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Hinter uns die Infoflut

Der Millennial wird oftmals fast schon bemitleidet ob der Infoflut, die sich ­ungebremst aus den Weiten des World Wide Web auf ihn als besonders ­onlineaffinen Menschen ergießt. Doch was sagt die Generation Y selbst zu der Thematik? Zwei Millennials stehen Rede und Antwort.

Text: Maximilian Barcelli / Jakob Stantejsky

Dass das Internet eine neue Welt der unbegrenzten Möglichkeiten darstellt, hat sich mittlerweile als öffentliche Meinung durchgesetzt. Doch wie in jedem neu erschlossenen Terrain lauert online ebenfalls für jede nützliche Errungenschaft auch ein neues Problem. Der schier endlose Strom an Informationen jeder Art ermöglicht zwar ein permanentes Up-to-date-Dasein, wie es noch vor 20 Jahren völlig unvorstellbar gewesen wäre, doch vor allem die Generation X stellt sich immer wieder die Frage: Erdrückt einen diese Informations­flut nicht förmlich? Besonders der junge Mensch, der sogenannte Millennial, befindet sich in Arbeit und Freizeit ja schon fast in ­einem Abhängigkeitsverhältnis zum Internet. Leidet er unter der ständig auf ihn einprasselnden Infoflut denn nicht? Gerade soziale Medien werden oft als Schuldige ausgemacht, da eine Teilnahme an der Gesellschaft ohne intensive Aktivität auf diesen Plattformen dem Klischee nach kaum möglich erscheint – besonders für die Generation Y, die sich durch das ­gemeinsame Aufwachsen mit der Technologie doch erst recht einem Leben online verschrieben hat. Solche und ähnliche Bedenken hört und liest man immer wieder in diversen Medien. Aber wir ­Millennials, wir sehen das ehrlich gesagt ganz anders.


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Erinnern Sie sich noch daran? Also wie es war, so ganz ohne ­Mobiltelefon? An die gute alte Zeit, als man sich noch mit Schulfreunden am Hof für den Nachmittag verabredete? Man war ja sonst nur recht sporadisch erreichbar. Nun, ich tue es nicht. Und so ganz unter uns, von ­Generation Y zu Generation X: Ich weiß auch gar nicht, ob man damals tatsächlich am Hof ­Treffen vereinbart hat. Baujahr 97 nämlich. Doch obwohl ich seinerzeit nicht live dabei war, würde ich mein imaginäres Haus inklusive imaginärer Mercedes-Benz S-Klasse darauf verwetten, dass niemand aus der vorangegangenen Generation diesen Mobiltelefonlosen Zustand als richtige Belastung wahrgenommen hat. Eh klar, man ist ja damit aufgewachsen, kennt überhaupt nichts anderes. Wir Millennials sind wiederum mit Smartphones, Internet und der daraus resultierenden Flut an Informationen, die tagtäglich auf uns einprasselt, aufgewachsen. Auch wir kennen nichts anderes, waren seit jeher mit Digitalem konfrontiert. Und wir haben das Handwerk sozusagen von klein auf erlernt. Ob uns die Infoflut also überfordert? Ob sie uns erdrückt? Wohl kaum.

Wir sind nicht ungebildet, nur weil wir Sonntagfrüh keine Zeitung ­lesen oder weil wir kein Radio mehr im Auto hören, falls wir überhaupt ein Auto fahren.

Klar, wer sein Smartphone mit sozialen Apps wie Facebook, Instagram, WhatsApp etc. bestückt, wird mehr oder weniger minütlich notifiziert, dass Freund X ­gerade ein neues Fitnessworkout abgeschlossen hat, Freundin Y zurzeit ihre frisch lackierten ­Zehennägel in den Sandstrand steckt oder der Präsident der USA sich den nächsten Spaziergang in einem XXL-Fettnäpfchen gegönnt hat. Doch es gibt tatsächlich zwei Variablen, mit ­denen man die Infoflut effektiv bändigen kann. Einerseits ist die Wucht des persönlichen Newsfeeds stark abhängig davon, mit wem man denn verkehrt. So gleicht das Handy in dem einen Freundeskreis einem unabding­baren Lebenselixier, während ­andere Millennials Facebook und Co. entweder kaum oder auch gar nicht nutzen – ganz bewusst. ­Andererseits verfügen sämtliche soziale Netzwerke über die Funktion, sowohl Bekannte als auch gelikete und gefollowte Seiten nach Geschmack durchzusieben. So erhält man nur die Informationen, die einen tatsächlich inte­ressieren, und wenn der eine oder andere Freund es doch übertreibt mit seinem Mitteilungsbedürfnis, schaltet man ihn eben stumm und schon ist die Sache erledigt. Wir Millennials sind zwar tagein, tagaus im Internet unterwegs, doch oft ersetzt die Onlineaktivität andere Formen des Medienkonsums. Den Satz „Ich schau eigentlich nie fern“ hört man unter jungen Menschen andauernd. Das In­ternet vereint Information und Entertainment zu einem indivi­duell anpassbaren Ganzen und ermöglicht einen allzeit flexiblen Umgang mit „der Welt da draußen“. Man muss nur damit um­gehen können, und so ein Millennial, der trainiert diesen Umgang eben, seit er denken kann.

