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Schwarm der Woche: Stoya – ein Pornostar für den denkenden Mann

Manfred Sax

Sie schreibt für gute Zeitungen und gibt sich gern philosophisch. Beim Thema Schwanzlutschen denkt sie an Metaphysik. Stoya ist einer jener raren Pornostars, die nicht nur in den Bauch, sondern auch in den Kopf gehen.

Text: Manfred Sax

Stoya, 32, Pornostar. Sie übermannen war von Anfang an nicht möglich. Herumdoktern an ihrem Körper auch nicht.


Ihr Vater hasst es, dass sie Porno­star ist. Nicht aus den üblichen Gründen, beteuert Stoya (bürgerli­cher Name: Jessica Stoyadinovic). Mister Stoyadinovic ist ein welt­offener Mensch. Außerdem ist er ein Mann. Der sich abends nach einem stressigen Arbeitstag gern zwecks Entspannung an den Computer setzt. Nur hat das seine Tücken. Kaum klickt er sich nach Pornoland, springt ihm öfter als nicht eine Vagina ins Gesicht. Und nicht nur irgendeine. Ein, zugegeben, nett geformtes und ori­ginalgetreu modelliertes Ding aus Silikon mit penibel akzentuierten Details. Ein beworbenes Sextoy. Das nun leider „Stoya Destroya“ heißt und so die Inhaberin des Originals outet: seine Tochter. Ausgerechnet. Tja, und dann hat es sich mit der Entspannung von Daddy Stoyadinovic. Kein Bock mehr. Ihr Daddy, erläutert Stoya, sei pornopositiv und habe eben genau deshalb einen Grant auf sie: „weil ich seine Liebe zu Porno ruiniert habe“. (1) Es heißt zwar, dass ein Schwanz kein Gewissen hat, nur gibt es eben Ausnahmen. Außer du bist ein Arschloch. Aber hey, soll sie doch selbst erzählen:

Stoya also. Man nennt sie „die bleiche Prinzessin“ oder „das katzenäugige Schneewitt­chen“ mit der „mathematisch perfekten“ Figur. Stoya ist eine Schönheit, denk: Anne Hathaway. Sie ist 32, in North Carolina ge­boren, Tochter eines Serben und einer Schottin. Sie hat früh begonnen, eigentlich mit allem – Rauchen mit 12, Sex mit 13, selbst und ständig mit 16. Und mit 20 geriet sie ins Business, unter­schrieb einen Exklusivvertrag bei der Branchengröße Digital Play­ground, mit tollen Arbeitszeiten. Nur 50 Arbeitstage pro Jahr; die restlichen 300+ Tage wurde sie dafür bezahlt, nicht für andere Pornofirmen zu arbeiten. Das schuf Freizeit. Die sie investierte. Zum Beispiel in Talkshows:

Sie hat sich den beruflichen Schritt lang überlegt – welche Karrieretüre wird sich für sie schließen, wenn sie vor der Kamera die Beine öffnet und so weiter. „Ein Job als Lehrerin wird wohl nicht mehr möglich sein, aber das ist okay, ich will ohnehin keinen Einfluss auf junge Gemüter ha­ben.“ (2) Nur glaubt sie, genau diese Verantwortung jetzt zu tra­gen. Solange es keine akzeptable Sexerziehung gibt, wird sie als Pornostar für junge User maß­geblich sein. Presenting: ein paar Szenen für junge User …

Sie gewöhnte sich an den Job wie der Schlagzeuger an die Drumsticks. Kein Problem. Weil sie auf Sex total steht, wie sie immer betont. Das führte anfangs zu Missverständnissen mit den männlichen Kollegen. Weil sie bei der Penetration nicht nur stöhnt, sondern auch lacht. Ein Genuss­lachen, sagt sie. Nur sahen die Kollegen das anders. „Willst du mich verarschen?“, reagierte bei­spielsweise Mick Blue, Österreichs Aushänge – ha! – schild in Pornoland, auf ihr Kichern. Wie Pornohengste eben sind; gewöhnt, ein Girl zu übermannen. Das war bei Stoya von Anfang an nie möglich. Herumdoktern an ihrem Körper übrigens auch nicht. Das Angebot ihrer Firma, den Busen etwas zu si­likonisieren, lehnte sie dankend ab. Aber zurück zu ihrem „Kichern“. Guck mal.

