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In Memoriam Gerhard Heller

Franz J. Sauer

Gerhard Heller war, als der WIENER 1979 entstand, gemeinsam mit Herausgeber Gert Winkler und Art-Direktor Lo Breier einer der wichtigsten Paten für das Gesicht dieser damals aufregenden, neuen Publikation. Gestern verstarb er in Wien.

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Topmodel Cordula Reyer, ebenfalls für Robert La Rosche (1988)


Sein Handwerk erlernte er autodidakt, seine Bilder waren von Anfang an Kunst. Seine Arbeit war ungemein vielseitig, Heller-Bilder erzählten Geschichten ebenso über die 68er-Studentenbewegung wie über unerkannte Archtitektur-Werke von Adolf Loos, ebenso über die letzte Nacht im Schoko wie über Falco, Peter Sellers, Curd Jürgens oder Kruder & Dorfmeister.  Am Abend des 25. April verstarb Gerhard Heller in Wien. Als Hommage bringen wir, die wir ihm sehr viel zu verdanken haben, einen wunderbaren Text unseres im Vorjahr verstorbenen Herausgebers Gert Winkler, den dieser anlässlich einer Heller-Ausstellung in der Wiener Galerie Westlicht veröffentlichte.

Notizen zu Hellers Licht von Gert Winkler

Wir schreiben den 15. Mai 1955. Tout Vienne ist auf den Beinen. Alles Belvedere. „Österreich ist frei!“ Auf den Jubel folgt der Abschied. Am 26. Oktober verlässt der letzte Besatzungssoldat die gründlich geschändete Stadt. Der letzte Katarakt einer wilden Talfahrt, seit 1914, spült die Donaustadt ins Meer der Lethargie. 1918, 1934, 1938, 1945, alles vorbei. Endlich sind die Wiener wieder allein, ungestört unter sich. Die Stadt legt sich nieder wie ein alter Mann.


Wo noch gestern junge Uniformierte aus aller Welt Schwung die Bude und gutes Besatzergeld unter die Leute brachten, herrscht ab sofort gähnende Leere. Der letzte Flair von Internationalität ist im Nu verflogen. Die Schatten der Vergangenheit geistern durch tote Gassen, irgendwo zupft Anton Karas immer noch seinen Harry Lime. Wien beschäftigt sich ausschließlich mit sich selbst. Die Häuserschluchten sind schwarz wie die der Geist der wiedergeschaffenen Republik. Am Ring zelebriert Karl Böhm den Fidelio, in der Vorstadt zieht der g´schupfte Ferdl frische Socken an. Eingeklemmt zwischen Minoritenplatz und Rathaus geht die Rebellion in den Untergrund. Und Fatty George jazzt im Chattanooga.

Die österreichische Nachkriegskultur entwickelt sich im Vakuum, das Vernichtung und Vertreibung tausender Intellektueller hinterlassen haben. Nicht eine der zuständigen Stellen unternimmt nur den geringsten Versuch, Überlebende, Emigranten zur Rückkehr in verwaiste Positionen zu bewegen. Man besetzt lieber aus den eigenen Reihen. Friedrich Heer ortet „Ghettokulturen“.

Der Bürger flüchtet in den Promillegürtel vor der Stadt, sitzt auf harten Bänken, trinkt schlechten Wein und überlässt das Stadtzentrum der Unterwelt. Mitten in Nepp und Strich spielen die Nächte in ein bis zwei Kaffeehäusern und kein bis zwei Discos. Dazwischen lange Wanderungen und Kunst mit Polizeibegleitung. Aus den Ruinen blüht der Schimmel der phantastischen Realisten. Im Schutzhaus Grünangergasse nächst St. Stephan schart der Monsignore ein Häufchen Informeller um sich. Die an Verfolgung gewohnte Intelligenz richtet sich im Widerstand ein, trifft einander in Hinterzimmern, feiert okkulte Kellerfeste, inszeniert konkrete Sprachorgien und macht sich im Aktionismus Luft.

1959 À bout de souffle. Bebel tschikt an der Seine. Dino sauft mit Duke am Rio Bravo. Hans Dichand gründet mit einem Gewerkschaftskredit die Neue Kronen Zeitung.

