KULTUR

Kruder und Dorfmeister legen im Duo auf

Hannes Kropik

Die Show, die aus einer WIENER-Story entstand – während Rudi Wrany für die aktuelle Party-Ausgabe den Wiener Downbeat-Hype der Neunziger Jahre beleuchtete, trat er mit den Ikonen dieser Tage, den Herrn Peter Kruder und Richard Dorfmeister in Kontakt. Ganz unprätentiös entstand dabei, hauptsächlich bei K&D die Idee für ein Comeback als Duo. Und voila: am 15. März bedienen Kruder & Dorfmeister erstmals seit langer Zeit wieder im Duo die Plattenteller. Und das in der Wiener Pratersauna. Hier lest ihr die nämliche Story.Vor 25 Jahren lernten sich zwei höchst konträre Künstler kennen und begründeten für mehr als ein Jahrzehnt den Ruf von Wien als elektronischer Musikhochburg. Es folgte ein Hype um die Stadt, ihre Clubs und ihren Sound. Heute lächeln uns diese Erinnerungen meist nur mehr auf Polaroids entgegen, von den Partys im Volksgarten, im Flex oder der Meierei.

Dass Kruder und Dorfmeister just in diesen Tagen, genauer: am 15. März, das Goldene Ehrenzeichen der Stadt Wien überreicht bekommen, schließt ein wenig den Kreis, das Duo arbeitet ja seit geraumer Zeit getrennt. „Überraschung war es keine, es hätte ja schon einmal passieren sollen, dass es jetzt tatsächlich stattfindet, freut mich natürlich“, so Peter Kruder, der seiner „G Stone“-Gasse im 16. Wiener Gemeindebezirk immer noch treu geblieben ist, während Richard Dorfmeister schon lange mit seiner Familie in Zürich lebt.

1991 war es also, als sich die beiden trafen. Damals war Wien ein verschlafenes Kaff am Rande des eingestürzten Eisernen Vorhangs. Ausgehen war eine Zweiklassenangelegenheit: Entweder landete man im Bermudadreieck unter grölenden Landeiern oder man hatte das Geld beziehungsweise die Connections, um in den Volksgarten oder das U4 zu gehen. Vor allem der Volksgarten war damals noch lange nicht der Hochglanz-Club, der er heute ist. Nur montags brachte der junge Veranstalter Alexander Hirschenhauser (der später den legendären Plattenladen Black Market gründete und auch in den Konkurs führte) mit seiner „Soul Seduction“ den Laden zum Platzen, mit Sounds, die weit weg waren von Eurodance und Acid House: Soul, Funk, Acid Jazz und Hip-Hop waren die neuen Töne, die damals für Furore sorgten.


Peter Kruder stand damals noch im Neandertalerkostüm mit der Hip-Hop-Band The Moreaus auf der Bühne, Richard Dorfmeister spielte noch mit Andy Orel in der Band SIN …

Im Burgtheater traten K&D zuletzt auf und schafften damit etwas, was davor und danach wohl einzigartig bleiben sollte: Elektronik in konservativer Umgebung. Foto: G-Stone Recordings.Der Rest ist Geschichte: Stets auf Samplejagd fanden die beiden zueinander, Dorfmeister der Musiker, Kruder der Tüftler. 1993 folgte die erste EP „G-Stoned“ nach ihrem Label benannt, das wiederum nach der Gasse hieß, in der eines ihrer Studios stand, und damit war er geboren, der Wiener Sound: „Wir konnten damals einfach drauflossampeln, ich habe zum Beispiel die komplette Plattensammlung meiner Mutter rauf und runter gesampelt“, schmunzelt Kruder heute.

Vom „Bedroomstudio“ ging es ziemlich direkt in die Stretchlimo: K&D schafften es in der Folge, Wien vom Popmusik-Importeur zum -Exporteur zu machen – und die Stadt erstmals auch abseits der Klassik von Mozart, Strauss & Co auf der internationalen Musiklandkarte zu etablieren. Die Bewegung wuchs von Jahr zu Jahr: 1996 folgte die legendäre „DJ KICKS“ auf dem renommierten Elektro-Label K7, 1998 kam schließlich das legendäre 4-fach-Vinyl „The K&D Sessions“ und 2000 folgte das längst vergriffene „G Stone Book“. Man verglich K&D mit den Beatles (Gilles Peterson auf BBC), Remixes für Depeche Mode und Madonna wurden bestellt und unzählige verkiffte Interviews sorgten stets für volle Häuser, unter denen sich auch ungewöhnliche Bühnen wie etwa die Wiener Votivkirche fanden. Ihren Sound, der später gerne spöttisch als „Wiener Melange“ oder noch geringschätziger als Fahrstuhlmusik abgetan wurde, nannten Trendsetter „Downbeat“. Labels wie Ninja Tune oder Wall of Sound beherrschten damals die Szene, London war der Nabel der Welt und Wien lag plötzlich gleich daneben. Den damaligen Hype erklären sich K&D damit, dass ihr Chillout-Sound einen willkommenen Gegensatz zum allgegenwärtigen Techno bot: „Wir waren sozusagen der gechillte Gegenpol zum Rave.“

