Design

Vienna Design Week: zerunianandweisz

Das Wiener Designerduo zerunianandweisz fokussiert auf traditionelles Handwerk und stellt es in einen zeitgenössischen Kontext. Bei der diesjährigen VIENNA DESIGN WEEK zeigt es unter anderem bei der Werkschau „Gastland Rumänien“ seine mit Roma realisierten Kollektionen. Wir erreichten Peter Weisz in Timisoara und sprachen mit ihm über das Leben und Werken der Roma in Transsilvanien und die Zusammenarbeit mit der Wiener Silber Manufactur im Rahmen der „Passionswege“.

Interview: Anneliese Ringhofer

Das Gastland der diesjährigen VIENNA DESIGN WEEK ist Rumänien. Ein Land, das man per se nicht mit Design in Verbindung bringt. Wie nehmen Sie Rumänien als Designland wahr?
Rumänien ist für mich ein sehr aufregendes Land, es zeigt sich von vielen unterschiedlichen Seiten. In Bukarest ist man überwältigt von der Größe der Stadt und der facettenreichen Architekturmischung. Brutalo-Bauten ­stehen als Zeitzeugen neben kleinen, verfallenen Stadtpalais. Eine Mischung, die mich sehr fasziniert. Es ist eine pulsierende Stadt und Design hat einen großen Stellenwert. Viele junge Menschen eröffnen hier coole Restaurants, Bars, Kaffeehäuser, Design-­Galerien und starten mit Design- und ­Modelabels. Man hat das Gefühl, dass hier täglich ganz viel Neues passiert.

Seit 2014 arbeiten Sie gemeinsam mit Designerin ­Nadja Zerunian im Rahmen der ERSTE ­Foundation Roma Partnership mit Roma-Handwerkern zusammen. Sie wurden als Pro-­Bono-Experten für die Stiftung ausgewählt. Was sind die Hintergründe?
Meine Geschäftspartnerin Nadja Zerunian wurde mit dem Projekt beauftragt und hat mich nach ihrem ersten Jahr der Bestandsaufnahme in das Projekt geholt. Ziel war es, eine Kollektion mit etwa 100 Designs zu entwickeln. Das Projekt wurde von einer rumänischen NGO namens Mesteshukar ButiQ, kurz MBQ, ins Leben gerufen. Diese hat sich mit der Idee, das traditionelle Handwerk der Roma zu bewahren, an die Erste Foundation gewandt, und wurde in das Programm der Roma ­Partnership aufgenommen.

Welche Handwerker sind involviert und wie wurde das Projekt abgewickelt?
Mit dabei sind Besenmacher, Löffel- und Hockerschnitzer, Korbflechter, Silber-, Eisen- und Kupferschmiede, Harnischmacher und Schneider. Zu Beginn war ich beauftragt, die Schneiderei aufzubauen und eine ­Damenkollektion zu entwickeln – Fokus war natürlich, die Traditionen der Roma und Sinti einfließen zu lassen. In weiterer Folge habe ich mit Nadja Zerunian an der gesamten Kollektion gearbeitet. Nadja leitet das Projekt und sie hatte die Idee, gemeinsam mit MBQ eine Boutique in Bukarest zu eröffnen. Megumi Ito (Licht- und Interieurdesignerin aus Wien, Anm.) hat uns für den Shop eine Leuchten- und Blumenwand­installation entworfen.

Roma Craft: Nadja Zerunian und Peter Weisz (r.) mit einem Kupferschmied im rumänischen Transsilvanien.(c) Matei Plesa

Welche Verantwortung hat man als Desig­ner gegenüber den noch archaisch arbeitenden Handwerkern?
Ich empfinde es als große Verantwortung. Unsere Herausforderung dabei ist, eine leicht verständliche Designlinie zu entwickeln, die einerseits den Endverbraucher anlockt und andererseits die Handwerker nicht überfordert. Denn teils sind sie dazu veranlasst, neue Handgriffe einzuüben. Sie arbeiten in ihren Werkstätten mit den einfachsten Mitteln – Handwerk ist hier wirklich sprichwörtlich zu betrachten, aber ihre Techniken sind vom Aussterben bedroht. Die Kollektion zeichnet sich auch dadurch aus, dass deren Entstehung per Hand spürbar und sichtbar ist.

