KULTUR

Hat die Donau ein dunkles Geheimnis?

Markus Höller

Schon die erste Zeile der Bundeshymne markiert die immense Bedeutung des zweitgrößten Stroms Europas für Österreich. Umso mehr noch für die durch sie geprägte Hauptstadt. Eine Reise zum Ursprung ist für einen gebürtigen Wiener und WIENER-Redakteur daher essenziell. Doch vor Ort in Baden-Württemberg gibt die alte Dame viele Rätsel auf: ist die Donau am Ende nur eine Schmarotzerin, eine Trickbetrügerin mit unklarer Herkunft; am Ende gar ein ganz anderer Fluss? Ein Lokalaugenschein.

Text und Bilder: Markus Höller

„Brigach und Breg bringen die Donau zuweg“ – so habe ich es wie vermutlich Millionen andere Kinder in der Volksschule gelernt. Und seit damals wollte ich als gebürtiger und aufgewachsener Wiener immer schon mal den Ursprung dieses mächtigen Gewässers erkunden. Erst recht als Kollaborateur des WIENER, der ja ebenfalls untrennbar mit der Donau verbunden ist. Denn ohne sie gäbe es keinen römischen Vorposten namens Vindobona, der vor rund 2.000 Jahren die Grundlage für die heutige Millionenmetropole bildete. Keinen Donauwalzer, der für ein Millionenpublikum weltweit live aus dem Musikverein das neue Jahr einläutet. Keine Donauinsel, auf der das größte Gratis-Open-Air-Festival der Welt stattfindet – und somit 1993 auch der Ort von Falcos größtem Live-Triumph war. Als also vor ein paar Wochen eine Einladung zu einer Pressereise mit dem Titel „Wo die Donau entspringt“ ins Haus flatterte, musste ich nicht lange nachdenken.

Der Donau-Ursprung, Teil Eins

Nach der Ankunft in Stuttgart, inmitten der Jahrhunderthitze im Juni, ging es also stehenden Fußes Richtung Furtwangen, einer kleinen Gemeinde mitten im Schwarzwald. Denn hier, auf 1.078 Metern Seehöhe, entspringt die Breg, der erste Quellfluss der Donau. Dieser Ort markiert auch eine der Hauptwasserscheiden Europas: alles westlich davon entwässert in den Rhein und letztendlich in die Nordsee, während alles östlich davon in die Donau und somit ins Schwarze Meer mündet, vereinfacht gesagt. Obwohl das in ferner Zukunft, sprich in abertausenden Jahren, ganz anders aussehen könnte. Dazu später.

Donau Quelle 1
Ursprung #1: Die Quelle der Breg bei Furtwangen.

Während ich also glückselig bei 37 Grad Außentemperatur in dem kümmerlichen Rinnsal, das der Ursprung der Donau ist, herumpritschle, werde ich von unserm Guide schon auf einen wichtigen Fakt aufmerksam gemacht. Es handelt sich hier um den hydrologischen Ursprung, also die am weitesten von der Mündung entfernte Quelle. Denn der eigentliche Beginn der Donau befindet sich in der Fürstenstadt Donaueschingen: da wo sich durch den Zufluss der Brigach beide Flüsse zur eigentlichen Donau vereinigen. Dieser Ort beansprucht somit den geografischen Ursprung der Donau – was seit Jahren in einer humorvollen Rivalität tourismuswirksam öffentlich ausgetragen wird.

Und so beginnt es auch schon kompliziert zu werden. Müsste nicht der ursprüngliche Quellfluss bis zum Ende namensgebend sein, statt plötzlich seine Identität aufzugeben? Hätte dann Johann Strauss Sohn sein berühmtestes Werk „An der schönen blauen Breg“ genannt? Und überhaupt: wo kommt der Name „Donau“ her? Unsicherheit macht sich in unserer österreichischen Reisegruppe auf dem Weg nach Donaueschingen breit, erst recht als unser Guide noch mit der Behauptung nachlegt, die Breg bzw. die Donau trügen selbst gar nicht so viel zur Wassermenge bei. Vielmehr wäre sie eine Schmarotzerin, der von dem vielen teils deutlich größeren Zuflüssen profitiert. Ungeheuerlich, was dieser Piefke da über unsere Donau behauptet!

Der Donau-Ursprung, Teil Zwei. Und Drei.

Angekommen in Donaueschingen, einer adretten 20.000 Seelen-Stadt und Hauptsitz der gräflichen Fürstenbergs, begeben wir uns zu einem baulich hübsch eingefassten kreisrunden Basin, der Donauquelle. Aber Moment mal: hieß es nicht, die Breg-Quelle wäre die Donauquelle? Und selbst wenn das in der Volksschule gelernte Merksätzchen stimmt, wo zum Geier ist die Breg jetzt? Und was ist eigentlich mit der Brigach?

Donau Quelle 2
Ursprung #2: Die Donauquelle, eigentlich Donaubachquelle in Donaueschingen.

Der Guide (diesmal ein anderer) klärt auf: was wir vor uns so schön inszeniert sehen, ist tatsächlich eine so genannte Karstaufstoßquelle. Also eine Quelle, wo der Wasserdruck aus dem Untergrund durch poröses Gestein nach oben drückt. Und jetzt kommt’s: diese Quelle ist der Ursprung des so genannten Donaubachs. Also der eigentliche Namensgeber für das Fließgewässer, dass knapp 3.000 Kilometer später bei Kilometer Null in einem gewaltigen Delta ins Schwarze Meer mündet. Das ist übrigens noch so eine Eigenheit der Breg, äh, Donau: die Länge wird nicht von der Quelle, sondern von der Mündung weg gemessen. Obwohl es das mitunter auch bei anderen Flüssen gibt, wird mir unser Heimatstrom immer unheimlicher. Wer bist du?

