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Carolee Schneemann – Geburt der Fleischeslust

Jakob Stantejsky

„Meat Joy“ hieß das berühmteste Happening der nun verstorbenen Künstlerin Carolee Schneemann. Die sich mit nacktem Körper an den Grenzen der Konvention rieb. Und damit Wickel mit Feministinnen und der männlichen Kunstszene beschwor.

Sex, heißt es in einem berühmten Gedicht von Philip Larkin, wurde 1963 erfunden – zwischen dem Ende des Verbots des „Lady Chatterley“-Romans und der ersten LP der Beatles. Es war nicht zu verhindern. Die Zeit war reif, es herrschte Neugier für alles bislang Verschwiegene, die Erfindung der Pille brachte Freiheit. Am 29. Mai 1964 hatte Carolee Schneemanns Happening „Meat Joy“ Premiere, mit der sie erneut die Realität des lebendigen Körpers in die Kunst einbrachte. Acht Menschen rollten auf der Bühne herum und rieben sich aneinander und spielten mit rohem Geflügel und Fisch, aus Lautsprechern tönten Geräusche von einem Pariser Fisch­markt. Für Schneemann ein weiterer Seitenhieb Richtung Pop Art und deren glatte Politur der weiblichen Form, und gegen maskulinen Erotizismus. Teil einer lebenslangen persönlichen Fehde, seit sie als Studentin von ihrem College suspendiert wurde, weil sie sich selbst mit gespreizten Beinen gemalt hatte. Die Streitfrage war: Kann eine nackte Frau sowohl Image als auch Imagemacher sein? Heute wäre die Frage: Muss sich eine Frau ihren Körper enteignen lassen?, und die Antwort erübrigt sich. Aber damals ereiferten sich auch Feministinnen, ihr Körper sei zu schön, sagten sie, und errege männliche Begierde. „Slut-shaming“ nennt man das heutzutage. Schneemanns Einfluss wurde jahrelang untergraben, heute ist er unbestritten. Lady Gaga ließ sich mit ihrem „Fleischkleid“ vor einem Bild von „Meat Joy“ abbilden (2010), das Museum der Moderne Salzburg zeigte 2016 Schneemanns erste große Retrospektive „Carolee Schneemann. Kinetische Malerei“, die weiterhin hoch im Kurs steht. Carolee Schneemann starb im März dieses Jahres. Sie wurde 79 Jahre alt.

Meat Joy by Carolee Schneemann, check: https://www.youtube.com/watch?v=tiVQFSG58Hs

Foto: Getty Images