AKUT

Wiens Skinheads anno 1988 – die „Terrorszene“

MemoryLane. Im Frühling 1988 gerieten WIENER-Reporter Manfred Sax und Erich Reismann in die Szene Karlsplatz. Ihre Reportage über die Wiener Skinheads sorgte europaweit für Aufsehen. Wir haben sie aus dem Archiv geholt.

Text: Manfred Sax / Fotos: Erich Reismann / Faksimile WIENER Archiv

Foto: Erich Reismann / Faksimile WIENER Archiv

„Als Skin kommt man sich urgut vor. Und wenn ich da stolz in die Straßenbahn steige und die Leute schauen mich urböse an, dann komm‘ ich mir gleich noch besser vor“, sagt Alex. Erfolgserlebnisse wie dieses hatte er früher nicht. Aber seit einem dreiviertel Jahr rasiert er sich regelmäßig den Kopf. Das gibt ihm Identität. Er weiß, wo er hingehört. Er ist ein Skin.


Dass ihn „die Leute“ lieber fern als nahe sehen, ist verständlich. Skins werfen mit finsteren Blicken um sich. Ihre Glatzköpfe lassen Ex-Häftlinge vermuten. Ihr Schuhwerk ist für Tritte gut. Ihre Schale wirkt wie ein ziviles Nahkampfwerkzeug. Sie treten am liebsten im Rudel auf. Der Style eines Skin zielt auf eine Achillesferse des Normalbürgers: die Angst vor physischer Gewalt. Presseberichte geben dieser Angst Nahrung. Fotos von Glatzköpfen sind neben Schlagzeilen im Sinn des Wortes zu finden: „Skinhead stach Polizisten nieder.“ – „Nazi-Schläger“, „Fußball-Rowdys.“ Den Meldungen zufolge sind ihnen vor allem Ausländer, Punks, Juden und Fußballfans des gegnerischen Teams ein rotes Tuch. Den Meldungen zufolge machen sie gerne irrational Radau.

Foto: Erich Reismann / Faksimile WIENER Archiv

Auf ersten Blick scheint Alex weniger hartgesotten. Wenn er nicht gerade die Lippe von Billy Idol aufzieht, wirkt er sogar sympathisch. Und verborgen melancholisch, wie Klaus Kinskys Nosferatu, der vom Blut eines Mädchens mit reinem Herzen träumt.

Wir treffen Alex am Gang zwischen Opernpassage und Karlsplatz, dort, wo Wien moderne Großstadt ist. Wo Dealer dich fragen, ob du „schnelle oder langsame“ willst. Wo Kurz-aufs-Klo-Pädos kleinen Buben einen Hunderter vor die Nase halten. Wo Sandler und diverse Banden sich zerstreuen, wenn die Karlsplatz-Bullen ihre Runde machen. Kurz: Wo Wien tatsächlich anders ist.

Alex, 16, Skin forever. In einem „Lonsdale“-Pulli. In eine Bomberjacke gehüllt. Er ist nicht der erste Skin. Aber er ist es für immer. Foto: Erich Reismann / Faksimile WIENER Archiv

Alex tritt in „Lonsdale“-Pulli, engen Jeans und polierten „Doc Martens“-Stiefeln auf. Er ist mit „Aschi“ und Werner unterwegs, ebenso glatzköpfig, aber keine Skins. Aschi darf nicht mehr mitmachen, weil er vor kurzem in Polizeiverhör einen Skin-Kumpel verpfiffen hat. Und Werner ist bei den Neonazis zu Hause. An seiner Brust haftet ein Stern aus Pappe mit dem Word Jud. Den muss er strafweise tragen, weil er am Vortag beim Kartenspiel dreimal verloren hat. Alex, beim Spiel nur einmaliger Verlierer, musste lediglich ein Stück Seife essen, von der Klomuschel in den Mund. Noch mal Glück gehabt. Wir begleiten Alex nach Hause. Er wohnt bei seiner Mutter im vierten Bezirk. Er ist sechzehn.

