Interview

Kaiser Robert, Mann des Volkes

Robert Palfrader ist gerade im Rabenhof Theater eingetroffen, mit seinen zwei Staatskünstler-Kollegen muss er die aktuellen Entwicklungen zu Novomatic und Ibiza in das abendliche Programm einbauen. Dann erzählt er begeistert von seinem ersten Dreh für eine italienische Produktion, der sensationellsten Pizza der Welt und von vielem anderen.

Datum: 14.11.2019, Ort: Rabenhof Theater, 1030 Wien, Interview: Manfred Rebhandl, Fotos: Maximilian Lottmann

wiener: Komödianten langweilen uns normale Leute immer mit der Feststellung, dass sie im Privaten und abseits der Bühne total langweilig sind …
palfrader: Das weise ich auf das Schärfste zurück! Wenn der Maurer, der Scheuba und ich unterwegs sind (Zusammen sind sie die Staatskünstler, Anm.), dann rennt der Schmäh. Ich schaue auch, dass auf Filmsets immer der Schmäh rennt, weil ich mich wohl fühlen muss, ich bin ja kein Schauspieler, ich hab das ja nicht gelernt.


Sie sind nur ein Schauspielerdarsteller?
Bestenfalls Darsteller, aber überhaupt kein Schauspieler.

Der Schmäh rennt dann, um die Unsicherheit zu kaschieren?
Und um meinen Minderwertigkeitskomplex und meine Profilierungsneurose besser in den Griff zu kriegen.

Welches Ihrer beiden Kinder profiliert sich beim Abendessen mit guten Pointen dem Papa gegenüber?
Beide! Mein Sohn ist 19 und ist sehr lustig, und meine Tochter wird zwölf, die hat auch schon eine ziemlich scharfe Papp’n … Meine Frau ist auch nicht auf den Mund gefallen, die hat auch einen sehr soliden Grundschmäh, also bei uns zuhause ist es eher lustig als ­traurig.

Die Berühmtheit des Vaters freut die Kinder?
Die sind angefressen, echt angefressen! Sogar auf den Beauty in „Echt Fett“ reden mich die Leute noch an: „Sie sind der Beauty!“, sagen dann überraschend viele junge Leute, das gefällt immer noch.

Dafür haben sie jetzt ausgesorgt?
Habe ich noch lange nicht! 2017 ist zum Beispiel ein Film, den ich in Thailand hätte drehen sollen und wo ich für die nächsten drei Monate schon alles abgesagt und geblockt hatte, nicht zustande gekommen. Außerdem hat der ORF eine Kaiser-Sendung weniger gemacht, hat eine Staffel „Wir Staatskünstler“ nicht gemacht, ich hatte keine Galas angenommen, keine Kabaretttermine vereinbart, mir sind also innerhalb von zwei Wochen alle Standbeine weg­gebrochen, und ich bin sechs ­Monate gestanden.

Und in ein tiefes Loch gefallen?
Ich versuche dann, das Gegenteil zu machen: aufhören zu raunzen, und schauen, dass die Türe wieder aufgeht. Außerdem verlasse ich mich nicht mehr auf das, was irgendwelche Fernsehsender sagen. Jeder, der selbstständig ist, kennt das: Entweder, du hast zu wenig oder zu viel. Dass es perfekt verteilt ist über das Jahr, das kriegen irgendwelche Topstars in Deutschland oder Amerika hin, der Rest von uns muss halt schauen, wo er bleibt.

Zum Beispiel hier im Rabenhof? Ist das so etwas wie Heimat?
Seit fast 17 Jahren. Meine ersten richtigen Schritte auf einer richtigen Bühne habe ich hier gemacht, das war die „Supernacht der Weihnachtsstars“. Aber ich war vorher schon Fan des Hauses ich habe hier eine der spannendsten und besten Produktionen jemals gesehen – „Iba de gaunz oamen Leit“ von Christine Nöstlinger zum Beispiel, das war ein sensationeller Abend. Es passiert hier eben nicht nur Comedy, sondern Volkstheater im wortursprüng­lichen Sinne.

Aber eben auch Comedy mit den Staatskünstlern. Sie, Florian Scheuba und Thomas Maurer … wie dürfen wir uns das vorstellen, wenn Sie zusammen ein Programm schreiben?
In 95 Prozent der Fälle treffen wir uns beim Flo. Dann wird einmal aussortiert, was interessant sein könnte und was nicht. Vieles, was uns wichtig ist, ist ja themenmäßig in Österreich unterrepräsentiert.

