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Die Löwin auf der Käseraspel

Was treibt eine Raubkatze auf einem Küchengerät? Das hat natürlich mit Sex zu tun, und die Story dazu handelt von starken Frauen in einer toxischen Männerwelt.

Text: Manfred Sax / Fotos: Getty Images

Du hast es sicher erraten, obige vier Zeilen entstammen nicht Ms. Sargnagels berühmtem Text über den Camembert in der Strumpfhose, sie sind wesentlich älter, ganze 2.400+ Jahre älter. Daher ist auch der Perserschuh nicht der Air Max 1 Ultra Moire Herrenschuh Perser von Nike, obwohl eine Nike damals vermutlich eine Rolle spielte, nämlich die Sieges­göttin der griechischen Mythologie. Der Perserschuh kam mit dem Krieg, ein modisches Accessoire, das blieb, nachdem die persischen Invasoren die griechischen Lande Richtung Heimat verlassen hatten (480 BC), so, wie die interessanten Nylonstrümpfe made in USA in Europa verblieben, nachdem die amerikanischen Besatzer wieder abzogen. Und die Käseraspel gehörte damals wie heute in jede gute Küche. Aber was treibt eine Löwin auf derselben? Das hat mit Sex zu tun, womit sonst?


Wie immer geht es an dieser Stelle um Das Eine, die ewige ­Suche nach wunschlosem Glück, nach perfekten Momenten, denen man Ewigkeit wünscht. Es geht also um irgendwas – wünschenswerterweise horizontal erlebt – mit Frau, und hoffentlich ist sie eine starke Erscheinung, eine ­Löwin von Frau. Die allerdings in obigen Zeilen eine unwirsche ­Haltung signalisiert.

Die angeführte „Löwin auf der Käseraspel“ ist eine Sexposition, die ultimative Hingabe signalisiert. Damit Käse ordentlich gerieben werden kann, ist die Raspel gewölbt. Eine menschliche Löwin, die darauf Platz nimmt, hat Arme und Beine am Boden und streckt den Hintern nach oben. Der derart beglückte Mann hat demnach die Qual der Wahl, welche der drei gebotenen Körperöffnungen er bedienen will, und möge er seinen Spaß daran haben.

Tatsächlich ist die Löwin auf der Käsereibe die älteste schriftlich überlieferte sexuelle Stellung, das Kamasutra mit seinen 65 Sexpositionen schaffte es erst 600 Jahre später an die Öffentlichkeit, unter anderem inklusive des zur Decke gestreckten Perserschuhs, wenn auch unter der Bezeichnung „Jrimbhitaka“ bzw. „Staunen“. Das Staunen bezieht sich auf die Gefühle des Mannes angesichts des Schatzes, den ihm eine mit V-förmig hochgestreckten Beinen am Rücken liegende, nackte Frau offenbart. Die Löwinnenstellung heißt im Kamasutra übrigens „Dhenuka“, meint aber eine Kuh. Weniger stark, aber immerhin heilig.

Aber zurück zur griechischen Löwin. Die Frau dazu – sie heißt Lysistrata – ist offenbar mit Sex gerade auf Kriegsfuß, sie ist in „Mir reicht’s“- bzw. „Ich spiel da nicht mehr mit“-Modus, nenne es „Aufschrei“. Sie hat das Beziehungsleben, wie es ist, absolut satt und beschließt, etwas dagegen zu tun. Das war der Ansatz des griechischen Poeten Aristophanes zu seiner Komödie „Lysistrata“ (411BC). Hintergrund war der nicht enden wollende Peloponnesische Krieg zwischen Athenern und Spartanern (431–404 BC), die Männer waren entsprechend toxisch unterwegs, gaben Landwirtschaft und Familie den Mittelfinger, Armut und Tod prägten die Zeit. Also schmiedete Protagonistin Lysistrata einen außergewöhnlichen Plan zur Beendigung des Krieges: Die Frauen aller Kriegsteilnehmer sollten den Männern jeglichen Sex verweigern; das eine, das Y-Chromosomträger wirklich ersehnten. So mauserte sich die Komödie zu einem der ersten Stücke über sexuelle Beziehungen in einer männlich dominierten Gesellschaft.

Aristophanes war wohl das, was du heute einen Frauenversteher nennst. Seine Lysistrata outet die Frustrationen von Frauen in Zeiten, wenn Männer dumme Entscheidungen machen, die alle betreffen, aber kein Ohr für weibliche Meinungen haben. Obiger Vierzeiler ist der Eid, mit dem die Frauen allem sexuellen Spaß abschworen, Käseraspel inklusive. Alsbald liefen Männer mit einer „schweren Bürde“ (Erektion) unter der Tunika herum. Müßig zu erwähnen, dass der Frieden nicht lange auf sich warten ließ. Ohne Sex ist der männliche Ofen eben aus, nicht mal der Krieg macht mehr Bock, jedenfalls in der ­Komödie.

Allerdings bringt Aristophanes noch andere, zur Kälte zwischen den Geschlechtern beitragende Faktoren auf die Bühne. Faktoren, die uns heute bekannt vorkommen, zum Beispiel die Forderung nach materieller Gleichstellung, im Stück symbolisiert durch die weibliche Besetzung der Akropolis, Hort des Staatsschatzes, mit dem die Männer ihre Kriegsspiele finanzierten. In einem anderen Stück, den gleichzeitig mit Lysi­strata aufgeführten „Thesmo­phoriazusae“, wird die empathiebefreite Vulgarität des männlichen Atheners vorgeführt, aber auch der rüde Sexismus des Tragödien­bastlers Euripides, der Frauen als verrückt, mörderisch und sexuell verwahrlost darstellte.

Es ist also nicht der Prototyp des modernen toxischen Mannes – der „Pick-up Artist“ –, der das sogenannte „negging“ erfand, das strategische Beleidigen von Frauen zwecks Untergraben ihres Selbstvertrauens (auf dass sie glaube, sie brauche männliche ­Bestätigung). Negging war bereits in der Antike unter Männern, die nicht wissen, was sie tun, en vogue. Seltsam dennoch, dass heute noch kein Theatermacher die Idee hatte, Lysistrata zur Wiederaufführung zu bringen. Das Stück passt großartig in unsere Gegenwart der sexuellen Rezession. Die Gründe für das Ausbleiben horizontaler Höhepunkte ­mögen komplexer sein, wir leben in nie dagewesener Sicherheit, sind aber ängstlicher denn je, Tinder ersetzte die Annäherung im öffentlichen Raum, Social Media verkümmerten die sozialen Talente. Mannigfache Gründe für das allgemeine Phänomen null Bock werden aufgeführt, unterm Strich bleibt immer die schiefe Ebene – der Pay Gap, der eine Begegnung auf Augenhöhe verhindert; eine Männerwelt, die den Blick auf das Wesentliche verloren hat – das Wesentliche hier, wie gesagt, an dieser Stelle, wo es um die Suche nach großen horizontalen Momenten geht. Um guten Sex. Der nur auf gleicher Augenhöhe möglich ist, deshalb ist „Egalité“ im Interesse des Mannes. Denn nach gutem Sex kommt immer noch der bessere. Und der beste Sex ist jener, den dir eine Löwin von Frau beschert, die sich freien Willens auf der Käseraspel niederlässt. Eine Utopie, in Wahrheit, aber hey: Was wäre das Leben ohne die Fantasie der Utopie?