1961 Will McBride zieht nach München. Adolf Eichmann verlässt Buenos Aires. Gerhard Heller das Internat. Er wird Elektriker und kauft sich eine Kamera, Marke Kiev. Seine Literatur kommt aus Frankreich, seine Musik aus AngloAmerica.

1963 Präsident John Fitzgerald Kennedy ist tot. Der Vietnamkrieg beginnt.

1964 Am 7. Februar landet eine PanAm mit den Beatles, aber in New York. In Wien nimmt die Bevölkerung rührenden Abschied von Franz Jonas. Der neue Bürgermeister heißt Felix Slavik. Kommt man von München zurück nach Hause, glaubt man sich im Ostblock. Es gibt nichts zum Anziehen, keine Magazine, keine Bücher, keine Filme. Geradezu ideal für einen jungen Fotografen, der internationale Orientierung sucht. Freedom is another word for nothing left to lose.

1966 Ein langhaariger Gerhard Heller schleppt seinen späteren Schwiegervater Albert Hirsch, Leiter der Kulturabteilung im Collegium Hungaricum, ins Kino. Sie sehen Michelangelo Antonionis symbolgeladene Filmerzählung „Blow-Up“ mit dem Ergebnis, dass bald darauf westliche Dekadenz im poststalinistischen Ungarn läuft. Die Westautobahn wird fertig.

1967 Alles ist Architektur. Die Revolte der Wiener Experimentellen Architektur hat von vorneherein den internationalen Horizont im Auge. Das ist neu. Neu ist auch Ö3 im Radio, Ohne Maulkorb im Fernsehen. Bruno Kreisky wird Parteivorsitzender der SPÖ.

Der Mai ´68 fällt in Wien auf den Abend des 7. Juni. Die Veranstaltung „Kunst und Revolution“ im Hörsaal 1 des Neuen Institutsgebäudes entpuppt sich als eine bemerkenswert provokante aktionistische Kundgebung, die dem Rektor gemeldet wird. Der Boulevard stempelt die Ereignisse als „Unischeisserei“ ab und fährt eine wochenlange Hetzkampagne gegen Studenten. Die drei Hauptakteure kommen vor Gericht. Der Staatsanwalt ruft den Kulturkampf aus. Günter Brus sitzt sechs Monate ab, Otto Mühl einen, Oswald Wiener geht frei. Alle drei verlassen Wien und veröffentlichen in Berlin das Organ der österreichischen Exilregierung, „Die Schastrommel“.

Neil Armstrong und Buzz Aldrin machen ihren Mondspaziergang. Über dem Mondscheinkeller geht das VoomVoom auf. In der Sezession widersprechen die „Wirklichkeiten“ der erlaubten Wienkultur. Die Rote Armee beendet den Prager Frühling.

Gerhard Heller verbringt seine Nächte in der Camera Obscura, Neubaugasse und seine Tage im Außenamt, Sektion 4, Minoritenplatz. Er bekommt überraschend 20.000 Schilling Wiedergutmachung für seinen Vater, der im antifaschistischen Widerstand kämpfte, und gibt das Geld seinen Freunden. Seine Nikon F begleitet die Austrian Filmmakers Cooperative auf ihren Streifzügen. Das erste gedruckte Foto erscheint in der Volksstimme, Zeitungsraster, schwarzweiß. Es zeigt Werner Fitzthum auf dem Pflaster, über seinem Kopf schwebt ein Polizeistiefel.

1970 Hanno Pöschl sperrt das Kleine Café auf. Da Hofa stürmt die Hitparaden. Gerhard Heller fotografiert Bruno Kreisky auf Stimmenfang in der Brotfabrik. Kurt Falk und Hans Dichand kaufen die Tageszeitung Express, um sie im Jahr darauf einzustellen. Joe Zawinul präsentiert den Wetterbericht. Bruno Kreisky wird Bundeskanzler, die versprochene Reformation der Gesellschaft beginnt. Homosexualität ist nicht mehr kriminell, Abtreibung wird erlaubt. Am 5. September stirbt Jochen Rindt in Monza. Vier Tage später erscheint Oscar Bronners Profil.