Gibt es Rituale – für jeden gelungenen Joke eine Bonbonniere?
Nein, aber es gibt das Ritual, dass wir eine sehr gute Flasche Wein aufmachen, bevor wir beginnen.

Farbe?
Jede! Mit Kugerl, ohne Kugeln, was am Tisch kommt, wird ­getrunken.

Manche saufen sich an, um lustig zu werden, …
… und wir genießen.

Während der Scheuba alles in den Computer tippt?
Nein! Der Laptop wandert immer im Kreis! Und der, der schreibt, tut sich am schwersten, die eigenen Ideen unterzubringen, weil er ja schreiben muss! Darum will das Kastl eigentlich keiner haben, manchmal muss man es weiter­geben, damit man selbst etwas ­beitragen kann. Oder man schreibt Sachen hinein, von denen die ­anderen nichts wissen.

Sind Sie neidisch auf den Scheuba, weil er so unglaublich gut ausschaut?
Auf seine Haare bin ich neidisch, diese Haarpracht ist ein Wahnsinn.

Wissen Sie denn, welche Produkte er verwendet und wie viel Geld er dafür wöchentlich ausgibt?
Ich weiß auf jeden Fall, dass diese Pracht nicht aus Haar besteht, sondern eine Stahlbetonkonstruktion ist.

Für das neue Staatskünstler-Programm haben Sie auch eine herr­liche Ibiza-Video-Parodie gedreht, in der Sie Hitler spielen. Wie haben Sie sich in die Figur hineingefühlt?
Es gibt auf YouTube Sprachaufnahmen, wo Hitler semiprivat über den Russlandfeldzug spricht, er verstellt sich da nicht, er redet privat. „Wir sind vorgerückt … mitten im Nirgendwo haben wir eine Fabrik entdeckt … dort auf dem Parkplatz haben wir eine absurd hohe Zahl an Panzern gefunden …“ (wie Hitler) „wirrr konnten das nicht glauben …“ Das habe ich mir zwei, drei Mal angehört, um Hitler in einer privaten Situation spielen zu können. Mein Vater hat übrigens nie „Hitler“ gesagt, sondern immer nur „das magenkranke Arschloch.“

Hatte er denn Magenprobleme?
Wahrscheinlich! Warum soll man sonst Eiernockerl essen, wenn man alles essen kann auf der Welt? Alles hätte er kriegen können! Aber ­Eiernockerl hat er gegessen!

Sie feiern jedes Jahr exakt zum Faschingsbeginn Geburtstag. Was bedeutet Ihnen der Fasching?
Wimmerl am Arsch. Ich habe einmal in Köln gearbeitet und weiß noch, dass ich am 10. 11. nach Hause gefahren bin. Die waren dort komplett fassungslos, wie jemand, der am 11. 11. Geburtstag hat, einen Tag vor Karnevalsbeginn abreisen kann, wo er doch nirgendwo irgendwas bezahlen müsste, wenn er nur seinen Ausweis herzeigt. Fasching – absoluter Horror! Ich glaube, ich habe mit neun oder zehn aufgehört, mich zu verkleiden.

Dabei brauchten Sie nicht einmal eine Clownsnase, um lustig auszusehen, Sie haben ja Ihre eigene. Während welcher Raufereien ist die entstanden?
Die Nase ist nie gebrochen, ich bin einfach nur schiarch. Das erste, was bei mir in der Pubertät gewachsen ist, war die Nase. Die ­Augen waren wahnsinnig feminin, der Rest des Gesichtes auch, aber halt die Nase. Ich wurde dauernd verarscht. Mein Vater, ein kluger Mensch, hat mir dann Cyrano de Bergerac zu lesen gegeben, und ich habe kapiert: Wenn ich selbst bessere Witze über meine Nase mache als die anderen, demütige ich die
anderen.

Mussten Sie nie den Würstelstand der Mutter verteidigen?
… der mittlerweile von meinen Geschwistern geführt wird. Aber nein, das war nie notwendig! Da gab es nie Brösel! Meine Mutter hatte dort ein wirklich großartiges Publikum. Manchmal hab ich um neun Uhr abends noch einen Anruf bekommen: „Du, wir sitzen noch beieinander und gehen gerade die Todsünden durch, zähl sie auf. Wofür haben wir dich in die Schule gehen lassen?“ Oder: „Welcher Philosoph war von wem der Lehrer?“ Über so was haben die dort diskutiert, das war ein besonderer Würstelstand.

