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Lord Rieger hinter Salamanderskulptur

Herbert „Lord“ Rieger – Am Hof des Edelhippies

Manfred Sax

Gelebter Hedonismus: 50 Jahre Rieger Moden, produziert in den Hochburgen der Hippies und Freaks, von Kabul bis Bali. Utopien haben nur Sinn, wenn du sie lebst. Eine Memory Lane von Manfred Sax (Text) und Erich Reismann (Fotos).

„Bist du allein?“, frag ich, als Herbert die Tür zu seiner Wohnung öffnet. Nein, sagt er, da sind auch noch Rudi und sein Sohn Yves. Rudi, eine sagenhaft schöne Pythonschlange, döst im Wohnzimmer. Schlangen, hach, das weckt in mir Erinnerungen an Indien. Wie sich herausstellt, hat auch Yves ein wenig mit mir zu tun. Seine Mutter ist Simone Rowe, heute Chef-Designerin bei Rieger, die vor 40+ Jahren ins Büro kam, um sich als Verkäuferin zu bewerben. Der Zufall wollte es, dass da gerade ich darüber zu befinden hatte, ob ja oder nein. Ich hatte wenig Ahnung von Mode, und gar keine von Verkauf, aber ich wusste, was schöne Beine sind. Simone hatte sagenhaft schöne Beine.

„Engagiert!“, sagte ich.

Derlei Begebenheiten waren nicht zufällig. Sie gehörten zum „System Herbert Rieger“. Es gab da etwa diesen wirklich guten Geschäftsführer mit Überblick, er sagte immer das buchhalterisch Richtige, warnte also zumeist vor dem drohenden Konkurs – bis sich Herbert von ihm trennte. „Zu vernünftig, das nervt auf Dauer“, sagte er.

Es gab etliche Leute am Hof des „Lords“, die nichts mit dem „Planet Fashion“ am Hut hatten, aber der Lifestyle in Riegers Welt hatte etwas Unwiderstehliches. Heute ist viel von Work-Life-­Balance die Rede, von einem ausgeglichenen Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit, das war bei Rieger kein Thema, an seinem Hof wurde die Utopie gelebt, der in den 1970er Jahren aktuelle Traum von der Aufhebung der beiden Komponenten. Am Arbeitsplatz wurde gelebt, auch außerhalb desselben war man viel zusammen, beim Yoga vor der Votivkirche, oder sonntags an einem kleinen Fußballplatz unweit der Hohen Warte, zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter. Man hatte Gemeinsamkeiten, alle liebten einen guten Joint, der das Fußballspiel im winterlichen Schneegestöber zur lustvollen Sache erhöhte, das Lustprinzip hatte Priorität, zumal bei Herbert, der stand beim Fußball immer als Abstauber am Elfmeterpunkt: Klar, im Fußball triggert ein erzieltes Tor das größte annehm­bare Lustgefühl.

Eine weitere Gemeinsamkeit war die Liebe zu Afghanistan, man kannte Kabul, man kannte Kandahar, man mochte Land und Leute. Es war praktisch unvermeidlich, der berühmte Hippie-­Trail, auch „Magic Bus-Route“ genannt, führte durch dieses heute malträtierte Land, von Herat bis zum Khaiber-Pass. Wer die „Pudding Street“ (Istanbul) und die „Chicken Street“ (Kabul) und die „Freak Street“ (Kathmandu) kannte, wer Erfahrung mit Afghanen hatte, war auf halbem Weg zu Lord Rieger. „Mein“ Afghane kam aus Masar-e Scharif, ein göttlicher schwarzer Afghane wie kein Zweiter, ein Australier namens Steve hatte ihn am Hippie-Trail aufgelesen und auf der griechischen Insel Ios unter die vom Freak-Trip heimkehrenden Leute gebracht. Wer in einer Lord Rieger-Filiale etwas kaufte, hatte praktisch in die Hippie-Kultur investiert.