Die Brigach am Weg durch Donaueschingen.

Zurück zum Donaubach. Der wurde damals von den fürstlichen Besitzern des Parks rund um das Schloss einfach umgeleitet und mündet nun in die nach Donaueschingen kommende Brigach. Die Quelle wurde publikumswirksam eingefasst und seither als „Donauquelle“ bezeichnet und wird folglich als historischer Ursprung der Donau bezeichnet. Zunehmend verwirrend, aber gut für den Fremdenverkehr. Zigtausende Touristen pilgern jedes Jahr hierher. Vornehmlich aus den Ländern, die im Verlauf der Donau an deren Gestade liegen: Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Rumänien, Republik Moldau und die Ukraine.

Donau Quelle 2 1/2
Ursprung #2 1/2: Der Donaubach mündet von der Donauquelle kommend über den Donautempel in der Brigach.

Folgt man dem Lauf der Brigach, nachdem der Donaubach durch den so genannten Donautempel in sie mündet, noch knapp 1,5 Kilometer stromabwärts, gelangt man an den Ort, der nun tatsächlich den Punkt markiert, ab dem was auch immer daher fließt nun „Donau“ heißt. Aber auch hier ist alles etwas unscharf. Denn obwohl hier tatsächlich die Brigach, nachdem sie den Donaubach aufgenommen hat, mit der Breg zusammenfließt, hat sich dieser geografische Ursprung seit 2022 durch ein umfassendes Renaturierungsprojekt ein paar hundert Meter flussaufwärts verschoben. So weit, so gut. Es gibt also drei Orte, die den Ursprung der Donau für sich beanspruchen, aus unterschiedlichen Gründen. Damit kann man leben. Und auch mit der Tatsache, dass der Strom hauptsächlich aus vielen Zuflüssen zusammengesetzt ist.

Donau Quelle 3
Ursprung #3: Unspektakulär, aber doch fließen hier Breg (links hinten) und Brigach (rechts vorne) zur Donau zusammen.

Aber wieviel „echtes“ Donauwasser fließt nun täglich unter der Reichsbrücke durch? Halten Sie sich fest, geneigte Leserinnen und Leser, denn der nächste Abschnitt der Donau birgt eine unfassbare weitere Überraschung…

Flutsch und weg

Rund 18 Kilometer Luftlinie östlich von Donaueschingen, die Donau ist mittlerweile zu einem soliden Fluss angewachsen, findet nahe der Ortschaft Immendingen ein erstaunliches Naturschauspiel statt: die Donauversinkung, auch Donauversickerung genannt. Je nach Jahreszeit und niederschlagsbedingte niedrigem Wasserstand kommt die Donau hier zuerst zum Stillstand, um dann einfach sang- und klanglos im porösen, von Höhlen durchsetzten Kalkboden zu verschwinden. Nur um dann einige Kilometer später deutlich magerer wieder an die Oberfläche aufzutauchen. Dieses Ereignis findet durch anhaltende Dürreperioden immer öfter statt, oder aber auch nicht. Da, wo wir heute das Flussbett trockenen Fußes durchqueren konnten, gab es beim Jahrhunderthochwasser 1990 einen Pegelstand von vier Metern. Beeindruckend.

Bei Immendingen verschwindet die Donau allmählich im Boden…

Es wäre aber nicht unsere Donau, würde hier im Verborgenen nicht wieder eine Veränderung stattfinden, die äußerst shady wirkt. Denn im Regelfall kommt nur etwa ein Drittel des versickernden Wassers wieder an die Oberfläche, der andere Teil biegt unterirdisch ab, um in der Quelle der Aach (Aachtopf) ein eigenes Flusssystem zu bilden. Das letztendlich zum „Hauptkonkurrenten“ Rhein überläuft. Die Donau, ein Doppelagent? Skandal!

…bis sie ganz weg ist. Hier steht der Autor tatsächlich mitten im Flussbett der Donau.

Quis es, Danubius?

Noch viel alarmierender ist aber die Tatsache, dass nach der Versickerung meist so wenig „originales“ Donauwasser weiterfließt, dass nach den gängigen hydrologischen Regeln der nächste, größere Zufluss bei Möhringen eigentlich den namensgebenden Lead übernehmen sollte: der Krähenbach. Soll das etwa heißen, Wien liegt nicht an der Donau, sondern am Krähenbach? Mitsamt der Krähenbachinsel und der Krähenbachdampfschifffahrtsgesellschaft? Unsere schöne blaue Donau, eine Schnorrerin aus völlig zerrüttetem Elternaus, und nun auch noch Identitätsdiebstahl? Mir wird schlecht.

Zum Glück wird es aber nicht so weit kommen. Der seit 1972 existierende, künstlich angelegte Immendinger Stollen zweigt schon vor der Donauversinkung eine konstante Menge Wasser ab, um sie noch rechtzeitig vor dem Krähenbach und nach dem Versinkungsbereich dem Donaubett zuzuführen. Wir können also sicher sein, dass das „Land am Strome“ tatsächlich das Land an der Donau ist. Noch. Denn im Laufe weiterer sehr, sehr langer Zeitspannen wird die Donau immer mehr an Wasser verlieren. Und unter Umständen Wien gar nicht mehr erreichen und Teil des Rheinsystems werden. Doch bevor sich wer Sorgen macht, dass wir unseren geliebten Mutterstrom ausgerechnet an die Deutschen verlieren: die gibt es dann wahrscheinlich auch nicht mehr. So wie die übrige Menschheit auch.