Leider erschien der von allen heiß ersehnte Longplayer nie, dafür releasten beide mit „Tosca“ (Dorfmeister) und „Peace Orchestra“ oder „Voom Voom“ (Kruder mit Fauna Flash und Rainer Trüby) Soloalben ihrer ebenfalls erfolgreichen Sideprojects. „Irgendwann hat uns der Downbeat gelangweilt und wir haben etwas gesucht, was wirklich fresh war. Das waren ab 1996 Jungle und Drum ’n‘ Bass, aber auch das wurde uns irgendwann zu fad.“ Nun ja, die Kasse klingelte trotzdem weiterhin: Für Gigs, zusammen oder einzeln, Corporate oder Open House, wurden jedenfalls noch Jahre nach dem Hype fantastische Gagen gezahlt.

K&D konnten es sich in den Hochzeiten sogar leisten, Remix-Anfragen von Superstars abzulehnen: Während die Madonna- und Depeche-Mode-Tracks längst Klassiker sind, wurden etwa Anfragen von David Bowie – obwohl schwerst verehrt – oder U2 abgelehnt: „Wir wollten nichts remixen, wenn uns das Stück nicht gefiel“, so Kruder. Bei Falco spielte hingegen das Schicksal eine entschiedene Rolle. Er, der gerne mit den beiden in einem Atemzug genannt wurde, lud sie einst in sein Haus in Gars am Kamp und wollte sie als Produzenten gewinnen. Doch sein aktuelles Album „Out of the Dark“ war da schon weitgehend fertiggestellt, also entschied man sich, die Zusammenarbeit nachzuholen – der Rest ist Geschichte: „Er hat sich auch nach dem Treffen noch regelmäßig gemeldet, dann ist er plötzlich verunglückt“, erinnert sich Peter Kruder.

Der Sog um Kruder & Dorfmeister und den langsamen, chilligen Sound, der „alles erlaubte“, brachte viele weitere großartige Künstler und Bands hervor: So wurde das Erstalbum der Wiener Band Sofa Surfers namens „Transit“ 1997 ein Riesenerfolg wie die folgende Live-Tour, 1999 folgte mit „Cargo“ ein zweites Meisterwerk auf CD. Anders als K&D spielten die Sofas auf Live-Instrumenten echte Konzerte, was eine gute Alternative zur teils immer noch etwas verpönten DJ-Szene lieferte. Die Band ist nach langen Pausen – ihre Masterminds Wolfgang Schlögl (bis 2014), Markus Kienzl, Michael Holzgruber und Wolfgang Frisch sind längst auch solo anerkannte Komponisten und Produzenten – und einem Amadeus Award auch heute noch voll aktiv. Im September wird es anlässlich des 30-jährigen Band-Jubiläums einen neuen Sofa-Surfers-Tonträger geben. Geplant ist zwar kein „reguläres“ neues Album, aber auch keine schnöde Best-of-Compilation. Derzeit arbeitet man an neuen Versionen  alter Tracks, auch neue Songs entstehen gemeinsam mit alten Weggefährten und dem aktuellen Sänger Mani Obeya.

Sofa Surfers live im FLEX, 1999: Bei den Konzerten herrschte immer beste Stimmung, der Dub saß eben tief. Foto: Sofa Surfers.Ein weiteres Musiker-Duo namens Dzihan & Kamien hatte inzwischen mit Couch-Records das nächste Wiener Label gegründet und fungierte ab Start als wohlorganisierter Gegenpart zu den kultigen G Stones. Mit „Homebase“ schafften sie es auf die legendäre internationale Compilation „Cafe del Mar“ und führten die erfolgreiche Wiener  Downtempo-Tradition noch fort, als Kruder und Dorfmeister schon andere Wege eingeschlagen hatten. Unverkennbar machten das als MC Sultan gestartete Musikerduo vor allem die geschickt eingeflochtenen Nu-Jazz-Elemente aus der Feder des begnadeten Multi-Instrumentalisten Vlado Dzihan, der als Produzent auch Bands wie Count Basic betreute oder Edita „Madita“ Malovcic (neben ihrer höchst erfolgreichen Schauspielkarriere) zu herausragenden Tonträgern verhalf.

Weiters unter den Downtempo-Protagonisten: Waldeck, der Rechtsanwalt unter den Musikern, wurde anfangs ebenfalls von K&D produziert und sorgte mit seiner Melange aus Downtempo und Chansons ebenfalls für Furore, verzichtete aber auf DJ-Auftritte, die den Stars den Hype finanziell wunderbar versüßten.

