Film & Serie

Ego in Action

EGO IN ACTION

Haben Actionhelden ausgedient? Das ultrabrutale Ego-Shooter-Movie „Hardcore“ macht den Zuschauer selbst zum Hero. Prädikat der neuen Perspektive: männerfreundlich.

TEXT: TONI WEMER

Es gibt Menschen, die sind allergisch gegen Katzenhaare. Andere bekommen Hautausschlag auf Orangensaft. Oder auf Tom Cruise. Im Ernst: Der Kleine mit dem Zahnpastalächeln treibt durch seine bloße Leinwandpräsenz gar nicht so wenigen Zuschauern die Zornpickel auf die Stirn, und dagegen hilft leider keine Salbe. Höchstens der Verzicht auf das Allergen. Mit anderen Worten: Kein „Mission Impossible“. Und somit auch nichts von der durchaus sehenswerten Action, die diese Kinoserie bietet. Dabei gäbe es eine simple Lösung für dieses Dilemma: Kein Tom Cruise. Einfach den Hauptdarsteller streichen, und zwar gleich ersatzlos. Keine Gage in Millionenhöhe, keine autofahrerfeindlichen Autogrammstunden am abgesperrten Opernring, weniger Gratis-Scientology-Werbung in den Klatschmedien – und gleichzeitig mehr Spannung im Kino. Denn wie man neuerdings erkannt hat, muss der Verzicht auf den Hero eines Movies keineswegs dem Film schaden. Ganz im Gegenteil. „Hardcore“ heißt der atemberaubend actionreiche, enorm unterhaltsame und bereits weltweit hochgejubelte Regie-Erstling des russischen Musikers Ilja Naishuller, der seit Kurzem auch bei uns im Kino läuft und eine neue Sichtweise auf das Genre eröffnet. Und zwar, indem er eine für Kinofilme ungewohnte Perspektive verwendet: die der ersten Person. Ego-Shooter-Fans ist diese Art, die Szenerie zu betrachten, natürlich längst vertraut: Statt einen Helden im Blickfeld zu haben, sieht man mit dessen Augen. Mehr noch: Man kämpft mit seinen Händen – und mit seinen Waffen. Das Praktische daran: Man muss sich in die Hauptfigur nicht mehr selbst hineinversetzen. Sondern wird gewissermaßen automatisch in sie hineinversetzt. Das Ganze nennt sich dann „First Person Perspective“, kurz: FPP, und ist speziell für Männer ein wahrer Segen. Zum einen deshalb, weil sie im Gegensatz zu Kindern verlernt haben, sich voll und ganz in eine Figur einzufühlen – selbst dann, wenn sie perfekt für die Identifikation einer ganzen Zielgruppe geeignet ist. Der dickliche Pandabär, der in „Kung Fu Panda“ zum Martial-Arts-Meister wird, hat beispielsweise Millionen Kids begeistert, der dritte Teil der Serie verwies Anfang Februar sogar einen anderen Bärenfilm – „The Revenant“ – auf Platz zwei der US-Kinocharts. Nach einem ähnlichen Konzept funktionieren übrigens viele erfolgreiche Frauenfilme, die wohl nicht zuletzt deshalb gerne mit humorvollen Kalorienbomben wie Rebel Wilson besetzt werden. Beim erwachsenen männlichen Zuschauer funktioniert diese Methode hingegen weniger gut, vielleicht deshalb, weil er im Gegensatz zum weiblichen Publikum generell die Ego-Perspektive bevorzugt – wie man wiederum aus einem ganz anderen Genre weiß. Pornofilmer beschäftigen sich seit geraumer Zeit mit der Frage, aus welchem Blickwinkel der männliche Zuschauer gerne in ein Filmgeschehen blickt – und setzen als Antwort darauf häufig auf die Ichform. Laut Sexualforschern treffen sie damit genau den Geschmack der maskulinen Zielgruppe: Im Gegensatz zu Frauen, die Pornos üblicherweise im identifikatorischen Modus betrachten – sprich: sich in die Frau hineindenken –, sehen Männer das Ganze im objektifizierenden Modus: Sie denken sich den Mann weg – und schauen ebenfalls auf die weibliche Darstellerin.