Lord der Glockenhose

Es ist ziemlich genau 50 Jahre her, dass „Lord Rieger“ für heimische Fashionista eine wichtige Adresse wurde und Jahrzehnt um Jahrzehnt für modische Akzente sorgte. Herbert Rieger, heute 72 Jahre alt, ist ein Wiener Original, wenn auch zeitlebens von Asien befruchtet, er brachte die Farben des Orients in die seinerzeit nicht nur modisch graue Stadt. Das Narrativ dazu geht von einem Mann aus, der 1973 aus London die heiße Ware „Flares“ (Glockenhosen) nach Wien importierte, damals das ultimative Mode-Accessoire für alle, die auf „make love not war“ unterwegs waren. Oben lange Haare, unten Flares. „Ich hab gut 100.000 Stück davon verkauft“, erinnert sich Herbert, zuerst am Flohmarkt, dann im großen Stil, er hatte „einen Freund in einer Bank“ (Rieger), der machte drei Millionen Schilling locker. Im Nu gab es sechs Wiener Filialen mit dem Schriftzug „Lord Rieger“ über dem Eingang und Warteschlangen davor, ganz Wien, so schien es, wollte Flares, und in der Folge mehr, aus ähnlich
spiritueller Quelle, die immer im Osten lag. Schon zu den Glockenhosen kam es über einen Umweg, 1972 bereiste der Sohn eines Textilienhändlers (Herbert: „unglaubliches Klumpert“) Indien, von Delhi nach Kerala (berühmtes Gras!) und rauf nach Kathmandu (Trekking!) bis an die Grenze zum Königreich Bhutan, dort half dann auch seine formidable Überredungskunst nicht, um ein Visum zu kriegen. Es war ein Trip, der inspirierte, der WIENER hätte es „Zeitgeist“ genannt, hätte er existiert. Der Rückweg führte Rieger über London, und wenn du mal „Goa for Christmas“ erlebt hast, nämlich vor 50 Jahren, dann fallen dir auch auf der Carnaby Street die Flares auf. Der Punkt war wohl eine Art Gegenteil der Migrantenfeindlichkeit von heute, der Hangover vom zweiten Weltkrieg saß in Österreich noch in aller Leute Knochen, wer ein lustvolles Leben wollte, der hatte auch Fernweh. Die Ferne im Osten öffnete deine Synapsen.

Paschtunenmütze

Den „Lord“ hat er sich heute abgeschminkt, aber es gibt „den“ Rieger noch, die Boutique steht in der Gonzagagasse, nach außen unscheinbar, aber drinnen häufen sich die Schätze. Du brauchst ein gutes Auge, um sie zu sehen, Herbert positioniert sie so, dass sie kaum wer wahrnimmt. Teil seiner Persönlichkeit ist, dass er sich von den schöneren Dingen ungern trennt, obwohl er sie eigentlich verkauft. Blickfang im Shop ist die Nachbildung eines Komododrachen in Lebensgröße, an der Wand hängt fast unscheinbar eine unglaublich wertvolle balinesische Schnitzerei zum Thema Ramayana-Epos, die bei seitlichem Licht aus dem Rahmen fallende Schatten wirft. Der Weg ins Lager führt durch ein magisches Tor, das einst zum Königshaus von Singaraja (Bali) gehörte. Im Lager dahinter türmen sich kostbare Stoffe, Seidenbrokat etcetera, am Haken hängen zwischen Unscheinbarkeiten auch usbekische Ikat-Mäntel, und bei guter Laune kramt er die Afghanistan-Schätze hervor, kostbare Handstickereien von diversen Bergstämmen. Es muss ein mit mehreren Wassern gewaschener Kunde sein, der es durch das Singaraja-Tor schafft, um mit Herbert über eine maßgeschneiderte Jacke zu verhandeln, in welche auch diese Handstickereien eingewirkt werden. Der Weg führt ausschließlich über einen Dialog mit Herbert, im Idealfall eine Konversation, wie sie im Basar an der Chicken Street in Kabul hätte geführt werden können. Sein Rückzug in die Quasi-Anonymität war daher logisch. Der Business-Transfer vom persönlichen Kontakt zum Online-Shopping war der erste Trend, den er nicht mitlebte, wie auch, sowas ist ja kein Leben, sagt er.

