Wiens Kulturteuro sorgt für Alarm
Wien plant eine 12,5-prozentige Abgabe auf Kulturtickets, und die heimische Veranstalterbranche schlägt Alarm. Laut der IG Österreichische Veranstaltungswirtschaft (IGÖV) drohen dadurch teurere Tickets, abwandernde Großkonzerte und ein Wertschöpfungsverlust von rund 500 Millionen Euro.

Am Wochenende davor tanzten noch 50.000 Menschen im Ernst-Happel-Stadion zu den Toten Hosen, Bierbecher in der Hand, Refrain im Chor – ein Bild, das die Stadt gern zeigt, wenn sie sich Kulturhauptstadt nennt. Ein paar Tage später zeigt sich, wie brüchig dieses Selbstverständnis wird, sobald es um Geld geht: Auf jedes Kulturticket in Wien soll künftig eine Abgabe von 12,5 Prozent kommen. Die Branche hat dafür längst einen Namen gefunden: „Kulturteuro“. Der klingt nicht nach Förderung, sondern nach Strafe.
Was der Kulturteuro bedeuten soll
Mit der Abgabe will die Stadt laut Berechnungen der IGÖV rund 120 Millionen Euro einnehmen. Etwa 67 Millionen davon entfielen auf private Veranstalter und die freie Szene, 40 Millionen auf Bundesmuseen und -spielstätten, 13 Millionen zahlt sich die Stadt über ihre eigenen Häuser quasi selbst. Das Wiener Kulturbudget lag 2026 bei 322,28 Millionen Euro – die Mehreinnahmen entsprächen also fast einem Drittel des bisherigen Budgets. Offizielle Details zum Vorhaben von Bürgermeister Michael Ludwig, Finanzstadträtin Barbara Nowak, Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler und Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling liegen bislang nicht vor, eine Stellungnahme der Stadt zu den Berechnungen der Veranstalter steht noch aus.
Wer den Kulturteuro am Ende zahlt
Laut IGÖV zahlen am Ende vor allem die rund 30 Millionen Menschen drauf, die in Österreich jährlich ein Kulturticket kaufen. Mehr als 26.000 darstellende Künstler:innen, zwei Drittel davon in Wien ansässig, bangen um ein Einkommen, das schon jetzt oft prekär ist, und bis zu 60.000 Jobs hängen direkt oder indirekt an der Branche. Konkret genannt werden die Wiener Stadthalle und das Ernst-Happel-Stadion, das laut Veranstalterangaben 93 Prozent seiner Mieteinnahmen aus Konzerten lukriert.
Verliert Wien seine Großkonzerte?
Österreich liegt gegenüber Deutschland durch die höhere Umsatzsteuer auf Tickets laut Branche schon jetzt sechs Prozentpunkte zurück, mit dem Kulturteuro käme man auf einen Aufschlag von fast 20 Prozent. Ein Rechenbeispiel: Coldplay spielten 2024 vier ausverkaufte Shows im Ernst-Happel-Stadion, laut Veranstalter Live Nation mit rund fünf Millionen Euro Ticketumsatz pro Abend – macht 2,5 Millionen Euro zusätzliche Abgabe allein für diese eine Konzertserie. Städte wie München, Prag oder Bratislava mit moderneren, größeren Arenen könnten von der Verteuerung profitieren, während Wien nach Einschätzung der IGÖV zum Nebenschauplatz der internationalen Tourneeplanung würde – neben Stadthalle und Happel-Stadion träfe das auch kleinere Bühnen wie die Arena Wien, die sich höhere Abgaben ungleich schwerer leisten können.
Ob die nächste Band, die 50.000 Menschen ins Happel-Stadion holt, das in Wien überhaupt noch tut, hängt jetzt an einer Zahl hinter dem Komma – und an der Frage, wie ernst es die Stadt mit ihrem Ruf als Musikhauptstadt tatsächlich meint.