Mit Ihrem Erfolg nehmen Sie nun Rache an denen, die Sie verarscht haben?
Wie jeder, der justament glaubt, dass Menschen dafür bezahlen ­sollen, ihm bei einem Monolog auf der Bühne zuzuhören, habe ich ­natürlich meine Narben auf der Seele, mit denen ich wahrscheinlich bei einem sehr guten Nervenarzt besser aufgehoben wäre als auf der Bühne. Aber im Grunde bin ich auf die Butterseite gefallen, alleine schon wegen meiner Eltern. Meine Kindheit war wunderschön, wahnsinnig privilegiert, sehr wohlbe­hütet.

In Braunschlag trugen Sie diese gewagte Badehose … wie viel Überredungskunst bedarf es, Sie in so ein Teil zu stecken?
Ich habe gebettelt, dieses Ding nicht tragen zu müssen, aber unser Kostümbildner ist hart geblieben. Ich wollte sie rituell verbrennen nach den Dreharbeiten, aber das hat er mir auch verboten. Er hat mich letztlich mit der Frage dran gekriegt: Willst, dass es gut wird, oder nicht? Das ist ein Argument, das bei mir immer zieht. Im Nachhinein bin ich sehr glücklich, dass ich sie getragen habe.

Der Niki Ofczarek hat die ­Boxershorts gekriegt und durfte wieder voll super ausschauen.
Der Niki schaut immer gut aus, der Niki ist der Niki, das ist eine ganz andere Liga. Ich bin nur ich.

Der 50er letztes Jahr, hat der weh getan?
Na geh, überhaupt nicht. Meine Midlifecrisis habe ich mit 23 oder 24 gehabt. Ich halte es da mit diesem amerikanischen Spruch: Man ist nur einmal jung, aber wenn man es richtig macht, ist einmal genug. Und ich glaube, ich hab’s richtig gemacht.

Haben die Watschn weh getan, die Sie für Ihr erstes Soloprogramm bekommen haben?
Die habe ich nicht ganz zu unrecht bekommen! Ich war unterprobt, was ein zeitliches Problem war, was wiederum mit Dreharbeiten zu tun hatte, die ich auch absagen hätte können. Das Hauptproblem: Ich bin im ersten Teil gesprungen. Da haben mir ca. 20 Minuten gefehlt, auch inhaltlich. Etwas, was ich für den Teil nach der Pause gebraucht hätte. Die Premiere war eine Woche zu früh für mich.

Kommt man da in Stress?
Natürlich! Das merkst du in der ersten Sekunde. Aber so, wie es jetzt ist, geniere ich mich nicht, ich bin glücklich mit dem Abend, und ich werde das spielen, bis ich ­umfalle.

Ihren neuesten Film haben Sie in Südtirol gedreht, wo Teile Ihrer Familie herkommen, er heißt „ALLES WIRD GUT“. Ist das eine ­Phrase, mit der Sie auch im alltäglichen Leben etwas anfangen können?
Im Futur würde ich es als meinen Leitspruch nehmen. Dass alles gut IST, glaube ich allerdings nicht, nie. Und das macht’s ja auch spannend, oder? Wenn wirklich alles gut wäre, das wäre ja furchtbar langweilig.

In dem Film sollen Eisbären am Nordpol gerettet werden. Ist das etwas, womit man Ihre Tränen­drüse kitzeln kann?
Absolut! Ich bin sehr nahe am Wasser gebaut! Sehr, sehr nahe! Wenn ich sehe, dass jemand, der sich nicht wehren kann, bedroht wird, fühle ich mich verpflichtet, da etwas zu tun.

Sie konnten bereits Italienisch?
Nein! Ein paar Grundkenntnisse hab ich schon gehabt. Aber ich hatte eine großartige Kollegin, die mich gecoacht und mit mir das Drehbuch erarbeitet hat. Ein Glücksfall! Aber nach drei Wochen mit einem römischen Team kann man dann schon ein bissel reden auch. Verstehen sowieso. Vor allem kann ich jetzt hervorragend auf Italienisch schimpfen!

Was heißt „Skirennläufer“ auf ­Italienisch?
Das weiß ich nicht.