Sein Zimmer ist ein Anschlag auf die Geschmacksnerven jedes halbwegs sensiblen Normalverbrauchers. Mit Eintritt in die Bude springt dir eine Hakenkreuzfahne ins Gesicht. Ins Regal daneben sind leere „Ottakringer Bier“-Dosen geschlichtet, eine Art Skins-Konversationslexikon. Das Bier schmeckt ihm, sagt er. Da gehts ihm wie den Neonationalen. Die stehn ideologisch auch enorm auf ehemals arisierten Hopfen mit Malz.

Alex legt Musik seiner gegenwärtigen Idole auf, der „Bösen Onkels“. Er zeigt uns das Bild des „Crucified Skin“. Der Skin ist ein Gekreuzigter, sagt er, ein aus der Gesellschaft Verstoßener. So was törnt einen an.

Fotos: Erich Reismann / Faksimile WIENER Archiv

„Wir sind die Elite von Wien“, hält er ein für allemal fest. Damit meint er die Terrorszene, seine Crew. Da kommt nicht jeder rein. Und wer drin ist, halte sich besser an zwei Gebote. Erstens: niemals einen Skin verpfeifen, auch wenn die Bullen mal härter zupacken. Zweitens: einer für alle und umgekehrt. Wer Geld hat, zahlt für die anderen. Wer nicht, kommt auch zu seinem Bier.

Alex ist meist ohne Kohle. Der Staat blecht nicht, weil er noch keine Arbeit auf seinem Konto hat. Die Mutter blecht nicht, damit er sich einen Job sucht. Bleibt noch die Oma. Die spendiert einen Hunderter die Woche. Das reicht für einen Tag.

Gegen Arbeit hätte er nichts einzuwenden, sagt er, aber die kriegen ja nur die Kanaken, die Ausländer. Weil sie für weniger roboten. Lehrstellen hatte er bislang nur zwei, eine Woche bzw. einen Monat lang. Und mit der Glatze erhöhen sich seine Chancen nicht unbedingt.

Seine Mutter hatte eigene Probleme. Lymphdrüsenkrebs zum Beispiel. Außerdem war sie Bassistin der „Mordbuben AG“.

Alex steuert geraden Wegs auf das Pendlerdasein zwischen Hilfsarbeit und Arbeitslose zu. Er ist ein NF-Mensch. Er ist auf den Weg der „No Future“ geraten, und dabei kreuzte irgendeine „Nationale Front“ seinen Weg. Woher sollte ihm auch eine Zukunft erwachsen? Aus seiner Vergangenheit nicht: Er wurde einer 16jährigen Mutter geboren. Als er fünf war, brachte sich sein vom Buddhisten zum Punk konvertierter Vater um. Er wechselte sechsmal die Volksschule, weil er etwas schwierig war. In der Hauptschule fiel er auf, weil er die Lehrerversion über den Zweiten Weltkrieg korrigierte. Das konnte er, weil er als 12jähriger ein paar Typen mit Zeitungen kennengelernt hatte, durch die er „Zeitgeschichte“ erfuhr, wie sie nicht in den Schulbüchern stand. Typisch NF eben.

Mit den Ausländern in seiner Schule konnte er durchaus umgehen. „Tschuschen raus“, meinte er nur zu ihnen. Alex verließ die Hauptschule mit fünf Fünfern im Zeugnis. Nicht, weil er blöd war. Schulwissen törnte ihn eben nicht an. Streunen war schon eher seine Sache. Seine Mutter, heute 32, investierte nicht allzuviel Zeit in ihn. Sie hatte ihre eigenen Probleme. Lymphdrüsenkrebs beispielsweise. Außerdem war sie Bassistin der „Mordbuben AG“. Sie ist ihm weniger eine Mutter, mehr eine Freundin. Sie hat nichts dagegen, dass er Skin ist. Demnächst muss er auf die „Kieberei“, wegen einer „Ausländer Halt“-Sache in Krems. Da wurde ihm eine Pickerl-Klebeaktion in die Schuhe geschoben, wie er sagt. Jetzt soll er 2000 Schilling zahlen oder für 72 Stunden ins Gefängnis.