Klar, dass am Kopf einer Schaufensterpuppe auch eine Paschtunenmütze sitzt, jene omnipräsente Mütze mit Wollrand, ein Köder sozusagen, wer in Afghanistan war, ehe die Russen kamen, hat Erinnerungen fürs Leben. Theo zum Beispiel, anno „Lord“ für Rieger verschiedentlich als Verkäufer, Fahrer oder Mediator im Einsatz, aber auch als Produzent in Kabul. (1) Er war Student, als er 1974 am Wiener NIG einen Aushang sah: Mitfahrgelegenheit nach New Delhi, für nur 900 Schilling. Es begann eine Reise, erzählt er, wie eine Fata Morgana. Die Magic Bus-Route, vorbei an Schafherden in Ostanatolien, dann Persien wie 1001 Nacht, manchmal verschwand der Fahrer ein paar Stunden und kam mit einem Brocken Hasch zurück. Kultur, Leute! Schließlich Afghanistan. 1974 war das Jahr 1 nach 40 Jahren Monarchie mit König Zahir Shah, ein Traum von einem Land, erzählt Theo: „Kabul mit seinen Basaren war großartig bunt, auf den Straßen trabten Kamele und Pferde-Rikschas, Frauen trugen westliche Kleidung und sogar Minis, es gab eine Uni und zwei Discos und viele Religionen, die Leute waren friedlich und tolerant.“ Herbert sah es auch so, „das sympathischeste Land, in dem ich je war.“ Außerdem sah er afghanische Kleider und Turkmenen-Mäntel und „all dieses Edelhippie-Zeug, das wahnsinnig ‚in‘ war.“ Im Norden Masar-el-Scharif, im ­Süden Kandahar mit seinen Schätzen, und überall Gastfreundschaft, eine Ehrensache für Paschtunen: Es gab gute Gründe, in Kabul zu produzieren.

Als ich vor diesem Schrieb zuletzt Nachrichten sah, war in ­Kabul die Hölle los. Menschenmassen vor den Banken, von den Taliban handfest im Zaum gehalten, die Regierung des Landes wurde ihnen überlassen, die Pforten der Nationalbank blieben aber versiegelt. Die Taliban haben Waffen, aber kein Geld. Wie stets hatten die Mächte, die da sind, ein Chaos hinterlassen, humanitäre Katastrophe vorprogrammiert. Die in Kabul aktiven Rieger-Leute erlebten den Anfang vom Ende des ehemaligen Afghanistan hautnah, mit den Russen kam Ende der 1970er Jahre ein anderes Klima, „anfangs gab es mit jungen Russen noch Kontakte“, erzählt Herbert, „aber langsam kamen die nächtlichen Schüsse näher.“ Bald gab es nur noch ein Dutzend Leute aus dem Westen, erzählt Theo, „die Russen fuhren im Panzer in der Chicken Street vor, dann ging die Luke auf, raus trat ein Mann mit Kalaschnikow, holte sich im Shop sein Wolfsfell für den Mantel und war wieder weg.“ So ein Kriegsszenario ist immer gut für Unvergesslichkeiten, Theo erinnert sich spontan an Wasserbetten in einem Hotel, bzw. deren Löcher, wenn mal ein Joint aus der Hand rutschte. Oft erzählt er die Story vom Rodeln mit aufblasbaren Schläuchen am Camp Qarga, „dort gab es eine Hütte mit Tee.“ (Theo) Aber im Wesentlichen kippte das wachsende Unwohlsein Richtung Angst, Gefahr kam allmählich von beiden Seiten. „Alle hassten die Russen“, erinnert sich Theo, „ich trug den afghanischen Pyjama, langes Hemd, weite Hose, Kordel in der Mitte. Das afghanische Militär suchte wehrfähige Männer und wollte mich als Soldaten.“

Es wurde Zeit, das Weite zu suchen.

Komodo Waran

Wenn du wissen willst, wie es in Bali vor 40 Jahren aussah, musst du nach Komodo. Weiß jeder Freak. Daher auch dieser ganz und gar unpraktische Komodo Waran inmitten des Rieger-Shops. Vor 40 Jahren gab es zwischen den Dörfern Kuta und Legian und Seminyak noch Palmenwälder, darunter grasten die Kühe, und auf deren Fladen sprossen nach einem Regentag die Pilze. Deswegen kamen die Freaks. Es gab gute Gründe, die Rieger-Produktion von Afghanistan nach Bali zu verlagern. Herbert bat Berti (1), die Sache in Bali zu managen. „Eine Schnapsidee, ich hatte null Ahnung von der Sache“, erzählt Berti, aber was solls: System Herbert. Architekturstudent Berti war Afghanistan-„Veteran“, er hatte einmal eine Expedition zu den Kutia Kondhs in Indien mitgemacht, das ging durch Afghanistan.

