KULTUR

Blowjob Reloaded

Seit #metoo hat das ohnehin abgetakelte Image des Blowjobs einen noch weniger sympathischen Drift. Im feministischen Kontext wurde er zum schnöden Werkzeug, mit dem Männer ihre Machthaberei deponieren. Der BJ hat eine Pause nötig.

Text: Manfred Sax

Er kommt nicht zur Ruhe. Der Akt ebenso wenig wie der Hauptdarsteller. Dabei hat er nie was ­gemacht, er saß nur so da, und da passierte es. Es ist eine kleine Ewigkeit her, aber er kommt nicht zur Ruhe. Vor ein paar Wochen wurde er wieder ­gefragt: „Haben Sie sich bei ihr ­entschuldigt?“ – „Ich hab nicht mit ihr gesprochen.“ – „Haben Sie das ­Gefühl, sich bei ihr ent­schul­digen zu müssen?“ – „Nein.“


Eigentlich wollte Bill Clinton nur sein neues Buch präsentieren (Titel: „The President Is Missing“). Aber dann kannte die Journaille nur ein Thema. Nicht sein Buch. Stattdessen ein Kapitel seiner ­Geschichte, das vor zwanzig Jahren öffentlich wurde, aber offenbar keine Vergangenheit hat. Die Affäre. Was heißt Affäre, drei Blowjobs oder neun, serviert von einer willigen Frau. Harmlose Sache. Der Blowjob hat was Harmloses, also: biologisch. Er hat keine Konsequenzen, nur für sich. Das Dumme ist dass er Kontext hat. Er wird in einem sozialen Kontext Geschichte, da erweitern sich die nämlichen drei oder neun Blowjobs – prinzipiell harmlos, wie gesagt – zu einem Ereignis zwischen einem 22-jährigen Mädchen für alles und ihrem Boss, dem 49-jährigen mächtigsten Mann der Welt.

Der Blowjob hat etwas Harmloses. Aus biologischer Sicht. Das Dumme ist, dass er Kontext hat. Foto: (c) Getty Images

An sich ein Archetyp. Der Machthaber und seine Muse, das ist Teil der Geschichte der Zivilisation, auch unter Präsidenten. Wenn die Muse so wer wie die Monroe ist, dann hat das was. Der Mächtigste will eben die Schönste, so ist das nun mal. Dumm wird es, wenn die Muse eine kleine, pummelige Angestellte ist. Und das noch Dümmere: Der Blickwinkel zum sozialen ­Kontext hat die unangenehme ­Angewohnheit, im Lauf der Zeit zu expandieren.

Seit #metoo haben wir Weitwinkel. Gib mir die Stichworte – so Knüller wie „soziales Gefälle“, ­„Ungleichheit“, „Männerwelt“, „Kampf der Geschlechter“ – und sag mir dann, ob du noch einen hochkriegst. Jeder Sex wird kompliziert, wenn er nicht mehr nur als Ereignis zwischen zwei Menschen gesehen wird. Ein Blowjob zwischen ihm da oben und ihr da unten kommt da nur noch als schäbiges Werkzeug ­rüber, um dem Unterleib des Machthaberers ein paar Kicks abzuringen. Es hat sich was geändert. Monica Lewinsky, damals Clintons Mädchen für alles, sagt heute nicht mehr nur „es war kein sexueller Missbrauch“, sondern auch „es war sehr wohl Machtmissbrauch“.

So weit zur Lage. Sexuell gesehen ist sie beschissen. Sexuell gesehen würdest du ja lieber davon träumen, dass so ein Machthaberer mal einen außerehelichen „Fuck of the Century“ hinlegt, der nie zum Skandal werden kann, weil beide dazu stehen, und wer sollte das nicht verstehen? So einen Fuck gibt’s nur einmal, das gönnst du dir, gehört zur Bucketlist. Du lebst nur einmal.

