Bingewatch Spezial

Noch ein Streamingdienst – tut das Not?

Streamingdienste sind, vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen Ausgangsbeschränkungen, kaum noch aus dem täglichen Leben wegzudenken. Netflix, Prime und Sky teilen und herrschen, YouTube mischt sowieso mit. Nach dem eher verhaltenen Start von Apple TV+ steigt nun auch Disney+ in den Ring. Aber brauchen wir das? Eine Analyse.

Text: Markus Höller / Fotos: (c) Disney

Der von Disney schon seit langem geplante Rollout einer eigenen Streaming-Plattform, der seit November 2019 in Raten stattfindet, hat am 24. März in der dritten Phase nun die Länder Deutschland, Irland, Italien, Spanien, Schweiz, Großbritannien und eben auch Österreich erreicht. Und platzt so mitten in die größte europäische Krise seit dem 2. Weltkrieg – mit sehr unterschiedlichen Betrachtungswinkeln. Da jedem potenziellen Nutzer eine 7-tägige kostenlose Testphase offen steht, habe ich mich registriert und Disney+ eingehend, vor allem anhand der Hauptmitbewerber Netflix und Amazon Prime, evaluiert, um die essenzielle Frage zu beantworten: „Za wos brauch ma des?“


Punkt 1: Die Kosten.
Trotz der Quasi-Monopolstellung des Disney-Konzerns in Fragen der kindergerechten Unterhaltung ist auch hinlänglich bekannt, dass der Gigant mit den Mäuseohren alles andere als ein Wohltäter ist. Trotz prall gefüllter Kassen lässt Disney keine Gelegenheit aus, um Eltern und Kinder zu schröpfen, wohl oder übel ohne Gegenwehr. Und wer es wagt, sich in weltlichen Dingen oder – Gott behüte – Copyrightfragen mit der Armee an vollkommen humorbefreiten Anwälten anzulegen, dem blüht das jüngste Gericht. Folglich ist es auch nicht verwunderlich, dass für das vergleichsweise kleine Angebot von rund 600 Filmen und Serien dennoch 6,99 Taler pro Monat zu berappen sind. Das liegt zwar gleichauf mit Amazon Prime; die bieten aber zusätzlich im Paket ihren Gratis-Lieferdienst an und verfügen über das cirka 10-fache an Bewegtbildmaterial. Wobei: da ist schon auch viel Trash dabei. Netflix hat weniger Material als Prime zur Auswahl, liegt aber bei den Kosten mit 15,99 pro Monat empfindlich über den Mitbewerbern, gilt aber als erste Instanz bei Serien.

Punkt 2: Die Technik.
Während es bei Disney+ und Amazon keine preislichen Abstufungen gibt, bietet Netflix drei verschiedene Optionen an. (Anm: Wir sehen uns aber aus Gründen der Vergleichbarkeit nur das Premium-Paket um die eingangs erwähnten 15,99 Euro an.) Hier gibt es im Prinzip nichts zu meckern, alle drei Anbieter erlauben bis zu vier Streams gleichzeitig, ausgesuchte Inhalte sind in 4K abrufbar und die Sprach- und Untertitelverfügbarkeit ist vergleichbar umfangreich. Im Detail offenbaren sich aber deutliche Unterschiede zwischen „Newcomer“ Disney+ und den beiden Platzhirschen. Netflix und Prime unterstützen eine Vielzahl an Möglichkeiten, um den Dienst zu betreiben. Dazu zählen neben Webbrowser, Smartphones, Smart TVs und Tablets auch Spielkonsolen und Streaming-Boxen wie Apple TV oder Chromecast. Und das, natürlich mit qualitativen Einschränkungen, hinunter bis zu teilweise geradezu antiken Geräten wie PS3, Wii U oder Xbox 360. Disney+ erfordert also relativ aktuelle Gerätschaft. Auch die Suchfunktion wirkt im Vergleich zu Prime und Netflix nicht sehr inspiriert. Und: die deutsche Tonspur ist immer die aktuellste „deutsch-deutsche“, wer also die lokalisierten österreichischen Sprachfassungen oder alten Synchros sucht, hat Pech.

