AKUT

Manfred Deix kennenlernen

Franz J. Sauer

Zum Tod von Manfred Deix

DEIX KENNENLERNEN

Schau’ an eine Deixfigur. Wie oft denkt man sich das, in der U-Bahn, im Bad, angesichts irgendeines bemerkenswerten Gesichtes oder brachial ungenormten Körpers. Der Versuch eines Nachrufs von Heidi List.
Ich hatte dieses unheimliche Schwein, Manfred Deix und seine Frau Marietta über eine Verkettung von Zufällen und der Tatsache, dass der Vater meiner Kinder den Künstler vergötterte, ein paar Mal getroffen haben zu dürfen. Am besten kann man die Sache mit dem Deix erklären, indem ich die Geschichte erzähle, wie ich ihn kennengelernt habe. Es war vor genau neun Jahren, der 40er meines Freundes Thomas Maurer lauerte und ich fragte ihn, was er sich so wünsche zum runden Geburtstag. „Einen Schädel vom Deix.“ Gemeint war also eines dieser Grossportraits im A0 Format. Das wäre aber nicht finanzierbar, der Mann sei einfach sehr teuer.

Ich wusste nicht viel über Deix, okay, die Zeichnungen, mit denen ich aufgewachsen bin und über die ich durchaus oft lachen musste. Ich wusste von seiner Vorliebe für Katzen, für die Beach Boys und dass er diese bemerkenswerte, wunderschöne Frau hatte. Mein älterer Sohn denkt bis heute, sie wäre eine Königin. Aber sonst wusste ich nicht viel.


Ich besorgte mir von irgendwem die Telefonnummer und nachdem ich nach ein paar Anläufen herausfand, dass man eher nach 21 Uhr anrufen sollte, weil ansonsten geschlafen oder gezeichnet wird, brachte ich Marietta Deix mein Anliegen vor. In zwei Monaten wollte ich bitte ein Bild kaufen. „Kein Problem, das machen wir, den Maurer, den mögen wir eh’,“ hörte ich. Ich solle ihnen DVDs von seinen Kabarettprogrammen schicken. Das Missverständnis nahm seinen Lauf. Denn Manfred Deix verkaufte mir kein Bild aus dem Archiv sondern verstand das Auftrag, Thomas zu zeichnen. Ich rief ein paar Mal an, wann ich denn das Bild holen kommen könnte und was das denn eigentlich koste. Irgendwann hatte ich den Künstler selber an der Strippe, der auf keine meiner Fragen antwortete, aber dafür 10 Minuten über die so wahnsinnig lustig zu zeichnende Nase von Thomas Maurer lachte. Erstens kam mir die gar nie so lustig vor, erst als ich sie dann gezeichnet gesehen habe, und zweitens wusste ich, dass er den jetzt tatsächlich portraitierte, ein echter massgezeichneter Deix. Scheisse, wer soll das zahlen? Ich machte einen Rundruf bei den Freunden von Thomas, sie beruhigten mich, sie würden zur Not ihre Häuser mit Hypotheken belehnen, das würde schon gehen. Eine Woche vor dem Geburtstag rief ich an, ob ich denn dann kommen könnte irgendwann, es wäre dann schon der Geburtstag. „Wann ist der? In 5 Tagen? Dann komm in 5 Tagen. 10 Uhr.“ Sagte Marietta, freundlich wie immer. Wenn ich um die Geschichten über Deix gewusst hätte, die von den Printherausgebern bezahlten Privatbotendiensten, die vor der Deix Tür gezeltet haben um die letzte Millisekunde vor Andruck der Magazine noch zu schaffen, dann hätte ich Panik geschoben.