1972 Schwarzer September in München. Die Olympiade endet mit einem Geiseldrama.

1973 I haaß Kolaric, du haaßt Kolaric. Warum sogn´s zu dir Tschusch? Die Gastarbeiterroute sorgt für frisches Blut. Will McBride fotografiert für TWEN den jüngsten Finanzminister der Welt, Hannes Androsch. Der neue Bürgermeister heißt Leopold Gratz. Wien baut sich eine U-Bahn. Alain Delon rennt durch das riesige Bauloch am Karlsplatz. Franz Klammer fährt mit 111 km/h Weltrekord. Ludwig Polsterer verkauft den Kurier an die Raiffeisen-Gruppe. Robert La Roche gründet die Marke Robert La Roche. Der Yom-Kippur-Krieg löst den ersten Ölschock aus.

1974 Nixon gibt auf. John Cook dreht Langsamer Sommer auf Super-8 und fotografiert Römerquelle in Breitwand. Oscar Bronner verkauft Trend und Profil and die Kurier-Gruppe.

Gerhard Heller trifft in New York ein. Er ist jetzt BUNTE Reporter. Der Job ist nicht die Vogue, aber mit Reisen verbunden. Der Mythomane ist in seinem Element.

1975 Der Vietnamkrieg endet mit der Einnahme Saigons. Die Südautobahn endet in Seebenstein. Gert Winkler landet in der Werbung. Georg Danzer wundert sich: „Jö schau, so a Sau, jössas na, wos macht a Nackerta im Hawelka?“. Niki Lauda wird Formel-1 Weltmeister.

1976 Der SuperSommer. Künstler und Aktivisten erobern die Stadtbrache. Coop Himmelblau realisiert am Naschmarkt eine Ausstellung unter freiem Himmel. Dort gibt am 27. Juni die Polit-Band „Schmetterlinge“ (Dr. Kurt Ostbahn) das Signal zur Arena-Besetzung. Die leerstehenden Schlachthöfe in St. Marx werden zum selbstverwalteten Kultur- und Kommunikationzentrum erklärt. Ohne Maulkorb berichtet. Leonard Cohen und andere treten gratis auf. Monatelang strömen tausende Jugendliche aus ganz Österreich nach Wien. Schließlich sitzt die Stadtregierung die Besetzer aus. Am 11. Oktober wird das Gelände geräumt.

1. August 1976. Um 4:45 fällt die Reichsbrücke ohne Fremdeinwirkung in die Donau. Ein paar Stunden später auf dem Nürburgring: Niki Laudas Ferrari 312T2 prallt gegen eine Felswand. Der Wagen geht in Flammen auf. Der Pilot beendet die Saison dennoch als Vize-Weltmeister.
1977 Udo Proksch logiert im Demel und versenkt die Lucona im Indischen Ozean. Am 25. Mai erscheint die erste Ausgabe des Falter. Die Gegenöffentlichkeit formiert sich.

1978 Kreiskys erste Niederlage. Am 5. November entscheidet sich Österreich gegen die Atomkraft. Die GGK Wien gewinnt ein Dutzend Kunden in Serie und ist ab sofort unbestrittene Numero Uno am Werbehimmel.

1979 Gooood Morning Vienna. Blue Danube Radio geht auf Sendung. Die Rote Armee besetzt Afghanistan. Helmut Zilk wird Stadtrat für Kultur. Das Schoko läutet die Neue Welle ein. Der WIENER erscheint viermal im Interview-Format.

1980 Die UNO eröffnet ihr Büro in Transdanubien. Lorin Maazel dirigiert in Farbe. Hans Schmid gründet mit Gert Winkler den Metro Verlag. Art Director Lo Breier wechselt von der GGK zum WIENER. Im Mai erscheint die Zeitschrift für Zeitgeist neu. Gerhard Heller betritt zum ersten Mal die Redaktion in der Kleeblattgasse. John Lennon wird auf offener Straße ermordet.

