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Archiv 1993: Die Waffen nieder!

Vor der Welt gelten sie als Mörder und Kriegstreiber, aber es gibt immer mehr Serben, die sich dem Wahnsinn verweigern. Und lieber das eigene Leben opfern als das von anderen. Zentrum der mutigen Widerstandsbewegung: ein kleines Dorf, das selbst den Panzern der Landsleute trotzt. Gerhard Kummer (Text) und Milenko Badzic (Fotos) waren vor Ort. Bis sie von der Miliz geschnappt wurden.

Etwas mehr als ein Jahr ist es her, dass die Panzer kamen. Serbische Panzer, 92 an der Zahl. Alle Rohre auf ein Ziel gerichtet: Tresnjevae, ein Dorf im Norden von Serbien, unweit der ungarischen Grenze. Ein idyllisches Bauerndorf, eingebettet in die Landschaft der Wojwodina, mit Einfamilienhäusern, Höfen, kleinen Weihern und freilaufenden Gänsescharen. Ein Ort, in dem rund 2000, meist ungarischstämmige Serben friedlich gelebt haben – bis der Tod sie umzingelt hatte. Denn die Militärs meinten es todernst an jenem 10. Mai 1992. Eher ein eigenes Dorf in Schutt und Asche legen als erdulden, dass 200 Einberufungsbefehle nur noch das Papier wert waren. Der Himmel an diesem Tag war sehr nah. Doch die Hölle nur einen Atemzug entfernt. Und jeder konnte der letzte sein. Absoluter Schießbefehl gegen jede Kriegsverweigerung.

„Es begann damit, dass ein paar Tage vorher Einberufungsbefehle kamen. Mehr als die Hälfte der wehrfähigen Männer unseres Dorfes sollte an die Front. Wir organisierten ein Meeting, und jeder sollte selbst entscheiden, ob er bei dem Krieg mitmachen will oder nicht“, erzählt Lajos Balla, der 42-jährige Direktor der Dorfschule und Mitglied der Demokratischen Union der Wojwodina-Ungarn. „Wir waren uns aber schnell einig, lieber im eigenen Friedhof liegen als nicht zu wissen, wo man krepieren wird!“ Schon Stunden vor der Entscheidung hatten die Frauen im Dorf einen Protest organisiert – frei nach dem Motto: „Macht euren verdammten Krieg allein – ohne unsere Männer!“

Der Protest formierte sich zu einer Revolte der aufgebrachten Dorfbewohner auf der einzigen asphaltierten Straße von Tresnjevac. Bis einer die Panzer entdeckte und mit Schrecken durchzählte. Das Dorf wurde abrupt zum Kessel eines drohenden Massakers. Und gleichzeitig zur Keimzelle des ersten offenen Widerstandes gegen die serbische Militärdiktatur.

Ildiko Meszaros, eine der ersten Frauen, die zum Protest aufrief: Die Angst war aus jedem Gesicht zu lesen, aber sie konnte uns nicht lähmen. Sie machte uns stark. Wir versammelten uns in unserer zentralen Dorfkneipe, dem Zitzer-Club. Ein flaches Holzhaus als Treffpunkt und Disco mit Bar, Billardtisch und Garten.

Die Nacht brach herein. Die meisten blieben. Die, die gingen, wurden zur Versorgungseinheit, brachten Essen, Decken und ein tiefes Gefühl der Zusammengehörigkeit zwischen Männern und Frauen, jung und alt. Die einzige Waffe neben der Unbeugsamkeit: ein Telefax-Gerät. Als dünne Nabelschnur zum Rest der Welt. Doch die reichte, um weltweit Zeitungs- und Fernsehredaktionen zu informieren. Als globales Schutzschild gegen den lokalen Wahnsinn. Die Redaktionen, u. a. englische, italienische und japanische, reagierten, nahmen die Informationen auf, schickten Monate später ihre Mitarbeiter vorbei.

Vilmos Almasi, gelernter Elektrotechniker, war der erste, der den Einberufungsbefehl bekam. Und der erste, der seinen Marsch in den wahrscheinlichen Kriegstod ignorierte. Einige Männer aus den Nachbardörfern waren schon tot. „Ich lebe in der vereinigten Republik Jugoslawien“, ließ der 31-jährige die Militärs in Belgrad in einem Schreiben wissen, „und ich habe keinen Anspruch auf das Gebiet unserer Nachbarstaaten. Dieser Krieg ist nicht legal, und solange hier keine legale Regierung an der Macht ist, werde ich die rechtlichen Folgen meiner Weigerung tragen!“

„Ich will weder einen Kriegshelden noch einen toten Mann“, sagt seine 22-jährige Ehefrau, die immer damit rechnen muss, dass sie ihn eines Nachts einfach aus dem Bett holen. Dreimal wurde Vilmos bis heute zum Belgrader Militärgericht zitiert. Genau so oft, wie er dort einfach nicht erschien. Auch der Polizeistreife, die ihn immer wieder gesucht hat, ist er entgangen. Vilmos Almasi erzählt mit einer Ruhe, als würde er von der Maisernte reden. „Vom Zitzer-Club aus sprachen wir mit dem Kommandanten der Garnison, aus der die Panzer gekommen waren. Wir wollten wenigstens wissen, wohin sie uns als Soldaten schicken wollten. Bis heute warten wir auf eine Antwort!“

Und die Panzer? Die traten am nächsten Tag den Rückzug an, erzählt Vilmos, Vater einer vierjährigen Tochter, mit leisem Triumph in der Stimme, „aber wir blieben ganze 62 Tage lang im Zitzer-Club und gründeten die Geistige Republik Zitzer“. Eine Friedensbewegung, für die drei Wochen später schon 1500 Menschen unterschrieben haben.

Lajos Balla, Spät-68er mit einem Touch Che Guevara: „Unsere Bewegung ist keine Partei, sondern die Summe von Individualisten gegen den Kriegsirrsinn. Heute unterstützen uns Menschen aus aller Welt. In Serbien selbst sind es Kroaten, Ungarn und natürlich auch reine Serben. Auch in der Nähe von Belgrad gibt es ein Dorf wie unseres, das voll mit Kriegsgegnern ist.“

Der Beweis: Sogar geistig Behinderte sollen den Krieg (Auszüge aus Zeugen- und Arztprotokollen). Der Fall Krekusko Vince, 36 Jahre alt, geistig behindert. Zehn Zeugen konnten seine Rekrutierung beobachten. Fünf Soldaten der

restjugoslawischen Militärpolizei schnappten ihn, als er aus seinem Haus über die Felder fliehen wollte. Er wurde von ihnen verprügelt, an den Haaren zur Straße zurückgezerrt und mit Füßen getreten. Er blutete stark. Zeuge: „Wurde behandelt wie ein Hund!“ Antwort eines Soldaten mit Gewehr im Anschlag: „So geht’s jedem, der sich weigert!“

In der Kaserne wurde Krekusko Vince eine Woche lang schwer misshandelt. Wochen später der kontaktierte Arzt (Attest vom 30. April 1993): Blutungen aus Nase und Mund, Schmerzen im Brustbereich und an der Wirbelsäule. Verletzungen durch stumpfe Gegenstände. Nicht lebensgefährlich, aber extrem schmerzhaft. Krokusko Vince hat dennoch nichts unterschrieben. Heute leidet er an Schlaflosigkeit und schweren Angstzuständen. Dem Krieg ist er entgangen.