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Uhren-Special: Service? Wie jetzt?

Leider wird beim Kauf hochwertiger Zeitmesser nicht ­immer darauf hingewiesen, dass Uhren regelmäßig ­gewartet werden müssen.

Text: Philipp Pelz

Zuerst hat der Wecker viele tausend Euro gekostet. Man trägt die Uhr mit Fassung, aber auch mit Freude, Tag ein, Tag aus. Erlebt schöne Stunden mit ihr, hat jedes Mal Freude, wenn der Blick übers Zifferblatt schweift, wenn man immer wieder neue, subtile ­Details entdeckt. Irgendwann schlägt das Herz plötzlich nicht mehr rund, die Zeiger, so hat man den Eindruck, tun sich schwer, mit dem Lauf der Zeit Schritt zu halten. Uhr kaputt? Wie kann das sein? Darf das denn sein?


Viele, viele Einzelteile wollen geschmiert, geprüft, getauscht oder einfach ­gepflegt werden. Wie hier bei einer Lange 1 Automatik von A. Lange & Söhne. Foto: (c) A. Lange & Söhne

Der Uhrmachermeister erkennt nach einem kurzen Blick auf das Uhren-EKG sofort, was Sache ist. Die hochsensiblen Mikrofone ­eines Spezialgerätes sind in der Lage, die Geräusche, die von der Unruh stammen, in tatsächliche Gangwerte zu übersetzen. Geht die Uhr stärker zurück, als sie darf, und schwingt die Unruh nicht mehr so weit, wie sie soll, dann ist die Diagnose klar. Eine gute und eine schlechte Nachricht gibt es dann: Nein, die Uhr ist nicht kaputt. Aber sie braucht ein Service. Warum denn das? Die Uhr hat doch so viel gekostet, mehr als das Zehnfache einer schnöden Plastik-Swatch, die abgesehen vom Batterietausch aber nie ein Service braucht.

Foto: (c) A. Lange & Söhne

Foto: (c) A. Lange & Söhne

Tja. Mehrere hundert Euro kommen da rasch zusammen bei einer Grundüberholung, bis zweitausend Euro kann der Spaß all-in kosten. Abhängig ist das von der Anzahl der Werkbestandteile. Je komplizierter oder umfangreicher die Funktionen, umso mehr Teile hat ein Uhrwerk. Und bei einer Grundüberholung wird jedes einzelne Teil einer Uhr, also auch das Gehäuse, angefasst, demontiert, gesäubert, eventuell ausgetauscht, wieder montiert, reguliert, auf Wasserdichtheit getestet und auf Ganggenauigkeit kon­trolliert. Eine Mordstrumm-­Arbeit für den Meister. Übrigens mehr als beim ersten Montieren der Uhr. Da entfällt nämlich der Teil der Demontage.

Foto: (c) A. Lange & Söhne

Der Vergleich mit dem Auto, gerne vom Juwelier gebracht, hinkt übrigens. Beim Fahrzeug geht es um lebenserhaltende Systeme, was man beim Zeitmesser eher nicht behaupten kann. Dennoch: Was bringt die schönste Armbanduhr, wenn sie nicht mehr läuft? Es möge also jeder Ver­käufer luxuriöser Handgelenksbegleiter es als seine Aufgabe ­sehen, auf die Notwendigkeit ­regelmäßiger Servicearbeiten gleich beim Verkauf hinzuweisen. Dafür können sich hochwertige mechanische Zeitmesser im Gegensatz zur „Plastikuhr“ oder auch zur hochmodernen Smartwatch ihrer Obsoleszens auch auf Jahrzehnte hinaus entziehen. Und das gelingt eben nur dank regelmäßiger Wartung.