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Als die Reichsbrücke verschwand

Der Reichsbrücken-Einsturz 1976 gilt bis heute als eine der rätselhaftesten Wiener Katastrophen: Am 1. August, kurz vor fünf Uhr früh, stürzte das Wahrzeichen in die Donau. Auf den Tag genau 50 Jahre danach sind die Zufälle jener Nacht noch immer sonderbar genug für eine eigene Legende.

Von Redaktion · 1. August 2026 · 3 Min. Lesezeit
Reichsbrücken-Einsturz 1976: die eingestürzte Brücke mit dem Autobus der Linie 26A
Die eingestürzte Reichsbrücke mit dem Bus der Linie 26A, 1976. © MA 29/Stadt Wien

Ein seltsamer Anruf bei einer ­Wiener Tageszeitung am Vorabend. Alle Ampeln an den Rampen zehn Minuten lang auf Rot. Bloß fünf anstelle von bisweilen knapp 20.000 Menschen auf der Brücke, und die alle auch mehr zufällig. Als die Wiener Reichsbrücke am frühen Morgen des 1. August 1976 in die Donau zerbrach, herrschte sehr viel Glück im Unglück, nicht nur deshalb, weil das Debakel nur ein Menschenleben kostete. Auch auf die weitere bauliche Entwicklung der Stadt hatte das zerbröselte Wahrzeichen mehr positiven als negativen Einfluss. Die U-Bahn, für deren Verlängerung nach Kagran zunächst eine Nebenbrücke geplant war, konnte ins Konzept der neuen Brücke integriert werden. Die recht enge Fahrbahnbreite konnte den Verkehrsgegebenheiten angepasst werden. Und auch für die damals bereits vage in Planung befindliche Staustufe Freudenau (1995 fertiggestellt) brachte der Einsturz letztlich Vorteile: Das zur maximalen Ausschöpfung des Stau­volumens ­notwendige Anheben der ­alten Brücke hätte Experten-Schätzungen zufolge insgesamt mehr gekostet als der ­Neubau der Brücke.

Die konkreten Seltsamkeiten rund um die Brückenkatastrophe recherchierte WIENER-Redakteur Alwin Schönberger bereits 1996 zum 20-jährigen Jubiläum penibel. So ging etwa am 31. Juli 1976 knapp vor Mitternacht beim Portier ­eines Zeitungsverlages ein anonymer wie polizeilich aktenkundiger Anruf ein: „Morgen, gegen fünf Uhr früh, wird die Reichsbrücke verschwinden und Wien das größte Unglück der Nachkriegs­geschichte erleiden.“

Wer war auf der Brücke?

Die auf der Brücke zum Einsturz-Zeitpunkt 4h43 befind­lichen Fahrzeuge waren: ein VW Käfer, der sich zuvor auf der Brückenauffahrt überschlagen hatte und nun mit Reifenschaden darniederlag, weshalb sich die Besatzung eines ÖAMTC-Pannenwagens um ihn kümmerte. Der ORF-Fahrer Karl Kretschmer hatte seinen Transit angehalten, um dem verunfallten Käfer ­Hilfe zu leisten, hätte die Brücke also auch längst verlassen haben sollen (er blieb das einzige Todesopfer des Inzidents). Und der legendäre „Donaubus“ der Linie 26A war auch nur auf der Brücke, weil Bus-Chauffeur Emmerich Volcamsek aus Zeitdruck einen Abschneider zu seinem Dienstantritt in Aspern nahm.

Zufall oder mehr?

Die offizielle Untersuchung zum Reichsbrücken-Einsturz 1976 macht Materialermüdung in einem Brückenpfeiler verantwortlich, einen Konstruktionsfehler aus den 1930er-Jahren, als man die stromabwärts vorherrschende Windrichtung offenbar zu wenig berücksichtigte. Zeitzeugen berichten trotzdem von einem lauten Knall und einer Brücke, die sich vor dem Einsturz kurz angehoben habe. Sogar auf der Hohen Warte registrieren die Seismografen die Erschütterung, mit einer Amplitude, die jener einer Bombenexplosion ähnelt. Gesprengt wurde die Reichsbrücke nachweislich nicht. Wer am Vorabend wirklich angerufen hat, weiß bis heute niemand, die Ermittlungen dazu verliefen im Sand.

Die neue Reichsbrücke auf einer Aufnahme von vor zwei Jahren, als wir sie für Fotoaufnahmen mit dem Original Goldfinger-Rolls Royce befuhren (Foto: Oliver Gast)

Die neue Brücke heute

Die neue Brücke geht am 8. November 1980 in Betrieb und trägt offiziell den Namen Johann-Nestroy-Brücke. Im November wird sie 46 Jahre alt und hat die Lebensdauer ihrer Vorgängerin, die es auf 38 Jahre brachte, bereits seit 2018 überboten. Ein automatisches Kontrollsystem überwacht seither Belastung und Zustand permanent. Kurios bleibt die Geschichte trotzdem, fast so kurios wie jene der Serviette, die einst durch ganz Österreich schwamm. Eine Stadt ohne ungelöste Legenden wäre schließlich nur halb so wienerisch.