Die „Vienna Scientists“ war eine anfangs sehr erfolgreiche  Compilation-Serie, deren Sequels allerdings immer mehr zu langatmiger Fadesse führten. Auf Klein Records, einem der wichtigsten österreichischen Labels seiner Zeit, erschienen um die Jahrtausendwende ebenfalls viele der Entschleunigung verschriebene Projekte, und das Clublabel Sunshine Records konnte als Teil eines erfolgreichen Biotops aus Club-Betreibern (später sogar mit Radiosender) den Hype um den hauseigenen „Club Meierei“ eine Zeit lang absatzstark auf Vinyl pressen.

Waren Anfang der Neunziger das U4, das Monte oder der Volksgarten noch die wichtigsten Plätze, wo sich eine Art Wiener Clubkultur ausprägen konnte, so kamen im Laufe der Neunzigerjahre mit dem FLEX und der Meierei noch weitere hinzu. Vor allem im FLEX am Donaukanal – und dort beim montäglichen „Dub Club“ – wurde diese Musik in allen Spielarten gelebt, der erste Tag der Woche war eine Zeit lang sogar der bestbesuchte Tag. Dafür zeichnete vor allem das Trio Sweet Susie, Sugar B und Gü Mix verantwortlich, die den „Dub Club“ zur Spiel- und Experimentierwiese für die aufstrebende Musik machten.

Doch in Wien wurde nicht nur gechillt. Es gab auch gesellschaftlichen Aufbruch und sexuelle Freizügigkeit im Club, die vor allem mit einem anderen Sound assoziiert wird: House diente rundum als Floor-Füller quer durch die gesellschaftlichen Parketts – von reich und schön bis studentisch.

Die „schicke“ House-Szene Wiens hatte  mit Peter Rauhofer eine echte Ikone zu bieten, er war stilistisch geradezu das Gegenteil von K&D und startete zur Jahrtausendwende in  den USA eine Weltkarriere. 1999 erhielt er einen Grammy (Non-Classical für den Remix von Chers „Believe“), 2000 eine weitere Nominierung für einen Remix von Christina Aguilera. 2013 verstarb Rauhofer, viel zu jung, an Krebs. Mit „Let me be your underwear“ hatte er aber bereits davor einen großen Clubhit und die frivole, bisexuelle Außendarstellung sorgte damals  für heftige Diskussionen nach dem Motto: „Ja dürfen’s denn des“. Davor war er lange Resident in Wiens frühen House-Kultclubs. So etwa dem „Montevideo“ von Oliver Riebenbauer, der sich in den Frühneunzigern ein hartes Match mit dem damaligen Liebkind der Society namens Hannes Jagerhofer lieferte, der mit seinen „Clubbings“ im Technischen Museum und in den Sofiensälen eine neue Art des Feierns und Ausgehens etablierte, aber gleichzeitig eine Basis schuf, auf der sich die reiche Vorstadt mit dem Strizzi-Charme aus der Leopoldstadt traf. Ein Wegbegleiter von Peter Rauhofer, DJ Vladimir „Vladi“ Stojic, erinnert sich an einen schwierigen Charakter: „Er war sehr introvertiert und hatte nicht allzu viele Freunde. Und er erkannte bald richtigerweise: Wenn du mit Musik Erfolg haben willst, musst du aus Wien weg. Das tat er dann auch, am Ende wollte er nicht mal mehr in Wien auflegen, was wiederum uns wehtat. An den Decks war er jedenfalls ein Mixgenie.“

Das Gegenstück von all dem war das  „H.A.P.P.Y.“, das 1993 im Szenelokal Blue Box entstand und alsbald das WUK mit seinen aktionistischen Ideen bis auf den letzten Platz füllte. Dessen Erfinder „Tomtschek“ aka Thomas Seidl förderte ausschließlich die heimische (Deep) House Szene und gab den Gegenpol zur Clubbingszene – sozusagen den Hype der anderen Seite, der seine Macher ebenfalls bald nervte. Heute ist das „H.A.P.P.Y.“ ebenso Geschichte wie die Clubbingszene. Als die Clubs und Diskotheken nach Wien zurückkamen, zog die Karawane weiter.

Foto Header: Kruder & Dorfmeister im Malkasten Düsseldorf, 1997. In den Neunzigerjahren füllte das Duo Clubs und Festivals bis zum Bersten, musikalisch führte die Reise von Hip-Hop bis Dub. Foto: G-Stone Recordings

Fotos Slideshow: Susanne Rogenhofer, Archiv Conny de Beauclair, H.A.P.P.Y. Archiv, Gerwin Kante