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Keine Geilheit in Las Vegas

Manfred Sax

Schatten über den Porno-Oscars in Las Vegas. Binnen Wochen starben fünf (!) populäre Stars, eine davon durch Selbstmord. Gleich nach einem Shitstorm in der Szene. Bonjour tristesse. Aber zum Glück gibt es Stormy Daniels.

Text: Manfred Sax

Die Vorzeichen standen auf Schadensbegrenzung. Als Verhaltens-Code wurde „Nulltoleranz für sexuelle Belästigungen“ ausgerufen und der habituelle Grenzüberschreiter Ron Jeremy, ein Darsteller, mit Besuchsverbot bedient. Dann die gute Nachricht: Stormy Daniels kommt nach Las Vegas, mit ihrer Show „Amerika muss wieder geil werden“ (Make America Horny Again). Am Freitag, vor der Höhepunkt-Nacht der diesjährigen AVN-Awards, die auch als ”Porno-Oscars“ einen Namen haben.

Stormy Daniels for Las Vegas, by toglenn, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Ms Stormy (39) ist ein hochkarätiger Jemand, als Darstellerin schon lange in der AVN-Hall of Fame verewigt und als Stoff, aus dem die Tratschkolumnen sind, derzeit pures Gold für die Branche. Ein rarer Crossover-Star, eine Brücke von Pornoland zu den Gazetten der keuschen Welt (und zum gelegentlichen Popvideo, siehe weiter unten). Derzeit sogar omnipräsent. Dafür hauptverantwortlich: der amerikanische Präsident, wer sonst, der unlängst deponierte, dass er weder eine Affäre mit Ms Stormy hatte (2006) noch ihr $130 000.- in die Hand drückte (2016), um darüber vielsagend zu schweigen. Tja, und das zeitigte bei der sehr geradlinig denkenden Ms Stormy („Daniels wie Jack Daniels“) logische Schlüsse: Wenn das Schweigegeld nie existierte, dann erübrigt sich auch das Schweigen.

Trump in Unterhosen

Also redete sie. „Stell dir vor, wie mich Trump in engen weißen Unterhosen durchs Schlafzimmer jagt“, meinte sie etwa, „sowas vergisst man nicht so leicht.“ Brachte in Summe ein wenig, ach, so notwendige gute Presse für die Branche, und für Ms Stormy, Star von unvergesslichen Filmsensationen wie ”Good Will Humping“ oder ”Operation Desert Stormy“, die gegenwärtig überlegene Nummer 1-Position bei den Zugriffen des Portals Pornhub. Diese Positionen sind wichtig, sowas wie die Börse von Pornoland.

Und dennoch, so richtige Stimmung will bei der seit gestern laufenden AVN Adult Entertainment Expo im Hard Rock Hotel zu Las Vegas (noch) nicht aufkommen. Trotz Anwesenheit von „500 heißen Stars“ der Branche. Aber fünf der heißesten Stars glänzen mit Abwesenheit. Sie segneten in den vergangenen zwei Monaten in schockierend schneller Abfolge das Zeitliche:

Shyla Stylez, 35, großer Name in der Kategorie Milf, Todesursache unbekannt; die schöne Yurizan Beltran, 31, Tod durch Überdosis; vor zwei Wochen schließlich die 20jährige Olivia Nova aus Minnesota, Alkoholmissbrauch, und fast gleichzeitig mit ihr Olivia Lua, 23, Künstlername Olivia Voltaire, Überdosis.

Letztere war für den Award des ”Hottest Newcomers“ nominiert gewesen. Drogen, Depression und Verzweiflung, hieß es jeweils in kleinen Nachrichten kalifornischer Blätter. Aber ein Todesfall ging mit etwas zusätzlicher Schubkraft des US-Magazins Rolling Stone  auf globale Reise: der Fall August Ames; Stichwort #cyberbullies.

August Ames Tweet

Ihr letzter Tweet war kurz und bündig: „Fuck y’all“, fassten vergangenen Dezember acht Buchstaben zusammen, was sie noch mal loswerden wollte. Und das wars für die 23jährige Kanadierin August. Tags darauf wurde sie tot in ihrer kalifornischen Wohnung aufgefunden, Selbstmord durch Erhängen. Bizarr; Ms Ames war nach vier Jahren Arbeit in Pornoland groß im Geschäft gewesen – 270 Szenen für die wichtigen Firmen, 600 000+ Followers auf Twitter, 1komma1 Mio auf Instagram; sie war Favoritin für den großen Preis der AVN, die Kür zur Darstellerin des Jahres.

Der obskure Charme der Gesellschaft will es, dass sich die Nachricht von so einem Ableben zunächst mal durch die Portale der Anbieter wälzt – per massiv erhöhter Quote bei den Zugriffen. Kein Pornostar ist online so lebendig wie ein toter. Binnen Tagen hatte Ms Ames die traditionellen Charts-Dauerbrenner Mia Khalifa und Riley Reid von der Spitzenposition verdrängt, ihr künstlerisches Schaffen sozusagen weltweit gewürdigt von zig Millionen Fans, wenn auch maximal diskret. Das Los des Pornostars. Sie zeigt dir alles, du kennst ihre intimsten Stellen, aber du willst sie nicht kennen. Drogen und Depression? Ist die Natur des Biests, das Risiko des Jobs, nicht der Rede wert. Es sei denn, gesellschaftliche Phänomene nisten sich auch in einer zur Halbwelt degradierten Szene ein, die an sich anders tickt. Der Gedanke, zum Beispiel, dass Politische Korrektheit auch in Pornoland ein emotionsgeladener Begriff ist, muss einem erst mal einfallen. Aber was hat das mit August Ames zu tun?

Crossover-Performers & Cyberbullies

Wenige Tage vor ihrem Tod hatte die Actrice getwittert, dass sie aus einem Dreh ausgestiegen sei, weil ihr prospektiver Partner auch Schwulenporno drehe. Er war ein ”Crossover-Performer“, für viele der im Heterobereich aktiven Darstellerinnen ein rotes Tuch, aus Angst vor einer HIV-Infektion. Der Tweet triggerte in der Szene den mittlerweile global obligaten Shitstorm („Homophobie!“), der bald darauf auch Cyberbullies aktivierte, laut gängiger Definition Leute, die „mit elektronischen Mitteln belästigen“. Zum Beispiel der mit Männern und Frauen aktive Darsteller Jaxton Wheeler, der mit „entschuldige dich vor der Welt oder schlucke eine Zyanid-Pille“ zu Ms Ames retour ging. Das tat sie nicht. Aber sie wählte den Strick. Wenige Wochen vor der Porno-Oscarnacht, die zu ihrer großen Nacht werden sollte. In Las Vegas, wo die Stimmung in der Szene nach dem Tod der fünf Schönen nicht abheben will. Es herrscht Besinnung, die Telefone der Beratungsstellen laufen heiß, Pornostars outen ihre Drogenabhängigkeit. Die Szene darf sich nicht selbst zerfleischen, wird getönt, die Ächtung durch die Außenwelt ist heftig genug. Aber die Show muss weitergehen. Und am Wochenende kommt Stormy Daniels wie Jack Daniels, die neue Nummer 1. Las Vegas muss wieder geil werden.

Titelbild: Gary CC BY-SA 2.0, Toglenn CC BY-SA 3.0 & CC BY-SA 4.0