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Hallwang – Dirk Stermanns Kolumne im WIENER W434

Wer regional begrenzt herum­kommen will, sollte Kleinkünstler werden. Es gibt kaum einen Ort, in dem man nicht über kurz oder lang auftritt. Jeder Bauernhof, der mehr als zwei Kühe im Stall hat, wird von den Agenturen gebucht. Manchmal ist es so abgeschieden und ländlich, dass man sich schwertut zu sagen: schon Menschen im Publikum oder noch Vieh?

Gleichzeitig lernt man auch die Vorteile der landschaftlich bevorzugten Gegenden Österreichs kennen. So war ich an einem der ersten sonnigen Vorfrühlingstage im klitzekleinen Hallwang bei Salzburg. Schon als ich aus dem Tourbus ausstieg, roch ich die Kuhscheiße, die das Parfüm des Landes ist. Es war friedlich. Im Hintergrund strahlten die schneebedeckten Berge der Alpen im Sonnenschein. Kühe, Pferde und Bauersleut. Die freiwillige Feuerwehr, die menschenleere Volksschule, eine kleine Kirche mit Friedhof. In Ermangelung anderer Sehenswürdigkeiten setzte ich mich auf dem Friedhof auf eine alte Holzbank. Die Sonne schien mir ins Gesicht, zwei alte Frauen pflegten ein Grab. Auf den meisten Grabsteinen sah man Fotos der Verstorbenen. Verwitterte Bilder von Bauern und Bäuerinnen, von gefallenen jungen Männern in Uniform. Ich hörte Kuhglocken und weit entferntes Traktorengeräusch. Ich sog die Kuhscheißenluft ein, weil ich als Stadtkind gelernt habe, dass Landluft gesund sei. Paradiesisch ruhig war es. Hier war die Welt noch in Ordnung. Kein Brexit, kein Massaker in Moscheen, kein Islamischer Staat, keine U-Bahn-Baustellen. Nichts. Tu felix Countryside, dachte ich, als mein Blick auf ein Grab direkt vor mir fiel.

MAG. RONALD WASCHL, *25.2.1966, ERMORDET 4.9.1992 IN BRATISLAVA


Ermordet? Ein Foto von Ronald Waschl ist auf dem Grabstein aus hellem Marmor angebracht. Er lächelt auf dem Bild, trägt Brille und einen schwarzen Pullover. Ein in der Slowakei ermordeter Hallwanger? Da ich Tagesfreizeit hatte, googelte ich auf der Bank sitzend seinen Namen, fand aber nichts. Ich gab ein: Mord Bratislava 1992 Hallwang. Aber es kam kein einziges Ergebnis. Also ging ich zu den beiden alten Frauen, die das Grab pflegten. Sie trugen Kopftücher. Darf man das überhaupt noch?, fragte ich mich. Beide waren steinalt, älter als der Tod, dessen Immobilie das hier war.

„Wissen Sie etwas über den Mord an Ronald Waschl?“ Ich fragte, wie der deutsche Kommissar von Soko Donau.

„Na, wir sind nicht von hier“, antworteten die beiden Frauen, die wirkten, als wären sie mit den Alpen zeitgleich erschaffen worden. „Aber der Franz weiß das“, sagten sie und zeigten auf einen Mann, der ein paar Gräber weiter stand.

„Ein Mord? Sie meinen den Helmut Brandstätter!“

„Nein, ich mein den Waschl Ronald“, sagte ich verwirrt.

„Das war mysteriös. Kommen Sie, ich zeigen Ihnen Helis Grab“, sagte der freundliche Herr, dem Haarbüschel aus den Ohren wuchsen. „Das mit dem Heli war mysteriös. Der war Karate-Weltmeister. In Bolivien haben sie ihn umgebracht. Als man ihn fand, war er völlig entstellt. Die Fingerkuppen hat man ihm abgeschnitten. Aber man weiß nicht, wer es war. Der Heli war 29 und ist nur runter geflogen, weil er einen Anruf von einem Freund bekommen hat. Der hat ihn um Hilfe gebeten. Der Heli ist runter geflogen und dann hat ihm auch sein Karate nicht geholfen. Man munkelt, dass er irgendwie in die Hände einer Sekte gefallen sei, aber man weiß nix Genaues. Seine Mutter hat Hasen gezüchtet. 200 Hasen hatte die, und der Heli eine Moto Guzzi.“

Ich war verwirrt. So ein kleiner Friedhof einer so kleinen Gemeinde, und zwei Morde?

„Und der Ronald Waschl?“

„War übers Wochenende in Bratislava, mit Freunden. Schauen, was mit den Hasen dort geht.

„Menschenhasen?“ Ich wurde immer verwirrter.

„Ja, eh. War in der Disco. Ist um drei Uhr früh zum Auto gegangen und ist von hinten attackiert worden. Raubmord. Man hat ihn im Straßengraben gefunden. War 26. Wollte sich einfach nur vergnügen.“

Ich nickte betroffen.

„Und da drüben liegt der Hannes. Wollen S’ sein Grab auch sehen? Das war auch eine grausliche G’schicht“, sagte der freundliche Herr, aber ich winkte ab.

„Nein, danke. Einen schönen Tag noch“, sagte ich. „Und passen Sie auf sich auf!“

Der freundliche ältere Herr gab mir die Hand. Ein fester Händedruck, wie er am Land üblich ist. Am Abend trat ich dann für die Überlebenden von Hallwang auf.

Foto: © Udo Leitner

Dirk Stermann
kolumniert seit Jahren im WIENER, heißt wöchentlich Österreich ­willkommen und ist erfolgreicher Autor.

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