Wie kann man sich das Leben der Roma in Rumänien vorstellen?
Roma leben als Sippe in einem Dorfverband, der eine Handwerksgruppe vertritt. In Transsilvanien sind die Calderai beheimatet, sie arbeiten als Kupfertreiber. Aber leider nicht mehr alle, ganz viele Familien ziehen durch die Länder und verdienen ihr Einkommen als Erntehelfer, somit geht das überlieferte Wissen, Kupfer von Hand zu treiben, verloren.

Erklärtes Ziel der Stiftung ist es, die Existenzgrundlagen der Roma zu verbessern respektive zu wahren – ist die soziale Mission gelungen? Wie viel erhalten die jeweiligen Handwerker pro verkauftem Stück?
MBQ dient als Vertriebspartner – alle von uns entwickelten Kollektionsteile werden in Kleinserien geordert und über die Website und in dem eigenen Geschäft in Bukarest vertrieben. Zum Teil sind die Handwerker angestellt oder erhalten projektbezogene Verträge. Entlohnt werden sie zu 100 % für jedes gelieferte Teil zu einem üblichen Preis – er ist dem Markt angepasst und auf keinen Fall darunter. Wir sehen die sozialen Veränderungen, Kinder besuchen wieder die Schule und als wichtigstes Prestigeobjekt wird ein TV-Gerät gekauft.

Wie sind Ihnen die Roma-Handwerker anfangs begegnet?
Und wie hat sich die interkulturelle Zusammenarbeit in den drei Jahren entwickelt? Zu Beginn standen uns die meisten Handwerker mit Skepsis gegenüber, wir mussten uns profilieren. Man darf nicht vergessen, dass es in ihrem Leben wichtigere Dinge gibt, als sich mit Designern und deren Tun auseinanderzusetzen. Mittlerweile sind wir aber gerne gesehen und die Handwerker freuen sich, mit uns zu arbeiten.

Schätzen die Handwerker die gemeinsam entwickelten Produkte, die sie ja so nie selbst produziert hätten?
Unser größtes Kompliment haben wir von einem Kupferschmied erhalten: „Bevor ich euch kannte, wusste ich gar nicht, was ich alles kann!“

Was haben Sie die Roma gelehrt?
Den unverblümten Zugang, an Dinge heran­zugehen und sie einfach zu machen.

Handmade Design: Kupferschmied im rumänischen Transsilvanien bei der Arbeit. (c) Matei Plesa

Was bleibt Ihnen von Ihrer ersten Reise nach Transsilvanien ewig in Erinnerung?
Transsilvanien war eine Vision für mich, ich wollte immer schon das Land bereisen. In ewiger Erinnerung bleiben mir eher Eindrücke als nur Momentaufnahmen – die wunderschöne Landschaft mit den unfassbar pittoresken kleinen Dörfern, die Ochsenfuhrwerke auf den Straßen. Und die zum Teil sehr obskuren Bilder, die einem am laufenden Band geboten werden. Wie zum Beispiel ein Schwein, das auf der Schaufel eines Baggers von einem Ort zum nächsten transportiert wird.

Ihr Projekt mit MBQ wird bei der VIENNA DESIGN WEEK Teil des Pop-up-Stores „BUY SOCIAL DESIGN“ sein – was erwartet die Besucher?
Eine Auswahl an Produkten, die allesamt von Hand gemacht sind und mit deren Kauf man die Zukunft der Handwerker und deren Arbeit sichert.

Fiddler, Pfeiffer & Schlau bei der VIENNA DESIGN WEEK: Von Hand gearbeitete Korbobjekte by zerunianandweisz für MBQ, zu sehen in der MBQ-Ausstellung in Wien 15 und im MBQ-Shop in der Blindengasse 3 in Wien Josefstadt. Weitere Objekte findet man im Pop-up-Store „BY SOCIAL DESIGN“ im Blauen Haus und in der Felberstraße 92 in Wien 15. (c) Katharina Gossow

