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Uhren-Porträt: Hattori Seiko!

„Immer einen Schritt den anderen voraus“ klingt ein wenig nach ­Angabe. Im Falle von Kintaro Hattori jedoch ist der Stehsatz eine bloße Feststellung, war der Gründer von Seiko doch tatsächlich der Konkurrenz oft um Lichtjahre voraus. Der WIENER blickt ­zurück auf bewegte Zeiten der Zeitmessung.

Text: Philipp Pelz

Im Jahr 1860 wurde eine der Lichtgestalten der Uhrmacherei geboren. Nein, nicht in einer der bekannten horologischen Hochburgen der Schweiz oder gar im sächsischen Glashütte. In Kyobashi, heute ein Stadtteil der Megametropole Tokio, erblickte Kintaro Hattori das Licht der aufgehenden Sonne. Mit knackigen 13 Jahren ging es in die Uhrmacherlehre und bloß vier Jahre später stand auf einem Schild zu lesen: Hattori Uhrenreparaturen. Das Zitat „Selbst an regnerischen Tagen kann in einer Uhrenwerkstatt gearbeitet werden. Das ist ein vielversprechendes Geschäftsmodell!“ wird ihm zugerechnet und spiegelt seinen bereits früh ausgeprägten Geschäftssinn ­wider.

Kintaro Hattori, der „König der Zeitmesser des Ostens“: Sein ­visionäres Denken und seine enorme Willensstärke schufen die Grundlage des heutigen Weltkonzerns. Foto: (c) Seiko

Gründervater Kintaro Hattori war nicht nur Erzeuger, sondern auch Händler. Hier zu sehen ist das erste Geschäft namens K. Hattori auf Tokios Ginza im Jahr 1894. Foto: (c) Seiko

Doch das Reparieren ­bereits existierender Zeitmesser schien nicht erfüllend genug zu sein, und so gründete er weitere vier Jahre später, im Jahr 1881, die Firma K. Hattori & Co. Dies wird allgemein als das Gründungsjahr von Seiko angesehen, auch wenn erst im Jahr 1892 mit der Gründung der Seikosha Factory der spätere Name angeteast wird. Seikosha bedeutet übrigens wortwörtlich übersetzt Präzisions­arbeitengebäude. Nett und ach so passend, oder? Tatsächlich ging es nicht gleich mit gänzlich selbstgefertigten Taschenuhren in den Markt. Zuverlässige Präzisionsware aus der Schweiz stellte das Innenleben der lokal gefertigten silbernen Gehäuse. Die Tatsache, dass Hattori unter allen Umständen stets vor Zahlungsfrist zahlte, erstaunte selbst so manchen Eidgenossen, festigte jedoch natürlich ­seinen Ruf der absoluten ­Zu­verlässigkeit.

Im Seikosha, dem „Präzisionsarbeitengebäude“, ging es ordentlich zur Sache. Über Riemenantriebe gelangte Kraft zu jeder Arbeitsstation. Foto: (c) Seiko

Sehr früh war Hattori davon überzeugt, dass die Zukunft der Uhrmacherei in der Armbanduhr lag. Mit der „Laurel“ erschien folglich im Jahr 1913 die erste ­japanische Variante dieser Art, der erste Proponent eines Welt­erfolgs. Aber schon das große Kanto-Erdbeben sollte im Jahr 1923 auf die gerade saturierte Firma Seikosha katastrophale Auswirkungen haben. Godzilla hätte kaum größere Verwüstung über Tokio bringen können, und so stand Hattori mit 63 Jahren vor dem Nichts. Und wieder verblüffte Hattori-san nicht nur Kunden. Der Aufbau der Fabrik geschah in Rekordzeit, außerdem ersetzte Seiko in Rekordzeit 1.500 zur Reparatur anvertraute, beim Beben zerstörte Kunden­uhren durch gleichwertige neue Produkte.

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Hier die erste japanische Armbanduhr namens „Laurel“. Hattori erkannte schnell, dass die Zukunft dieser Art von Uhr gehören wird. Foto: (c) Seiko

Ein knappes Jahrzehnt später, im Jahr 1934, starb Kintaro Hattori, der König der Zeitmesser des Ostens, mit 73 Jahren. Sein Vermächtnis motivierte seine Nachkommen zu weiteren Spitzenleistungen in der Kunst der Uhrmacherei, was sich fortan in vielen Erstentwicklungen widerspiegelte. Auch heute noch steht ein Hattori an der Spitze eines höchst diversifizierten Konzerns. Drucker, optische Instrumente und ähnliche Präzisionsmaschinen gehören zum Portfolio eines immer noch höchst innovativen Unternehmens. Doch die Uhren befinden sich nach wie vor im Zentrum der Aufmerksamkeit. Fragt man erfahrene Uhrmacher, welche Uhr sie sich selber kaufen würden, dann fällt sehr oft der Name Seiko. Warum, zeigen die folgenden jüngeren, aber doch schon historischen Meilensteine der Seiko-History.