Sie spielen in diesem Film einen, der noch dazu schwerster Alkoholiker ist. Hätte aus Ihnen auch ein Skirennläufer werden können, als halber Südtiroler?
Mein Cousin, bitte, heißt Manfred Mölgg und ist Schifahrer! Wie der seine erste Silbermedaille gewonnen hat (Internet: Aare, 2007?), sind nach dem ersten Durchgang zwei Österreicher in Führung ­gelegen, im zweiten ist der Manni Bestzeit gefahren. Und wie der erste Österreicher hinter ihn zurückgefallen ist, habe ich gejubelt in einem Wirtshaus, wo ca. 100 Leute geschaut haben. Jeder hat sich natürlich umgedreht und bös geschaut, aber ich musste sagen: „Tut mir leid, Blut ist dicker als Staatsbürgerschaft.“ Das haben sie akzeptiert.

Können Sie mit solchen patrio­tischen Überhöhungen etwas anfangen? „Wir sind Weltmeister“?
Ich finde das schon ganz schön, wenn sich jemand mit der Leistung eines anderen identifizieren kann, mit Patriotismus habe ich aber ein bissel ein Problem, weil ich das für sehr infantil halte. Überhaupt Staatsbürgerschaften: Mein Vater ist als Italiener auf die Welt gekommen, dann war er Deutscher, dann war er staatenlos, dann war er wieder Italiener, und dann ist er Österreicher geworden. Mein Großvater hatte für Österreich optioniert, deswegen ist dieser Teil meiner Familie überhaupt hierher gekommen. Dem Großvater hat übrigens dann in Spitz an der Donau das Hotel Mariandl ­gehört. (Singt) Mariandl, -andl, -andl …

Haben Sie gerne mit den lebensfrohen Italienern gearbeitet, im Unterschied zu den mieselsüch­tigen Österreichern?
Es war wahnsinnig schön, wahnsinnig interessant! Sehr italienisch, es ist wirklich anders. In ­Österreich weiß ich nach fünf ­Minuten, wer der Oberbeleuchter ist, dort habe ich zwei Wochen gebraucht. Oder: Nach acht Stunden ist Schluss, da gehen alle nach Hause und sagen: Wir haben was zu tun, wir müssen essen gehen. Oder: Um zehn Uhr vormittags kommt die Pizza ans Set, dazu trinken sie Kaffee. Ich dachte die ersten drei Tage, die sind gestört, was machen die? Da gab es eine Frau, die war ausschließlich für die Pizza zuständig! Am vierten Tag bin ich zum Frühstück gekommen, die sagen: „You have to try, provare!“ Hab ich halt zugegriffen. Am fünften Tag haben sie mich um 9.55 anbinden müssen, damit ich ihnen nicht die ganzen Pizzas wegfresse, weil so etwas kriegst du in Wien selbst bei den besten Italienern nicht – sensationell! Sen-sa-tio-nell! Ich weiß nicht, wie sie das machen, wo sie das machen …unglaublich! Also, die wissen schon, wie man leben soll. Alleine die Dolci in Rom bei der Leseprobe … das sind die größten Perversionen überhaupt, das sind solche Schweinereien … unfassbar! So gut!

Haben Sie ein paar Kilo zugelegt?
Ich hab sonst nichts gegessen … aber in Südtirol nicht gut essen geht gar nicht. Die Qualität der Speisen ist so exorbitant gut. Ich hatte das Glück, meine Verwandtschaft sehr oft zu treffen, eine Tante von mir hat ein Wirtshaus, da gibt es ausschließlich ladinische Spezialitäten: vor allem Tultres. Die liebe ich in jeder Machart. Auch kalt. Wenn ich nach Wien zurückfahre, nehm ich mir immer ein Sackerl voll mit. Das reicht dann leider nur bis Lienz … also Empfehlung: Osteria da Garsun in Montal, falls jemand blad werden will.


Robert Heinrich Palfrader
geb. 1968 in Wien, ist als Kabarettist, Schauspieler und Autor im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt. Nachdem er sich als Wirt versuchte, gelang ihm der Durchbruch beim Fernsehen mit Sendungen und Serien wie „Wir sind Kaiser“, „Echt fett“, „Die kranken Schwestern“, „Wir Staatskünstler“, „Der Metzger“ oder „Braunschlag“. Außerdem sieht man ihn auf Theaterbühnen („Liliom“ im Volkstheater) und im Kabarett, wo er mit seinem Soloprogramm „Allein“ auftritt oder mit Kollegen wie Florian Scheuba und Thomas Maurer. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.