Sie arbeiten in weiteren Projekten auch mit Handwerkern aus Algerien und dem Libanon zusammen. Was ist wiederum das Spezielle an dieser orientalischen Handwerkskunst und was die Herausforderung dabei?
Hier war es die UNIDO, die mit dem Projekt „Creative Mediterranean“ an mich herangetreten ist. Ich habe auch dieses Projekt gemeinsam mit meiner Designpartnerin, also mit unserem Label zerunianandweisz, umgesetzt. Das Spezielle an diesen Handwerkern ist die Tradition der Handgravur. Die Herausforderung hierbei war, eine Gruppe von jungen Studenten zu unterrichten und mit ihnen Designs zu entwickeln. Der Fokus lag darin, die Traditionen des Handwerks und die Kultur des Landes in ein Objekt einzuarbeiten, um damit den Ursprung nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Das Projekt ist also weitreichender, als nur mit Handwerkern zu arbeiten.

Seit einigen Jahren boomt Handwerk. Woher rührt Ihre Affinität zu Handwerk?
Ich bin ausgebildeter Handwerker, ich bin Damen- und Herrenschneidermeister. Meine Affinität zum Handwerk musste ich mir nicht schönreden, ich habe großen Respekt vor Handwerkern. Die Aufmerksamkeit für Handgemachtes kommt uns natürlich sehr entgegen.

Snow White (im Bild) & Black Dahlia (nächstes Bild): Ironisch anmutende ­Assemblagen mit Tisch­accessoires aus Silber, Kupfer und Glas, ein Projekt von zerunianandweisz in Zusammenarbeit mit Handwerkern aus Algerien. (c) Mark Glassner Assemblage Black Dahlia (c) Mark Glassner
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Snow White (im Bild) & Black Dahlia (nächstes Bild): Ironisch anmutende ­Assemblagen mit Tisch­accessoires aus Silber, Kupfer und Glas, ein Projekt von zerunianandweisz in Zusammenarbeit mit Handwerkern aus Algerien. (c) Mark Glassner

Wie entwickeln Sie Designs?
Ich bin mit meinem Kopf immer am Entwerfen, inspirieren lasse ich mich von den unterschiedlichsten Dingen. Wenn es einen Auftrag gibt, dann liebe ich das Spiel, mich auf etwas einzulassen, um es dann auf den Kopf zu stellen und zu filtern, bis ich zu dem für mich gewissen Kick komme – erst dann entsteht der Entwurf. Andererseits sitze ich oft bei den Handwerkern, und es drängt sich durch die Arbeit an einem Teil eine neue Form auf, die realisiert werden muss. Oft wünsche ich mir ein Teil und das entwerfe ich dann einfach, wie eine sehr schmale und extralange Holzschale, die perfekt auf den Esstisch passt, sie steht dort nicht bloß zur Zierde, sondern dient auch zur Bewirtung einer großen Gästeschar. Manchmal inspiriert mich auch eine Firma oder Produktionsstätte so sehr, dass ich dafür Fantasie-Entwürfe entwickle. Mein Kopf ist ein großes Archiv und voll mit Ideen.

Als Designerduo zerunianandweisz ­erzählen Sie mit den Kollektionen und deren ­Inszenierung als Assemblagen teils Geschichten mit Augenzwinkern. Was bewirkt Humor im Designkontext?
Das hat sich bei unserer ersten Kollektion so aufgedrängt. Wir haben gearbeitet, und plötzlich sind die Sets entstanden. Es beginnt mit einem Objekt oder mit einem Namen für ein ­Objekt – es muss für uns passend sein und vor allem müssen wir darüber schmunzeln können. Design soll in meiner Idee die Fantasie anregen. So haben wir eine zerunianandweisz-DNA erfunden, ohne es genau zu wissen.