Wenn du Sex liebst, dann machst du das, weil da was kommuniziert wird; weil da zwei Aneinandergeratene dasselbe Vokabular verwenden. Also auf eine sexuelle Gerade ge­raten, welche die eventuelle soziale Ungleichheit wenigstens vorüber­gehend in Nichtigkeit verwandelt. Wie gesagt: Hier wird geträumt. Hier ist Sexkolumne, hier ist der sexuelle Standpunkt wichtig. Wenn hier der Fuck of the Century passiert, zählt nur der Umstand, dass zwei ­einander voll einschenken können, weil sie derselben Sprache mächtig sind. Sonst ist da nichts. Außer eventuell ein kleines Nachspiel. Ein Blowjob zum Beispiel. So sah es sein ­offizieller Erfinder, ein französischer Autor namens Alphonse Gallais, in seinem interessanten Wälzer „Das Paradies des Fleisches oder das göttliche Liebesbrevier“ (1903). Dort hatte der Blowjob Ansehen. Eine Art Ranking. Als „wahrster Ausdruck der Liebe zur Liebe“. Wenn der Sex gut war, also ein Hormongemisch triggerte, das allzu oft als „Liebe“ interpretiert wird, dann war ein ­Blowjob nicht auszuschließen. Eine rare Geste. Eine Art Daumen hoch, mit dem die Geberin etwas ausdrückte, einen Respekt für das zuvor Geschehene. Das blieb lange so. Wer in den 70er-Jahren sexte, kann sich an jeden einzelnen Blowjob erinnern. So rar war das.

Im sexuellen Kontext ist der Blowjob ein primitives Tool für Analphabeten.

Natürlich hieß der Blowjob lange nicht Blowjob. Unter Franzosen lief er unter „la pipe“ – die Pfeife. Eine Nachbetrachtung, man denke an die Zigarette danach. Das war sein sexueller Kontext. Unter Nichtfranzosen war er „französisch“. Was kongenial Exquisites. Das schließlich als „Blowjob“ zur amerikanisch inspirierten Massenware verkümmerte. Keine Delikatesse mehr, nur noch ein billiger Burger, der überall zu haben ist. Er kommt hoch, wenn Beyoncé von einer „Becky with the good hair“ singt („Lemonade“), die dann tatsächlich per Twitter auf ihre drei Minuten Weltruhm pocht, die sie „braucht, um einen Mann am Rücksitz eines Maybach zu befriedigen“.

Der Blowjob glotzt von der Kinoleinwand, wo gute Sexszenen nicht mehr vorkommen, weil vergleichsweise kompliziert umzusetzen. Und er überkommt deinen One Night Stand in spe, wenn deine innere Verkehrsampel auf Grün steht, nur ist sie plötzlich nicht mehr auf Augenhöhe, sie hat den Lift nach unten genommen, in den Halbstock, weil sie den Blowjob als Vorspiel missversteht, als schnellen und vergleichsweise safen Snack, der dem „eigentlichen“ Geschlechtsverkehr vorangeht und ihn mit etwas Glück ­vielleicht sogar erübrigt.
Die Wissenschaft deklariert den Blowjob schon lange als „Joystick der Teenager-Sexualität“, und vom Standpunkt der sexuellen Haltung aus ist klar, dass es dabei für ihn nichts Ermächtigendes zu holen gibt. Er passt lediglich wie angemessen zum Phänomen des „verunsicherten“ Mannes, dessen nachdrückliche Liebe zum Blowjob leicht zu verstehen ist. Beim Nichts-als-Stillsitzen kann er sich weder lächerlich machen noch sie an seiner mangelnden sexuellen Sprachkenntnis nörgeln.

Im sexuellen Kontext ist der ­Blowjob ein primitives Tool für ­Analphabeten. Zufällig ist er auch im feministischen Blickwinkel so ein Tool, nur halt für Machthaberer, deren ­sexuelle Komplexe sie nichts angehen müssen. Selbstverständlich wird dieses Tool auch vom ganz normalen Trottel protzig verbalisiert, wie unlängst in Wien, als ein Ladenbesitzer das gelegentliche Vorbeigehen einer Prominenten nicht mehr aushielt, er musste ihr per „pn“ sozialmedial mitteilen, dass sie „nächstes Mal“ seine männliche Winzigkeit „ohne Worte in den Mund nehmen (kann)“.

Klar sowieso, dass er das Ding sofort einzog, als sie die „pn“ öffentlich machte. Und Chapeau an die Frau. Diese Macker müssen ­vorgeführt werden. Sie machen den Sex noch komplizierter, als er ohnehin ist.

Im Übrigen sollten wir alle mehr bumsen.