Karren spannen, die sich vor ein paar Jahren noch lautstark darüber echauffierten, nicht gratis Musik downloaden zu dürfen.

Dem mit noch strengeren Datenschutz-Gesetzen (etwa der kommenden DSGVO) beizukommen, wird übrigens nicht klappen. Im Gegenteil: die geplanten, drakonischen Strafmaßnahmen werden weniger jene Netzwerke treffen, die im großen Stil Falschmeldungen verbreiten, sondern kleine Online-Verleger quälen, über die sich bald verfluchte Abmahn-Anwälte hermachen. Jene, deren Geschäftsmodell darin liegt, im Online-Disclaimer einen falschen Beistrich zu finden und kostenpflichtig darauf hinzuweisen. Skurriles Detail am Rande: Jetzt lassen sich genau jene Aktivisten vor den Datenschutz-Karren spannen, die sich vor ein paar Jahren noch lautstark darüber echauffierten, nicht gratis Musik downloaden zu dürfen.

Wer meint, nur Facebook und Konsorten wären dazu in der Lage, mein alltägliches Wisch-und-Tipp-Verhalten an der Bushaltestelle, im Stau oder auch am Scheißhaus für entsprechendes Profiling zu nutzen, führe sich jene von mir selbst erlebte Story zu Gemüte: Meine Mutter hatte gerade einen Schlaganfall erlitten und würde demnächst in häusliche Pflege entlassen. In einem solchen Fall überprüft das Sozialamt, ob die Wohnung noch für die Patientin geeignet ist.

Ich vereinbarte den Termin mit dem Amt telefonisch, der Mann kündigte sich per SMS an und verordnete Mutterns Badewanne ein sogenanntes Sitzbrett. Ich unterschrieb, dies zur Kenntnis zu nehmen und gab am Papier nebst anderen persönlichen Daten meine Emailadresse an.

Keine zwei Stunden später brach eine Flut an Werbebotschaften über Badewannen-Sitzbretter im speziellen und Sanitäre Anlagen für Pensionisten im Allgemeinen über alle meine Mail-Accounts herein, obwohl ich mich definitiv nie zuvor mit dem Thema beschäftigt hatte, weder online noch offline. Ob Putin, Trump und ihr Cambridge-Freund Zuckerberg auch in der Sani-Branche ihre Finger drin haben? Oder hätte ich doch lieber irrsinnig erfolgsversprechend die Gemeinde Wien verklagen sollen?