Deix zuhause

Der Tag war da. Ich kletterte den schönen Garten in der Nähe von Klosterneuburg hinauf und trat durch das Marmortor, zumindest in meiner Erinnerung war das so beeindruckend. Dort sass auf einer Couch Manfred Deix, Katzenaugen, Tschick, mit einem Blatt in der Hand und lachte. Die Farbe darauf war natürlich noch feucht. „Hallo Du! Schau einmal diese wahnsinnig witzige Nase!“ Ich betrachtete das Bild, es war unglaublich lustig, eine Abhandlung darüber, dass den hippen Kabarettisten von der wichtigen Gruppe der Jugendlichen keine Sau mehr kennt, weil er eben uralte 40 ist. Brillant getroffen – und ja, also die Nase war wirklich perfekt. Nie wieder konnte ich danach Thomas normal betrachten, ohne diese Deix’sche Interpretation seiner Nase im Hinterkopf zu haben. Nachdem ich wirklich herzlich gelacht habe und erklärt habe, wieso mir das Bild so gut gefällt, nahm er mir die Zeichnung weg und erklärte mir wiederum seinerseits, wieso dieses Bild so lustig ist. Ich bestätigte das und er war zufrieden. Nach einer kurzen Unterbrechung, der Tierarzt kam, nahm sich grußlos einen Kaffee und stiefelte weiter durch das Haus, was auf eine relativ enge Beziehung zu dem Hause Deix schließen ließ, sprachen wir über dies und das, vor allem Thomas und seine Verehrung für Manfred Deix. Danach nahm er wieder die Zeichnung und frage mich, ob sie mir gefalle. Der Mann konnte unermüdlich Lob einholen und vertragen, auf eine so entwaffnende Art und Weise, ohne satt zu werden. Eine Eigenschaft, die mich erst später wieder an meinen Kindern rührte. Ich fragte, ob ich das Bild kopieren dürfe und an die Geburtstagsgäste verteilen als Erinnerung, er sagte: „Wieso dürfen? DU MUSST! DAS HIER IST LIEBE! KOPIERE UND TEILE DIE LIEBE!“ So war der.Am Abend beim Geburtstagsfest wurde ich abgefeiert, weil es so unglaublich war, eine Zeichnung vom Deix termingerecht organisiert zu haben. Ich persönlich glaube ja, das hatte ich Mariette Deix zu verdanken, der dieses wimmernde Häufchen Elend da dauernd am Ende der Telefonleitung schon leid getan hat. Thomas Maurer hatte den ganzen Abend eine Träne im Knopfloch. Er wurde in echt vom Deix gezeichnet, seinem großen Idol .

Und nachdem Manfred Deix kein Geld haben wollte, nämlich nichts, für die Zeichnung, wofür ich und meine Erben ihm ewig dankbar sind, luden wir die beiden zum Abendessen ein. Das war der Beginn von regelmässigen Treffen, so übers Jahr, durchaus auch einmal zu Weihnachten oder an anderen Anlässen. Das erste Kind kam, wir wollten es den beiden zeigen. Sie aber in ihrer unendlich tierlieben Mission, kümmerten sich vorrangig um unseren Hund, Mitzi, der schiache Bullterrier. Denn der war ja jetzt wohl eifersüchtig und entthront aufgrund unserer selbstsüchtigen Reproduktion. Von diesem Ereignis gibt es also ausschliesslich Fotos von den Deixens, zwischen ihnen AUF der Gasthausbank der fette Köter, den zufriedenen Kopf auf Mariettas Schoss.

Deix und die Katzen

Ihre ganze Liebe und Fürsorge galt einander und ihren Katzen. Ein Abend mit ihnen war ein Anekdotenfeuer, immer so intensiv und lustig, auch wenn es um traurige oder zum Schluss durch aus auch ernste Dinge wie die Gesundheit ging, dass man einige Tage danach noch ganz beseelt davon war. Oft haben wir überlegt, ob man diese Abende nicht in eine Buchform oder sonstwie verewigen könnte, das war ja auch Zeitgeschichte und Kulturgeschichte. Aber die Stories lebten durch den Moment und durch diese beiden Menschen, die sie erzählten. Ich denke, wir können einfach nur dankbar sein für diese Wucht an Charisma und Geschichten, nur für uns.