Fotos: Erich Reismann / Faksimile WIENER Archiv

Die Wohnung der Skin-WG „Terrorszene“ im 6. Bezirk ist nicht von diesem Jahrzehnt. Sie hält die Weltkriegszeit am Leben. An den Wänden sind Adolf, BRD-Flagge und „Rapid Wien“-Wimpel zu einer großdeutschen Collage verschmolzen. Skins wohnen hier, darunter ein Skingirl namens Sabine. Ihr Haarschnitt gleicht dem der Boys. Nur an Stirn und Nacken blieb je ein Büschel Haare verschont. In der WG gibt die Punk-Band „Tote Hosen“ den Ton an. Erstens singen sie deutsch, und zweitens kann man auf Songs wie „Ficken, Bumsen, Blasen“ so richtig abfahren.

Das Milieu der Gruppe ist homogen. Die Skins sind zwischen 16 und 21 Jahre alt und arbeitslos. Im Schnitt streicht jeder 3500 Schilling Notstandshilfe ein. Der notwendige Rest ergibt sich aus Jobs als medizinische Versuchskaninchen. Bis zu 15.000 Schilling kann man dafür verdienen.

Zum Antrittsbesuch des WIENER ist die Bude voll. Ein Typ namens „Babyface“ formuliert zur Begrüßung: „Pass auf, Redakteur. Fünf Kilo löhnst und den Zettel da unterschreibst!“

Der Zettel enthält ein vorgedrucktes politisches Frage-und-Antwort-Spiel. Eine Frage lautet: „Was denken Skins über den 13. März 1988?“ Antwort: „Da findet ein Mods-Konzert statt. Typisch Mods.“ – Eine andere: „Wen wünscht sich ein Skin als Bundespräsident?“ Antwort: „Wir Skins stehen geschlossen hinter Waldheim.“

Fotos: Erich Reismann / Faksimile WIENER Archiv

Ansonsten sind politische Fragen untersagt. Die „Terrorszene“-Leute sind Fußballskins, nicht Parteiskins. Und den 4:1-Sieg Österreichs über Deutschland kommentieren sie so: „Die Deutschen siegten, die Piefkes verloren!“ Wer arbeitslos ist, verfügt über Energie. Überschüssige Energie schreit nach einem Blitzableiter. Feindbilder können sie genug aufzählen: jeden Samstag der Gegner Rapids. Auf der „Watchlist“ stehen außerdem Autonome, Punks und die „Asos“ (Asoziale). Erstere sind gegen den Opernball, zweitere unordentlich angezogen. Und die Asos, nun, wer braucht schon Parasiten?

Auch die Ausländer halten als Feindbild her, vor allem die „Neger“. Die sind am leichtesten zu erkennen. Zuschlagen will die „Terrorszene“ aber nur, wenn sie sich provoziert fühlt. Aus Gegenwehr sozusagen. Wenn jemand „Scheiß Nazi“ sagt zum Beispiel. Oder wenn sich im U4 ein Typ auf dem „Weiberklo“ schminkt. So was beleidigt einen Skin.

Nicht, dass er frustriert wäre. Frauen können sie jede Menge haben, poltert Babyface. Vor allem die „Schnallen“ vom U4, um Mitternacht, vor der Tür. Edi, dem „Ersten unter Gleichen“ in der WG, ist das egal. Er hat ja seine Sabine, seit sie von ihrem Stiefvater rausgeschmissen wurde. Seit auch sie ohne Job dasteht, hat er sie sogar den ganzen Tag inklusive „Monkey-boots“, „Lonsdale-Pulli“ und Tattoo.

Ein Großteil der Skins ist mit Tätowierungen übersät. Jeder echte Skin will geritzt sein. Der 21jährige Michi ist stolz auf seine untilgbare Ottakringer-Tätowierung am Unterarm. Ein Elektromonteur außer Dienst namens Ernst ist auf den Schriftzug „Gott Ernstl“ stolz. Für die meisten Menschen ist Gott eben das Höchste. Warum nicht für einen Skin?