Auch in „Hardcore“ blickt der unsichtbare Held in einer vergnüglichen Szene auf ansehnlich objektifizierte Weiblichkeit – in Form von gleich mehreren fleißigen Mitarbeiterinnen eines gern von schwer bewaffneten Gästen besuchten Rotlicht-Etablissements. Ansonsten steht aber bei Naishullers wahnwitzigem Splatter-Actionfeuerwerk nicht die körperliche Liebe, sondern die körperliche Gewalt im Vordergrund. Und das, obwohl (oder gerade weil) die blonde junge Dame, die sich zu Beginn des Film als Ehegattin des Protagonisten namens Henry vorstellt, in ihrem Beinahe-Krankenschwester-Outfit (sie ist Ärztin) und ihren High Heels beim Zuschauer durchaus auch erotische Fantasien auslösen könnte. Allerdings ist sie von Start weg ziemlich beschäftigt – sie muss dem unter Gedächtnisverlust leidenden Hero diverse Cyborg-Gliedmaßen anschrauben – und landet anschließend sogleich in den Fängen eines Bösewichts. Beim Versuch, sie aufzuspüren und aus der Gewalt des Feindes zu befreien, muss Henry unzählige Gegner niedermetzeln und hinterlässt eine beachtliche Blutspur quer durch Moskau, wo die schwarzhumorige Tour de Force angesiedelt ist. Apropos Humor: Auf seinem Weg begegnet er immer wieder einem gewissen Jimmy, der in unterschiedlichsten Klon-Rollen vom Sandler über den Hippie bis zum Scharfschützen auftritt und in jeder für absurd-komische Highlights sorgt. Gespielt wird er von Sharlto Copley („District 9“), in einer weiteren – wenn auch winzigen – Rolle ist Tim Roth zu sehen, und das war’s dann auch schon wieder mit den hierzulande bekannten Gesichtern. Aber egal: Die Hauptrolle spielt ohnehin die Kamera.

Wobei der Begriff „Ego-Shooter- Perspektive“ nicht zu falschen Erwartungen verleiten soll: „Hardcore“ erinnert weniger an ein verfilmtes Ego- Shooter-Game als an die total abgefahrenen Extremsport-Videos, die man auf YouTube findet und die üblicherweise mit GoPro-Kameras gefilmt werden – ebenso wie große Teile von Naishullers Movie. Entsprechend erfrischend und jugendlich ist auch der Stil des Films: Statt wie viele moderne Hollywood- Actioner mit verwirrend schnellen Schnitten, übertriebenen Effekten und ohrenbetäubenden Sounds, kurz: mit maximaler Reizüberflutung, von der Tatsache ablenken zu müssen, dass der große Star des Films schon rein altersbedingt bei jeder Bewegung, die halbwegs nach Action aussehen könnte, einen Bandscheibenvorfall riskieren würde, zeigt „Hardcore“ das Geschehen quasi gleich aus der Sicht des Stuntman. Die Folge: Man kommt sich nach eineinhalb Stunden Kino vor, als wäre man höchstpersönlich in einer durchsichtigen Kapsel aus einem Flugobjekt gefallen, ohne jegliche Hilfsmittel über Mauern geklettert, aus brennenden Autos gesprungen und hätte sich fast ununterbrochen mit Fäusten, Messern und Maschinengewehren den Weg freigekämpft, kurz: Man hat das Gefühl, keine Zeit verschwendet zu haben. Leider ist ausgerechnet der authentische Stil von Filmen, die in der Ego-Shooter-Perspektive gedreht wurden, auch ihr größter Nachteil, zumindest für jene Menschen, die unter Motion Sickness – auch bekannt als Reisekrankheit oder Spielübelkeit – leiden. Und das sind mehr, als man vielleicht meinen möchte. Flugsimulatoren verursachen bei 10 bis 60 Prozent der Flugschüler Symptome, im militärischen Kontext sind es sogar bis zu 88 Prozent. Ähnliche Probleme verursachen aus dem Ich-Blickwinkel gespielte Videogames bei Leuten, die auf virtuelle Bewegungssituationen empfindlich reagieren. Wobei die Auslöser hier unterschiedlich sein können: Der eine hat Probleme mit Lichtreflexionen, der andere damit, nur einzelne Körperteile des Protagonisten zu sehen – wie das auch bei „Hardcore“ der Fall ist. Einer der häufigsten Gründe für Game Motion Sickness ist ein ungewöhnlicher Blickwinkel, etwa von 60 bis 70 oder 110 Grad, der das menschliche Gehirn oft überfordert. Medikamente wie Scopolamin können helfen, sind aber oft nicht ohne Nebenwirkungen. Auch transdermale Pflaster und antihistaminhaltige Kaugummis, roher Ingwer oder spezielle Brillen sollen die Beschwerden lindern. Und professionelle Pilotenprogramme enthalten manchmal systematische Desensitivierungsprogramme. Nützt das alles nichts, gilt es, sich mit der Diagnose abzufinden. Wobei es ein kleiner Trost ist, dass man mit seinem Problem nicht alleine dasteht. Denn es gibt nun einmal Menschen, die sind allergisch gegen Katzenhaare. Oder gegen Orangensaft. Und dann gibt es eben auch noch welche, die vertragen keine Ego-Shooter. Nicht einmal im Kino. Aber wenn diese Leute auch nur ein kleines bisschen Glück haben, dann reagieren sie zumindest nicht mit Hautausschlag auf Tom Cruise …

Fotos © Polyfilm, Universal Pictures, Sony Pictures