Beginn der heroischen Zeit. Arbeit bis in die Nacht und dann Ausgehen. Das Salzamt brummt. U4, Volksgarten, Fledermaus, die Liste ist endlos.

1981 Neville Brody geht zu FACE. Ronald Reagan schwört auf die Verfassung. Der kalte Krieg wird kälter. Am Morgen des 1. Mai wird der Präsident der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft, Stadtrat Heinz Nittel wird vor seinem Haus vom Palestinenser Hussam Rajeh erschossen. Gerhard Heller trinkt Tee mit Billy Wilder.

Der Fotograf geht jetzt auf drei Beinen. Auf dem Werbebein, am besten mit Art Director Christian Satek, dem Magazinbein mit Lo Breier und dem Buntebein, das er braucht, um die beiden anderen Beine finanzieren zu können. Das hat Tücken, geht an die Substanz, aber er liebt es. Die Fusion von Werbefotografie und Magazinfotografie, die in Wien gelungen war, ist genau das. Hundemoden. Liebe im Park. Die Frauenschaft jault auf. Am Cover „Wie giftig ist das Wiener Wasser?“ stellt der Gemeinderat fest, dass ihm der WIENER nicht gehört. Das Magazin wird zum Sprungbrett. Gerhard Heller begegnet Kollegen in London und New York auf Augenhöhe, nimmt das Angebot von Interview nicht an und bespricht den nächsten Cover.

1983 Die letzte Nacht im Schoko. Edi Komaretho geht segeln. Wolfgang Fellner gründet Basta. Große Show im Liechtenstein. Der Magazinmarkt wird heiß. Der Falter lässt sich bei Ecke Bonk die Haare schneiden. Bruno Kreisky geht. Die Sozialdemokratie im Sinkflug.

Die letzte Nacht im Schoko (1983)

1984 Kurier kauft Basta. Helmut Zilk wird Volksbürgermeister. Alles paletti.

1985 Michail Gorbatschow erklärt Glasnost. Glykol den Weinskandal. Lisi Klein entdeckt den G-Punkt. Der Wiener macht Auflage. Ende der heldischen Zeit. Der Jahrezeiten Verlag verhandelt um eine Lizenz für den WIENER Hamburg. Die Chefredakteure Markus Peichl und Michael Hopp, samt Art Direction Lo Breier gehen nach Hamburg, um das Heft vorzubreiten.

1986 Tschernobyl. Hans Schmid lässt die Verhandlungen mit Thomas Ganske scheitern. Die Emigranten bleiben an der Alster und machen TEMPO. Gert Winkler verlässt die GGK. Alles Vodka. Kurt Waldheim gewinnt die Stichwahl gegen Kurt Steirer. Jetzt erst recht. Fred Sinowatz gibt auf. Österreich lernt den neuen Bundeskanzler kennen. Welcome to Mr. Vranitzky. Die Haiderjahre haben begonnen.

1988 Der Standard erscheint im Berliner Format. Neville Brody designt ARENA.

1989 Ganz Deutschland umarmt sich. Die Mauer fällt um. Die Ungarn kommen. Die Tschechen kommen. Die Türken sind schon da. Die Mariahilferstraße ist ein Loch. Die U3 eine Baustelle.

1991 Die Wiener Arbeiterzeitung ist Geschichte.
1992 NEWS startet mit 70.000 Exemplaren.
1993 Kruder & Dorfmeister sind G-Stoned.
1994 Vladimir Malakhov tanzt für zehnzehn.
1998 Der Herminator schlägt in Japan ein.

Es geht dahin auf der Bouillabaisse des Leben. Nach lang Franz Vranitzky, kurz Viktor Klima, das Millennium. Jörg Haider macht schwuppdiwupp ein Mascherl. Wolfgang Schüssel ist Bundeskanzler. Donnerstagsmärsche, Mascherlverbot, Euro. Zum Glück fallen dann zwei Türme um, weil das erklärt alles, gleich knicken die Börsen, krachen die Banken. Yes we can not. Wir sind in der Gegenwart.

Danke.
Wien, 8. November 2010

Gerhard Heller und Gert Winkler 1990 (Foto privat)