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Wir sind nicht ungebildet, nur weil wir Sonntagfrüh keine ­Zeitung lesen. Wir sind nicht ­ungebildet, nur weil wir keine Nachrichtensendungen im Fernsehen schauen. Und wir sind nicht ungebildet, nur weil wir kein Radio mehr im Auto hören (falls wir überhaupt ein Auto ­fahren, aber das ist eine andere Baustelle). Man informiert sich heutzutage nun mal eben online und grundsätzlich auch mehr so nebenbei. Hat man früher Nachrichten noch ganz aktiv konsumiert – man erwirbt die Zeitung oder wirft den Fernseher an –, werden diese nun eher passiv wahrgenommen. Während man durch den Newsfeed scrollt, filtert das junge Individuum seiner Ansicht nach Lesenswertes aus der Informationsflut heraus – und klickt es dann. Ob dadurch ein einseitiger Medienkonsum zustande kommt? Jedenfalls nicht einseitiger, als wenn ein Generation-Xler Tag für Tag das gleiche Blatt liest. Aber natürlich, es wäre naiv, gar töricht, zu behaupten, dass moderner Medienkonsum ­lediglich Positives, wie die Zeit- und Ortsungebundenheit, mit sich bringt. Immer mehr junge Menschen leiden an Depressionen und Panikattacken. Man kann das jetzt auf generelle Zukunftsängste schieben – was ja durchaus legitim ist und sicherlich auch seine Richtigkeit hat. Ein anderer ­Zugang zur Quarterlife Crisis, die ja vielleicht mit Ersterem in ­Symbiose steht, ist der mediale: Was macht das psychisch mit dir, wenn du ständig damit konfrontiert wirst, wie viel Schlimmes auf dieser Welt geschieht? Wenn die Flut an Informationen primär Verstörendes beinhaltet? Zwingt dich deine empathische Ader in die Knie? Treibt sie dich in die Frustration? Oder schlimmer noch: Stumpfst du ab?

Sind wir unter uns, ist es ganz normal, dass in einer Gruppe jemand zwischendurch sein Telefon zückt. Doch das geht so schnell und routiniert, dass das ­Gespräch weder stockt noch irgendwer die Nase rümpft.

Klischees sind ja so eine Sache und genauso, wie Millennials nicht durch die Bank als stumpfe Bildschirmglotzer verallgemeinert werden wollen, so wollen wir auch nicht über die älteren Generationen lästern. Doch es ist nur logisch, dass mit steigendem Alter meist die Affinität zur Onlinewelt rapide sinkt – Ausnahmen gibt es natürlich auf beiden Seiten. So brauchen viele der „Erwach­senen“, zu denen sich auch ein 25-Jähriger oftmals noch lange nicht zählt (oder zählen will), ein Vielfaches mehr an Zeit und Konzentration für quasi jede einzelne Handlung mit ihrem Smartphone oder sonstigem Endgerät. Schreibt ein Millennial während eines Gesprächs schnell eine Nachricht oder checkt kurz die aktuellen News, lenkt ihn das aufgrund der Natürlichkeit der Abläufe meist kaum ab. Viele ­Angehörige der Generation X hingegen sind oft ganz versunken in die Onlinetätigkeit und projizieren diesen Umstand auf alle anderen – wenn man nebenher mit dem Handy hantiert, sei es doch unmöglich, an einer Konversation teilzunehmen. Für manche vielleicht, ja. Doch sind wir unter uns, ist es ganz normal, dass in ­einer Gruppe oft jemand zwischendurch sein Telefon zückt. Das geht alles so schnell und routiniert, dass das Gespräch weder stockt noch irgendwer pikiert die Nase rümpft. Beim Dinner for Two gilt so was auch unter uns Millennials übrigens als letztklassig – aber jene Unbelehrbaren, die völlig ohne Taktgefühl permanent am Bildschirm hängen, gibt es ­jeden Alters. Weil ein Millennial diese Infoflut quasi als Hintergrundrauschen wahrnimmt und ständig mit halbem Ohr oder Auge automatisch aufsaugt, nimmt er sie meist kaum wahr. Ein großes Thema ist sie eher für alle Non-Millennials, was nicht heißen soll, dass es nicht nötig sei, sich damit zu beschäftigen. Denn die Gesellschaft wird sich unter dem Einfluss dieser Informationsflut garantiert weiter verändern.

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Eines ist gewiss: Bemitleiden muss uns niemand. Ohne Frage, unzählige Nachrichten prasseln quasi durchgehend auf uns ein. Doch auch die Generation X ist vom digitalen Wandel nicht ausgeschlossen. Und ob ein Digital Immigrant die Infoflut besser ­verarbeiten kann als ein Digital Native, darf bezweifelt werden. Also wenn schon bemitleiden, dann am besten jeder jeden. Es sind stürmische Zeiten.

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