Punkt 3: Die Qualität.
Etablierte Streaming-Plattformen bieten, entsprechend stabile Bandbreite vorausgesetzt, meist gute bis sehr gute Bild- und Tonqualität. Dass Pixar-Filme und neuere Produktionen in 1080p oder 4K absolut großartig aussehen, liegt auf der Hand. Aber auch der Transfer wirklich alter Schinken wie „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (1937) oder „Fantasia“ (1940) ist hervorragend gelungen und überzeugt auf modernen Displays mit brillanter Darstellung und guter Soundqualität der ursprünglich nur Mono vorhandenen Tonspuren. Das gilt im übrigen auch für alte Realfilme wie den Klassiker „Mary Poppins“ von 1964. Es lohnt sich also durchaus, viele bekannte Meilensteine aus dem Disney-Oeuvre nochmal in bestmöglicher Qualität anzusehen!

Punkt 4: Die Auswahl.
Die große Kontroverse. Disney bringt auf seinem Kanal ausschließlich Material aus dem eigenen Stall, daher sucht man Werke von beispielsweise Dreamworks (no na) oder Universal vergeblich. Dafür wurde mit dem Start des eigenen Services praktisch der gesamte Back-Katalog aus dem Angebot der Konkurrenz zurückgezogen, was de facto heißt: willst du einen Film mit dem Copyright der mächtigen Maus sehen, hast du als Netflix-Abonnent Pech gehabt, als Prime-Mitglied musst du dafür extra zahlen. Kein sehr eleganter Move von Disney, aber ein verdammt effizienter. Denn abgesehen von den unzähligen Animations- und Realfilmen aus dem Haus der Ohren wurden im Lauf der letzten Jahre ganze Filmimperien einverleibt. Dazu zählen unter anderem der gesamte Star Wars Kanon, das Marvel Cinematic Universe und, last but not least, auch 21st Century Fox. So kann man auf Disney+ also nicht nur Donald Duck bei seinen cholerischen Ausbrüchen bemitleiden, sondern auch einen Ice Age-Bingewatch durchziehen.

Fazit: Es kommt drauf an.
Das Verschwinden aller Disney-Filme aus dem Angebot der anderen Streaming-Dienste ist für Abonnenten ebendieser natürlich ärgerlich. Speziell in finanziell angespannten Situationen will eine jährliche Zusatzbelastung von 69,99 Euro (bei Jahresabo) wohl überlegt sein, vor allem im Hinblick auf mitunter nicht kompatible Hardware. Andererseits: wer nicht so wie ich mittlerweile erwachsene Kinder hat und deswegen schon vor 20 Jahren mangels Streaming teure DVDs hamstern musste, spart sich unterm Strich eine Menge Geld, denn das vorliegende Angebot an Disney-Klassikern komplett auf DVD oder Blu Ray zu erwerben, erfordert neben viel Platz wahrscheinlich auch einen besicherten Kredit. Das gilt ebenso für die großen Franchises, zum Vergleich: aktuell löhnt man für ein Box-Set von Star Wars Episode I-VI auf Blu Ray rund 70 Euro. Da sind aber die Spin-Offs wie Rogue One, Solo, die neuen Sequels und natürlich The Clone Wars nicht dabei. Selbiges gilt für die Simpsons. Unterm Strich ist Disney+ für Animations-Freunde und Fans des epischen Popcorn-Kinos sicher ein Goldgriff, der sich als Ergänzung (!) zu einem Account bei Netflix und/oder Prime durchaus rentiert. Wer aber auf, böse gesagt, Kinderkram und Nerd-Schmonzetten verzichten kann, braucht Disney+ nicht.

Word to the wise:
Aktuell sind die Internetbandbreiten aufgrund der Ausgangsbeschränkungen und dem einhergehenden Teleworking-Aufkommen einerseits und dem erhöhten privaten Kommunikations- und Unterhaltungsbedard andererseits schon ziemlich beansprucht. Netflix, Amazon, YouTube und andere Streamingportale haben daher freiwillig ihre Bandbreiten um bis zu 30% gedrosselt, um das so wichtige Internet nicht zu überlasten. Für Familien mit Kindern in Wohnungen, wo bereits die Nerven blank liegen, ist ein Disney+-Abo sicher ein Segen, der viel soziale Spannung abfedern kann. Erwachsene Singles aber sollten sich überlegen, ob es wirklich notwendig ist, sofort das Abo abzuschließen und einen „Fluch der Karibik“-Bingewatch zu starten. Das schont mitunter lebensrettende Leitungskapazitäten, und The Walt Disney Company (Kennzahlen 2019: Umsatz 55,6 Milliarden US-Dollar, Gewinn 9,0 Milliarden US-Dollar) wird es überleben.