Die Handsemmel bekommt ihr eigenes Podest
Zehn Wiener Bäckereien stellen ihre Handsemmeln ab 1. Oktober als eigenständige Kunstwerke aus, bei „Semmelreich“ im Rahmen des kunst.fest.währing.

Kuratorin Heidi Strobl stellt dabei nicht die schönste, sondern die eigenwilligste Semmel ins Zentrum, dazu gibt es Verkostungen und am Sonntag ein gemeinsames Knödelfinale.
Fünf Schnitte, ein Stern, zwei Hände. Mehr braucht es nicht, um aus einem Batzen Teig jenes Gebäck zu formen, das in Wien niemand erklären muss und das trotzdem kaum noch jemand selbst schlägt. Wer als Kind am Samstagvormittag vor der Budel gewartet hat, während der Bäcker mit einer einzigen Drehung des Handgelenks den Stern in die Oberfläche presste, kennt das leise Staunen darüber, wie viel Geschick in einem Gebäck steckt, das man sonst nur schnell ins Sackerl wandern lässt.
Genau dieses Staunen macht sich Heidi Strobl zunutze. Die Autorin und Köchin, die seit 2005 für das Kurier freizeit Magazin schreibt und zuletzt mit „Kürbis im MQ“ eine Gemüsesorte museumsreif machte, kuratiert von 1. bis 4. Oktober im Haus 4 der ehemaligen Semmelweisklinik in der Hockegasse 37 in Wien-Währing eine Schau, die zehn Bäckereien nebeneinanderstellt, so wie man sonst Gemälde hängt. „Es geht dabei nicht um die schönste Semmel, sondern um die Vielfalt und Einzigartigkeit jedes Stücks. So wie in der Kunst“, sagt Strobl.
Was zeigt die Ausstellung?
Zehn Wiener Bäckereien sind dabei: Geier, DerMann, mel&koffie, Öfferl, Boulangerie Lilla Soul, Schrott, Schwarz, Schwarzbrot, Szihn und Wannenmacher, jede mit einer eigenen Handsemmel auf eigenem Podest. Einen Sonderplatz bekommt die Porzellanmanufaktur Augarten mit einer Handsemmel aus Porzellan, das Gebäck wird also auch dort zum Material, wo sonst nur Blüten und Muster verewigt werden. Vernissage ist am Donnerstag, 1. Oktober, um 18 Uhr, geöffnet hat „Semmelreich“ bis Sonntag, 4. Oktober, der Eintritt ist frei.

Wer schlägt noch von Hand?
Die Handsemmel, offiziell Kaisersemmel, zählt in Österreich zum Kulturgut und ist im Österreichischen Lebensmittelbuch 2026 exakt definiert: handgewirktes Weißgebäck mit fünfteiligem Stern, eine Teigführung von mindestens zwei Stunden, keine Zusatzstoffe außer Lecithin und L-Ascorbinsäure. Laut Wiener Bäckerinnung schlagen heute noch rund 20 Betriebe in Wien ihre Semmeln täglich von Hand, ein Bruchteil dessen, was einmal Standard war, ähnlich wie in anderen Sparten des Wiener Handwerks, wo Wissen bis heute von Hand zu Hand weitergegeben wird. „Der Unterschied ist die Zeit. Mehr Zeit, mehr Geschmack“, sagt Innungsmeister Josef Schrott, dessen Bäckerei Schrott selbst bei „Semmelreich“ vertreten ist. Bäckermeister Horst Felzl bringt es kürzer auf den Punkt: „Es steckt einfach der Mensch drinnen.“
Was kostet die Werkstatt?
Gegessen wird bei „Semmelreich“ natürlich auch. Beim „Semmelstreich“ werden frisch angelieferte Semmeln noch am selben Tag im Festivalzentrum bestrichen, in vier Varianten: „Semmelweis“ mit Butter, „Semmelgrün“ mit Schnittlauch, „Semmelgelb“ mit Eiaufstrich und „Semmelrot“, dessen Belag Geheimnis bleibt. Wer lieber selbst Hand anlegt, meldet sich für die Knödelwerkstatt „Semmelweich“ am Samstag, 3. Oktober, von 11 bis 13 Uhr an, 15 Plätze, Kostenbeitrag 5 Euro, per E-Mail an office@kunstfestwaehring.at. Übrig gebliebene Semmeln werden dort zu Knödeln gedreht, die am Sonntag, 4. Oktober, ab 11 Uhr beim gemeinsamen Knödelfinale g’röstet werden, so lange der Vorrat reicht.
Das kunst.fest.währing selbst gibt es seit 2017, heuer läuft es von 30. September bis 4. Oktober im 18. Bezirk, mit Theater, Musik, Kabarett und bildender Kunst, ähnlich vielseitig wie andernorts die Vienna Future Food Week, die zeitgleich durch Wiens Küchen zieht.
Fünf Schnitte, ein Stern, zwei Hände, und jetzt auch ein Podest. Wer bei „Semmelreich“ zwischen den zehn Handsemmeln steht, merkt schnell: Der Unterschied liegt nicht im schönsten Stern, sondern dort, wo ihn niemand sieht, in der Zeit, die sich jemand für ihn genommen hat.