Einmal, mein zweites Kind war neu geboren, trafen wir uns im Gasthaus im Strandbad von Kritzendorf. Das Baby war von stoischer Natur und schlief dankenswerter weise dauernd. Doch irgendwann plärrte der Säugling dann doch. Manfred Deix war mitten in einer seiner Anektoten und hielt inne mit schreckensweiten Augen. „Ja, was hat denn der?“ fragte er. „Nix, er ist ein Säugling. Hunger, Durst, Lulu. Ich recherchiere im Ausschlussverfahren.“ antwortete ich. Der Säugling beruhigte sich bald. Nach einer Weile plärrte er noch einmal. „Das ist ja nicht normal! Wir fahren ins Krankenhaus!“ rief Manfred Deix. Und Marietta: „Bei uns war letztens ein Kind, das war ruhig, kein Mucks! Ja, wir fahren ins Krankenhaus!“ Wir konnten die beiden und den Säugling beruhigen. Nettoplärrzeit von letzterem war etwa 5 Minuten in 5 Stunden. Beim Abschied flüsterte er mir zu: „Überleg’ Dir das, ich glaube, das Kind ist schwer krank, so, wie es sich aufgeführt hat.“

Ausserhalb des Deix-Kosmos

Die andere Welt da draussen, ausserhalb ihres Kosmos, die mit anderen Leuten und mit Kindern wurde von dem beiden mit klugem Scharfsinn, viel Witz und durchaus liebevoll betrachet und diskutiert, aber nicht zwingend ins eigene Leben gelassen. Das war ihr Zauber. Sie verklärten gerne, was gut tat und lehnten das ab, was wirklich nicht mehr schön zu reden war. Das dann aber vehement und durchaus scharf. Wir hörten viel von den alten Zeiten, über Helnwein und Bernhard Paul, den späteren Gründer des Zirkus Roncalli, über die Begegnung mit den Beachboys, über Erfolge und ihrer tiefen Liebe zu ihrer Familie. Wir erfuhren viele Hintergrundgeschichten über die frühere Printmedienlandschaft und ihren Figuren und über die, die sich neu formierte, nicht immer zugunsten der Kunst von Manfred Deix und ihres Wertes. Niemand konnte sich mehr kränken als er über so manchen Chefredakteur, der nicht die Grösse hatte, ihn von seiner Kündigung als Zeichner für das Blatt persönlich, nach so vielen Jahren der Zusammenarbeit, wer weiss, vielleicht sogar bei einem Abendessen, zu informieren sondern plump via Fax. Bei dieser speziellen Geschichte gab es sogar das bizarre Intermezzo, dass besagter Chefredakteur ihm vorschlug, entweder halbes Honorar oder Kündigung, worauf Deix antwortete: halbes Honorar – halbe Zeichnungen. Typisch Deix. Daraufhin kam besagtes Kündigungsfax. Das war, ausser einer eher feigen Frechheit, eine echte Majestätsbeleidigung, empfunden von jemandem, der durchaus wusste, dass er eine Majestät war. Und die war er. Thomas Maurer, selber ein sehr begabter Zeichner, ging mit mir, der ahnungslosen, über die Jahre immer wieder das Werk von Deix durch, erklärte mir da und dort die sogenannte „Pratze“ wie er es nannte. Ein Pinselstrich, der in einem Schwung Beruf, Alter und Charakter eines der Gesichter darstellen konnte, ohne ein Zögern, ohne eine Unsicherheit, mit diesem tiefen Wissen um die Menschen. Das war sein Genie.

Deix und sein Werk

Einmal reisten wir mit einer illustren Gruppe durch Österreich, um ihnen ein wenig unsere Weingegenden näherzubringen. Mit dabei war ein Freund unserer Berliner Freunde, der bekannte Zeichner Joe Sacco, dessen Werke über Kriegsgegenden wie Palästina oder Sarajevo weltberühmt und vielfach preisgekrönt sind. Wir wollten die beiden Herren einander vorstellen und trafen uns, von Manfred Deix nicht ganz uneitel vorgeschlagen, im Karikaturmuseum in Krems. Dort residierte der Chef dann, schrieb Autogramme und erklärte Joe Sacco, wieso die hier ausgestellten Werke so fantastisch seien. Und ob ihm dieser oder jener Einfall aufgefallen wäre. Joe Sacco honorierte ihn mit aller Kraft seines eigenen, sehr bescheidenen Charakters. Er bekam keine einzige Gegenfrage nach seinem eigenen Werk. Gelassen wurde es dann in ihrer Verbrüderung um die gemeinsame Liebe zu dem Obergott Robert Crumb. Danach sah’ sich Deix dann auch noch Joes Buch an und alles wurde gut. Es lebe der König und der andere darf auch.

Ich denke jetzt an die Königin.