Ihre Sexpositivität brachte sie bald auf Konfrontationskurs mit den Feministen. Obwohl sie mit deren Kernaussage blendend konnte – lass dir von anderen nicht sagen, wer du bist und was du tun darfst, du kannst genau die sein, die du sein willst, theoretisch genau ihre Kragenweite, nur: „Wehe, du willst ein Pornostar sein. Dann hast du ein großes Seg­ment der Feministen gegen dich; die Heterosexhasserinnen, die Sexarbeiterhasserinnen, die Pornohasserinnen. Na hallo, ich dachte, weibliche Sexualität sei okay, vielleicht sogar was wirklich Schönes?“ (3) Da sind sie dann; die Stoya­-Gedanken. Für die sie von Anfang an viel Zeit hatte, die 300 arbeitsfreien Tage, wie gesagt. Und später, als sie selbstständig wurde (2014: Produzentin, Regis­seurin, Autorin), ließ sie sich ihr Maul sowieso nicht mehr nur verstopfen. Es war für mehr da als nur für Blowjobs.

„Feministen hassen mich. Warum? Ist Sex nicht was Schönes?“

Stoya ist in allen sozialen Netz­werken heimisch, auf Twitter und Tumblr und Instagram, you name it. Man kann ihr Messages schicken, nur kostet das was, das „hat den Mist in meiner Box drastisch reduziert“, sagt sie. Praktisch ist es sowieso. Unlängst ging sie in New York spazieren und fragte per Tweet, wo ein gewisser Shop sei. Es hagelte Antworten. Stoyas Followers zahlen dafür, ihr einen Gefallen tun zu dürfen. Wenn das nicht cool ist.

Stoya ist seit Jahren auch im Mainstream ein Begriff. Sie ver­öffentlichte heuer ein Buch mit Aufsätzen – Philosophy, Pussycats & Porn (4). Sie schreibt Essays für angesehene Zeitungen. Sie stellt Fragen („Hat das politi­sche System eines Volkes Einfluss auf die Gruppensexdynamik?“), sie findet Antworten („Die Ant­wort ist nicht, Pornos zu verbie­ten, sondern bessere Pornos zu machen.“), sie thematisiert ihr Fachgebiet („Die Metaphysik des Schwanzlutschens“). Wenn du dich 12 Jahre lang nur mit Sexua­lität beschäftigst, sagt sie, findest du alle möglichen Blickwinkel.

Und dann ist da noch der Film „Ederlezi Rising“ (5), ein guter Film, ein philosophischer Science­Fiction­-Film (sie sagt „Philm“ dazu). Über die Essenz menschlicher Gefühle, wie es heißt. Kann künstliche Intelligenz menschlich werden? Starker Tobak. Adam und Eva im Weltraum. Stoya ist, klar, nicht Adam, sie ist nicht einmal ein Mensch. Aber sie ist je­denfalls Stoya. Und man kann jetzt so gewissenhaft suchen, wie man will, aber ein Clip, in dem Stoya nicht in Kontrolle ihrer Situation ist, muss erst gefunden werden. Kontrolle kannst du nicht spielen. Schalt mich doch ab, wenn es dir zu viel ist, sagt ihre Cyborg­-Eva. Und wie sie das sagt! Da wirst du knieweich. Hab ich schon erwähnt, dass ihre Stimme ein Hammer ist?

Aber zurück zum Porno. Dort hat es sich nach Erstlingen wie „Stoya Video Nasty“ und „In 80 Stellungen um die Welt“ schnell rumgesprochen: Stoya akzeptiert keine Bimbo­-Rollen, sie ist immer Starkfrau, sie ist Alternativ-­Porno, nicht wirklich das erfolgreichste Segment der Branche. Im strikt durch Einschaltziffern regulierten Ranking von Pornhub steht sie auf Platz 165, Tendenz fallend. Eine dieser seltsamen Erkenntnisse am Planet Porno: Starke Frauen, die mit ihrer Sexualität auf Du sind und am Set ebenso viel geben wie sie nehmen, sind unter Usern nicht so populär, sie wirken einschüch­ternd. Das kann sogar auf ihre Co­-Stars abfärben. Als der im Ranking 100 Plätze vor ihr platzierte James Deen 2011 anlässlich der AVN­ Awards gebeten wurde, ihr einen Preis zu überreichen, lehnte er ab: „Diese Frau macht mich so verdammt schüchtern“, sagte er.  James Deen, der Oberhengst der Branche! Hier besucht er sie:

Der Punkt ist wohl, dass Stoya nicht nur in den Bauch geht, sondern auch in den Kopf. In so einem Pornostar ist nicht selten eine ganze Menge drin, die du nicht aus ihr rauskriegst. Zumal es den Porno­User in dir sowieso null interessiert, sobald es ans Eingemachte geht. Das ist die Natur des Biests. ×

(1) https://www.huffingtonpost.com/2013/06/17/ stoya-porn-star-dad-ruined-porn-for-him- video_n_3454408.html
(2) https://www.nytimes.com/2018/03/04/opinion/ stoya-good-porn.html

(3) https://www.theguardian.com/books/2018/jun/28/ stoya-philosophy-pussycats-porn-interview
(4) http://notacult.media/books/pussycats/
(5) https://www.imdb.com/title/tt5215088/

Foto: Getty Images