Woher rühren die außergewöhnlichen Titel Ihrer Kollektionen?
„7000 blows“ – es braucht in etwa 7000 Hammerschläge, um ein Objekt aus Kupfer von Hand zu treiben, daraus entstand dieser Titel. „Fremdes Vogel“ liegt die Idee zugrunde, dass etwas Fremdes – ein gefundenes Vintageteil – unserem Design beigefügt wird. Am Ende ergibt es etwas Ganzes. „Full House“ bezieht sich auf ein Tablett, das wir für unsere erste Ausstellung entworfen haben: viele kleine Schälchen auf einem großen Tablett – also volles Haus oder wie es beim Pokern heißt, „full house“; wir spielen ­gerne mit der Doppeldeutigkeit. „Ways to ­disappear“ war unsere letzte Ausstellung in Paris und setzte sich mit der Idee der Auflösung auseinander. Objekte wie „­Scaramanga“ sind inspiriert von „The Man with the Golden Gun“: Zusammengestellt ergibt es eine ­Pistole, die durch die Verwendung aufgelöst wird – am Ende bleiben Schälchen und Dosen über. Der Titel unserer Objekte darf ruhig zum Kopfkino anregen.

Bei den „Passionswegen“ im Rahmen der VIENNA DESIGN WEEK kooperieren Sie mit der Wiener Silber Manufactur. Wie unterscheidet sich die Produktion mit heimischen Silberschmieden zu jener mit den Roma?
Wir sind sehr stolz darauf, dass uns Lilli Hollein für einen „Passionsweg“ ausgesucht hat. Es ist für die VIENNA DESIGN WEEK mit hohen Kosten verbunden, Projekte wie die „Passionswege“ auf die Beine zu stellen, Designer mit Betrieben zu vereinen und eine Plattform zu bieten. Für die ­Wiener Silber Manufactur haben viele große Namen entworfen, es ist toll, sich in diese Riege einreihen zu können. Mit einem Meisterbetrieb zu arbeiten, bietet die wunderbarsten Voraussetzungen für uns als Designer. Es ist unglaublich, mit welcher Akribie an den Werkstoff Silber heran­gegangen wird, rein gar nichts wird dem Zufall überlassen, jedes Stück wird im Vorfeld total durch­gedacht und ausprobiert.

Welchen Entwurf realisieren Sie?
Wir haben eine Schalen- und Bonboniere-Serie entworfen, wir nennen sie „mon truc en plumes“. Dazu hat uns die großartige Tänzerin und Chansonette Zizi Jeanmaire inspiriert. Mehr will ich nicht verraten, ich lade alle Leser ein, die VIENNA DESIGN WEEK zu besuchen, um sich dort hoffentlich auch unseren Beitrag anzusehen.

Zukunftsvisionen?
Wir haben in Österreich wunderbare Handwerksbetriebe, die ich gerne „erobern“ würde. Ich habe eine Leidenschaft für schöne Einrichtungsgegenstände, und Kochen ist eine meiner großen Vorlieben. Alles, was bei mir auf den Tisch kommt, ist nicht zufällig, auch wenn es manchmal danach aussieht. Geschirr, Kochuten­silien und Wohnaccessoires, daran will ich intensiver arbeiten. Ich bin oft in meiner zweiten Heimat in der Toskana. Hier bin ich immer inspiriert, an Einzelstücken zu arbeiten. In Italien gibt es eine großartige Designszene rund um Flos, Venini, Cassina oder Martino Gamper, die mich anregt. Und ich liebe die Produktionsstätten hier, es ist alles möglich. Etwa die Marmorproduktionen in Pietra Santa – man ist sofort mittendrin und kann einfach loslegen.

 

Nadja Zerunian & Peter Weisz (c) Katharina Gossow

zerunianandweisz
Nadja Zerunian und Peter Weisz gründeten 2015 das Designstudio zerunianandweisz. Peter Weisz ist Damen- und Herrenschneidermeister, betrieb sein eigenes Designermodelabel in Wien und war als Stylist und Moderedakteur für österreichische und internationale Medien tätig, u.a. für den WIENER. Nadja Zerunian war Designerin bei Calvin Klein in New York und arbeitete als Kreativdirektorin beim skandinavischen Designlabel Georg Jensen sowie bei der Swatch Group, sie lebt in Wien und New York. zerunianandweisz konzentrieren sich in ihren Arbeiten auf traditionelles Handwerk in verschiedenen Ländern. Bekannt wurden sie durch ihr Projekt mit Roma-Handwerkern im Rahmen der ERSTE Foundation Roma Partnership sowie mit Handwerkern in Algerien und Libanon, eine Zusammenarbeit mit der UNIDO. Sie zeigten ihre Kollektionen bereits in Beirut, Wien, Paris und New York.