Außerdem war er der eine Edelkicker beim sonntäglichen Kick auf der Hohen Warte, kurz: Berti war hochqualifiziert, nur gab es auch überall die Fallen. In Legians „Golden Village“, zum Beispiel, konnte der Schneeberg 20 Zentimeter hoch liegen. „Die Typen in der Firma waren mir bald zu steil, ich machte mich selbständig. Andererseits: Ohne Herbert kein Bali.“ (Berti)

Inzwischen, in Wien, war der Boom auch nicht mehr das, was er mal war, die 1980er Jahre begannen sich zu entfalten. Mitunter konnte ein Geldeintreiber vom Finanzamt auch nach Geschäftsschluss die Firma heimsuchen, eine Unzeitgemäßheit. Eines Abends hatten wir im Lager einen Gastronomietreff, ein neuer LSD-Trip war in die Stadt geraten, das wurde getestet und für großartig befunden. Mit dem plötzlichen Auftauchen des Finanzbeamten kam auch der Beweis, dass LSD in der Tat vielfach von gesellschaftlichen Nutzen sein kann, schwer zu sagen, was er von unserer guten Laune hielt. Aber irgendwann sprang Herbert aus einer Nische hervor, mit einem Modefetzen in der Hand und breitem Grinsen im Gesicht und sagte: „Ein Ballkleid für die Gattin?“ Und der Finanzbeamte ging wieder von dannen, zwar unverrichteter Dinge, aber mit einem Lächeln auf den Lippen. Herbert wurde zum Genie, vor ­allem dann, wenn es um Geld ging, das er nicht hatte.

Rieger4ever

Ich werde meinen letzten Tag bei Rieger nie vergessen, da geriet Filmemacher David Cameron in „meinen“ Laden, der Ex von Hildegard Knef, an seiner Hand die Aristokratin „Pumpi“ Lamberg. Die Dame hatte drei weiße Anzüge bestellt, alle in „Bali-Style“, das war eine Art Judo-Hose. Endlich wieder Geld in der Kassa! Diese Story erzähle ich Simone Rowe, die im Keller gerade was schneidert. „Eigentlich bin ich noch immer böse auf dich“, erwidert Simone. Warum, frage ich. Nun, weil Simone sich eben so gewissenhaft auf das Job-Interview vorbereitet hatte, einen ­ganzen Stapel mit Referenzen hatte sie im Arm gehabt, „und dann stellst du mir nur diese eine lächerliche Frage!“ – Nämlich? – „Welches Sternzeichen ich habe.“ Tja, well, na. Sag, was du willst, aber „System Herbert“ funktioniert. Immerhin hat sie mit Herbert heute einen tollen Sohn. Und in den 1980er Jahren hatte Herbert mit Simone genau den kreativen Muskel, der ihn „safe“ durch die Jahrzehnte begleitete. Sie fuhr zu den Modeschauen von Galliano, Gaultier und Co, und rieb sich so lange an deren Arroganz, bis sie beschloss: „Das kann ich auch.“ Und wie sie es konnte, in Bali ebenso wie auf Ibiza und Goa. In den 1980er Jahren schwoll Herberts Firma österreichweit auf 14 Filialen an, in den 1990ern war Flaute, da kamen die billigen Shops (H&M, Mango) nach Wien, erinnert sich Simone. Mit Entdeckung der Goth-Schiene gab es in den Nullerjahren noch einen Höhenflug, der Crash von 2008 trieb auch Herbert Rieger in den Ausgleich. Es war ein Schock, aber heute ist er wieder locker, in seinem Laden in der Gonzagagasse, wo die Schätze liegen, die Memories fürs Leben. Herbert Rieger ist einer der großen Rohdiamanten dieser Stadt, eigentlich müsste man ihn unter Denkmalschutz stellen.

(1) Namen von der Redaktion gekürzt; Info: http://www.lord-rieger.at/index.php/home