Zwei Skins im Clinch: Sie teilen zu fünft eine 2-Zimmer-Wohnung. Sie sind arbeitslos. Wenn sie pleite sind, spielen sie Versuchskaninchen für medizinische Tests. So sehen sie auch aus. Foto: Erich Reismann / Faksimile WIENER Archiv

Nur Alex ist, was Tattoos anbelangt, noch ein Jungmann. Das soll sich heute ändern. Er will seinen Namen auf der Innenseite seiner Unterlippe wissen. Schlicht, aber unauslöschlich. Und so geschieht es auch. Wie eine Nähmaschine zieht die Nadel eine schwarze Spur durch seine Lippe. 15 Minuten später ist alles vorbei. Alex Skin forever. Mit dem Brandzeichen in der Lippe. Er ist nicht der erste Skin. Aber er ist es für immer.

Der WIENER-Bericht brachte Alex Slezak, Jackson und Company sogar ins Fernsehen. Hier der gesamte, legendäre Club2 bei dem es sogar gegenüber Moderator Rudolf Nagiller zu Handgreiflichkeiten kam (Minute 50).

*

Einer musste der Erste sein. Warum nicht Roland Holzinger? 1978 war es, da hörte er in England die Kultgruppe Sham 69 und ihren Schrei: Skinhead is back! Da sah er den FC Liverpool und schnitt sich die Haare. In Wien war er der erste Skin: mit „10-Loch-Doc-Martens“ an den Beinen. Darüber Röhrljeans, Fred-Berry-Shirt und einen 5-Millimeter-Haarschnitt am Kopf. So zieht er noch heute herum. Nur seine Haare tendieren Richtung Normalbürger. Er hatte mal eine Nasenscheidenwandentzündung. Von da an ließ er sie winters immer wachsen. Außerdem ist er jetzt Lagerangestellter. Nur Fußballsamstag und seltenere Punkkonzerte erinnern noch an alte Zeiten. Seit 1980 organisiert Holzinger Schlachtenbummlerfahrten für Rapidfans.

In seiner besten Zeit gab es in Wien 100 Skins. Heute sitzt er mit seiner Frau vor dem Fernseher, manchmal klopft er bei Rapid um Anstellung an. Vergeblich. Das Image der Rapid-Fans hat durch die Radaue der letzten Jahre gelitten. Auch, weil rechtsradikale Gruppen es verstanden, Skins für Ihre Ziele zu gewinnen. Manchmal sah man die Skins bei Veranstaltungen der Neonazis als Saalschutz amtieren, weiß Holzinger. Was sie eventuell schmeichelte.

Heute glaubt die „Terrorszene“, dass eine NS-Regierung ihnen den sozialen Aufstieg brächte. Ein Kenner der Neonazi-Szene in Österreich weiß es besser: Skins werden an der Stange gehalten, weil sie einmal nützlich sein könnten. Man macht sie glauben, sie seien die neue SA. Also randalieren sie. Es ist so ähnlich wie mit Goethes Zauberlehrling: Man lehrt die Skins zwar ein Feuer entfachen, nicht aber die Technik des Löschens.

Die Skins werden sich verbrennen.

Fotos: Erich Reismann / Faksimile WIENER Archiv

Skin History

1968 Entdeckung des Skinhead
Ort: East London, England
Besondere Merkmale: nationalistisch, proletarisch, militant, hippy-feindlich
Schwächen: Reggae von Desmond Dekker und Laurel Aitken
Vorfahren: „Teds“ und „Mods“
Ende: 1972

1976 Revival, gemeinsam mit der Revolte der Punks
Spezies: „Renaissance“-Skin (probritisch) und „Plastic“-Skin (anarchistisch)
Schwächen: Sham, 69, Skewdriver, Cockney Rejects
Schlachtruf: OI!

1981 Radikalisierung
Spezies: „Thatcher“-Skin
Dazu Autor Dick Hebdige: „Dies ist die Stimme der sterbenden Geduld der Gesellschaft. Sie trägt alle Symptome einer Krankheit: Gewalttätigkeit. Ohnmächtiger Hass. Rassismus.“