Ähnlich wie ihre Namensvetterin, die erste Quarzuhr der Welt, steht die Astron GPS Solar für einen Meilenstein Seikos. Über GPS-Empfänger wird die Uhrzeit überall auf der Welt exakt ­bestimmt. Preis: 2.599 Euro. Foto: (c) Seiko

Der ersten japanischen Taucheruhr zu Ehren lehnt sich die Prospex Diver Limited Edition stilistisch nah an das Vorbild an. Außergewöhnlich ist das verbaute Schnellschwingerwerk. Preis: 5.500 Euro. Foto: (c) Seiko

1969 – Automatik Chrono

Chronographen, also Uhren mit Stoppfunktion, gab es bereits. Alle waren bisher jedoch mit Handaufzugswerken ausgestattet. Legenden wie die Breitling Chronomatic oder die Zenith El Primero sollten das automatisch ändern. Zuvor kam ihnen allerdings im Mai 1969 Seiko mit der „5 Sports Speed Timer“, dem weltweit ersten Chronographen mit automatischem Aufzug. Das clevere Ührchen war darüber hinaus bis 70 m wasserdicht und verfügte über eine Tag/Datum-Anzeige auf Englisch und Japanisch. Schaltrad und vertikale Kupplung, Merkmale ­höchster Uhrmacherkunst, waren für die japanischen Tüftler selbstverständlich.
Im selben Jahr stellte eine weitere Erfindung Seikos die Uhrenwelt maßgeblich auf den Kopf. Die Astron, die erste Armbanduhr der Welt mit Quarzantrieb, sollte für die Schweizer Uhrenindustrie ähnlich toxisch wirken wie schlampig zubereitetes Fugu-Sushi. Der durch Strom zum Oszillieren gebrachte Kristall sorgte für eine Gangabweichung von gerade mal +/- 5 Sekunden pro Monat. Kein Vergleich zu den etwa 10 Sekunden täglicher Abweichung der mechanischen Gegenparts. Dazu summierten sich weitere Vorteile, wie etwa eine deutlich höhere Resistenz bei Schlägen. Paradoxerweise kam das heutige Synonym für leistbare Zeitmesser damals in einem Gehäuse aus 18 Karat Gold auf den Markt.

1988 – Kinetic

Eine Quarzuhr benötigt Strom. Dieser kommt meist von einer Batterie. Bei ­einer mechanischen Uhr wird die Zug­feder entweder per Hand oder mithilfe eines Rotors aufgezogen. Es wird also kinetische Energie in der Feder gespeichert, welche dann von der Gangpartie portioniert wird. Warum also nicht ­beides kombinieren? Bei der „Seiko ­Kinetic“ erzeugt der von Bewegung angetriebene Rotor elektrischen Strom, welcher sodann den Quarz präzise zum Schwingen bringt.

1999 – Spring Drive

Und wieder sorgt die Verbindung zweier uhrmacherischer Welten für Aufsehen. Der sogenannte „Spring Drive“ ist ein hochinteressanter Mechanismus, der auch heute nichts von seiner Faszination verloren hat. Wie funktioniert das Wunderwerk? Drei Arten von Energie sorgen für Ganggenauigkeit. Mechanische Energie: Wie bei einer Automatikuhr zieht ein bewegter Rotor eine Zugfeder auf. Elektrische Energie: Die Zugfeder erzeugt auch elektrischen Strom, der wiederum einen Quarz zum exakten Schwingen bringt, zwecks Erzeugung eines Referenzwertes. Magnetische Energie: Eine Art Wirbelstrombremse wirkt, gesteuert von der Quarzeinheit, bremsend auf das von der Zugfeder angetriebene Gleitrad. Das Ergebnis: Ein faszinierender, zu zenartiger Ruhe führender, meditativ fließender Sekundenzeiger. Noch nie gesehen? Ihr Juwelier weiß Rat.

Ein technisches Gustostückerl stellt der Grand Seiko Spring Drive Chronograph GMT dar. Mechanik und Elektronik werden hier auf innovative Weise verbunden. Preis: 8.300 Euro. Foto: (c) Seiko

Ebenfalls limitiert präsentiert sich die Presage Automatic Limited Edition. Dank des neu konstruierten Automatikwerks baut sie äußerst flach. Preis: 2.200 Euro. Foto: (c) Seiko

2012 – GPS Solar

Shinji Hattori, der aktuelle Präsident und Nachfahre Kintaro Hattoris, sorgte für die Wiedergeburt des Namens ­„Astron“. Die Reinkarnation sollte ­natürlich der Legende der Genauigkeit würdig folgen. Erreicht wird das durch einen batterieunabhängigen Solar­antrieb, der für die Stromerzeugung ­zuständig ist. Ein GPS-Modul empfängt Signale mehrerer GPS-Satelliten und errechnet die exakte Position der Uhr. Diese wird wiederum mit einer internen Datenbank verglichen, und so ist das Hightech-Werk in der Lage, alle 39 Zonenzeiten präzise anzuzeigen. Genauer geht’s aktuell nicht.

1960 – Grand Seiko

Und quasi als Exkurs noch eine Jahreszahl! Seiko beschließt Anfang der 1960er, seine Zeitmesser noch besser, noch exklusiver zu machen. Mit dem Anspruch, der Welt beste Luxusuhren zu kreieren, entsteht im Jahr 1960 die Division „Grand Seiko“. Tatsächlich werden unter diesem Namen seither ­Uhren manufaktiert, die den Vergleich zu den bekannten Schweizer und deutschen Herstellern nicht scheuen müssen. Im Gegenteil: Angesichts der hervorragenden technischen Lösungen und der makellosen Handbearbeitung erklang schon so manche anerkennendes Alphorn. ­Allerdings werden auch ähnliche Preise wie bei den eidgenössischen Spitzen­produkten abgerufen. Und auch auf dem Sekundärmarkt tut sich was: Vintage-­Seikos steigen nach jahrelanger Stagnation ­kontinuierlich im Preis.