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Wien pur

Lukas Beck ist ein Fotograf, der vor allem seinen Portraits gerne den beruhigenden Satz mit auf den Weg gibt: „Es ist immer der Blick.“ Wie es scheint, schafft er es, nicht nur Menschen nach diesem Prinzip abzulichten. Es gelingt ihm auch, Gebäuden, Straßen, Seen oder auch einer gesamten Stadt einfach in die Augen zu sehen. Diesfalls: Wien während des ersten Covid-Lockdowns.

Fotos: Lukas Beck / Text: Franz J. Sauer

Daniel Wisser schreibt in seinem Vorwort zu Lukas Becks Bildband „Wien pur“, er nimmt an, der ihm persönlich nicht bekannte Fotograf sei einer, der gern und viel zu Fuß geht. Denn: „Wer zu Fuß geht, tastet den zurückgelegten Raum gründlich mit Füßen und Augen ab. Nur der Fußgänger kann überall gewesen sein und alles gesehen haben.“ Für mich als zunächst unvoreingenommenen Betrachter der Wien-Bilder von Beck machte es in jenem Moment sozusagen klick. Stimmt, dachte ich. Nur zu Fuß unterwegs ist man in der Lage, einfach stehenzubleiben und eine flüchtige Passage, die es einem plötzlich und aus welchem Grund auch immer vollformatig vors geistige Auge rückt, fotografisch festzuhalten. Oft ist im Moment des Auslösens gar nicht final geklärt, was man hier alles auf Zellu…, na ja, worauf auch immer bannt, schlag nach bei Antonioni. Immer mit dabei, quasi auf einer bildnerischen Metaebene, ist aber der Groove des Augenblicks, der Takt der Stadt, auch wenn sich dieselbe gerade in einem nie zuvor gekannten Ausnahmezustand befindet. Jenem des sogenannten Lockdowns, der coronabedingten Schließung sämtlichen wahrnehmbaren Pulses, der ansonsten den Herzschlag einer Stadt ausmacht, in Schwung hält und somit letztendlich zum Grooven bringt.


Wenn in den letzten Wochen oftmals die Rede davon war, das öffentliche Leben in Österreich sei in den diversen Lockdowns des unsäglichen Jahres 2020 jeweils „heruntergefahren worden“, dann stimmt das so nicht. Und diese Bilder beweisen es. Es herrscht noch immer Leben vor in Österreichs größter Stadt, wenn auch in einem seltsamen Leicht-Modus. Aber sie lebt, keine Frage. In aller ­Farbe, Buntheit, Ehrwürdigkeit, Verschnörkelung, Fröhlichkeit, Schwere, Grantigkeit, Unbedarftheit, Wird-scho-werden-Mentalität.

Vielleicht rückt eine gewisse Entschleunigung, jene Ruhe während des Sturms, die Lukas Beck in „Wien pur“ zelebriert, auch besondere Dinge in den Fokus einer Linse. Dinge, die sonst einfach funktionieren, am Rande stehen, nix können, außer das, was sie sollen. Bisweilen werden gerade solche Faktoten in besonderen Zeiten zu Marksteinen, die den Takt vorgeben. Und genau diesen Takt haben Lukas Beck und seine Kamera pünktlich eingefangen.

1993 startete Lukas Beck sehr jung eine lange Karriere als Fotograf in der Kulturwelt. Als Covid-19 die Stadt 27 Jahre später zum Erliegen brachte, waren gerade erst seine neuen Plakate für das Wiener Konzerthaus gehängt worden. Plakate, die über Nacht in einer menschenleeren Stadt den Stillstand der Livemusik symbolisierten.

Der Wiener Lichtbildner nahm die Herausforderung an, die Situation für einen Paradigmenwechsel in seiner Arbeit zu nutzen. Seine ruhigen, inszenierten Porträts im gesetzten Licht wichen für „Wien Pur“ zufälligen Momenten in der im vollen Sonnenlicht stehenden Stadt.

Alle Lichtbilder entstanden im Zeitraum vom 30. März bis zum 29. Juli und sind mit einer kurzen Festbrennweite auf ­einer digitalen Mittelformatkamera ­aufgenommen.

Das Bilderbuch der lebenswertesten Stadt hat 160 Seiten.

Infos: www.lukasbeck.com