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Rückblick: So schön, schön war die Zeit …

Na klar war früher alles besser. Das Fernsehen, die Politiker, die Autos, das Wetter, das Essen beim Wirten, die Mädels in den Discos. Und die Menge an Restgeld, die man am Ende des Monats noch über hatte. In Schilling, versteht sich. Damals gab es noch Geld für Leistung und nicht umgekehrt. Es lohnte sich, zu arbeiten, weil noch genug Zeit zum Leben blieb. Unser Smartphone hieß Vierteltelefon, unser Facebook Tagebuch. Und rauchen durfte man auch noch überall. Wo sind die Zeiten geblieben …

Text: Franz J. Sauer

Die rosarote Brille, sie steht mir allzu gut, wie ich finde. Ich stehe kurz vor der Midlifecrisis, was Rückschlüsse auf mein Alter zulässt. Und ich kann mich noch ­erinnern, wie das alles begann. Das mit dem Internet, das mit den Handys, das mit dem ganzen Social Media. Und das mit der all­umfassenden Bevormundung, kaum hatte man Freude oder Spaß an irgendetwas.


So schön schön war die Zeit. Durch die rosarote Brille ins Gestern schauen. Foto: (c) Marek Juras, poetryphotos.com; Bearbeitung: Verlag

Tatsächlich gestaltet sich anno 2019 ein Rückblick um gerade mal 35 Jahre wie eine Zeitreise in ein vergangenes Jahrtausend. Wenn etwa Nachbarin E. telefonierte, hatte meine Mutter eine harte Zeit. Es bedeutete nämlich, dass sie nicht telefonieren könnte, falls sie es denn müsste oder wollte. Dass sie selbst mit Sicherheit diejenige war, die unseren Viertelanschluss am allermeisten, allerausdauerndsten und vor allem allerlängsten benutzte, blendete sie mit der Grandezza einer Opernsängerin aus. Irgendwann bekam man dann gegen Aufzahlung ein Tastentelefon von der Post, der Vorgänger-Organisation des heutigen A1, oder wie der Verein gerade heißt. Und irgendwann wurde auch unser Vierteltelefon zu einem Ganzen; allerdings nicht, weil mein geiziger Vater etwas aufgezahlt hätte; nein, die anderen drei Viertelkollegen meiner Mutter hatten sich entnervt jeweils zu Einzelanschlüssen entschlossen.

Graues Telefon mit Wählscheibe anno 1969. Foto: (c) Rogge/ullstein bild via Getty Images

Oder das Fernsehen. Vor 35 Jahren hatten wir gerade mal seit drei Jahren ein Farbfernsehgerät im Haus, das uns das Programm von FS1 und FS2 ins Wohnzimmer spülte. „Dalli Dalli“ war am Donnerstag, „Wetten dass …“ und „EWG“ spielte es am Samstag, und natürlich waren zu derlei Anlässen die Straßen leergefegt. Bei „Wünsch Dir was“ mit Dietmar Schönherr und Vivi Bach hatte man noch wenige Jahre zuvor Abstimmungen durch das Fernsehpublikum per Wasserlassen am Lokus abgehalten – und das Wasserwerk meldete, bei welcher ­Frage der Verbrauch stärker angestiegen war. Komm heute mal auf so eine Idee.

Hans-Joachim Kulenkampff beim Autogramme;schreiben in der ARD-Quiz-Show „Einer wird;gewinnen“. Foto: (c) Peter Bischoff / Getty Images

Klar war das Trinkwasser-­Verschwenden schon damals ein Wahnsinn, Hunger und Dürre gab es schließlich immer schon. Natürlich ist die Programmauswahl heute tausendfach höher als damals, allerdings – findet man heute wirklich öfter etwas, das man sehen mag? Gut, keiner muss heute mehr eine Woche lang auf die Auflösung eines Cliffhangers beim Serienschauen warten, „Binging“ gab es nicht. „Wer erschoß J.R.?“, das waren halt noch Gesprächsthemen am Stammtisch und in der Mittagspause. Und ja, zuge­geben, das Kinderprogramm ist heute auch erquicklicher als der Psychoterror, dem man sich damals bei Niklas, Wickie, Heidi, Perrine oder einer dieser anderen in Japan gezeichneten späteren Emanzen mit Kindheitstrauma hinzugeben hatte. Als Betthupferl gab es dann auch noch den grauslichen Fips. Na danke.

Man ging in die Bank, eröffnete ein Konto, räumte seinen Anfangsdispo leer und spielte das gleiche Spiel in drei weiteren Banken.

Klingt doch alles wie direkt aus der Steinzeit, oder? Hier noch ein Nachschlag: Meine erste Bankomatkarte erhielt ich Anfang der Neunziger und war damit in meiner Blase so was wie ein Early
Adopter. Damals hatten sich viele Menschen ihr Monatsgehalt noch bar auszahlen lassen, oder aber selbst inkassiert, wenn im Außendienst tätig. Heute machte einen so ein Verhalten gleich mal verdächtig. Überhaupt kam man wesentlich einfacher an Geld als heute, zumal die Banken in jenen Tagen mit Verve um junge Kunden buhlten. So ging man in Bank A, eröffnete ein Konto, räumte seinen Anfangsdispo (meist 10.000 Schilling) leer und – ging zur nächsten Bank B, wo man das gleiche Spiel durchzog. Nach vier solcher Touren, bei denen übrigens niemand etwa Böses annahm oder gar misstrauisch wurde, setzte man sich ins erste Auto und brach auf nach Jugoslawien. Dass man von September bis Mai die angehäuften Schulden Bank für Bank wieder abtragen müsse, daran wurde im feinen Sommer­ulaub ohne Hautcreme-Hysterie keine Sekunde gedacht. Geschlafen wurde am Strand, gecampt am Parkplatz, und wenn dir deine Karre verreckte, fuhrst du einfach per Autostop zurück nach Wien, angstfrei versteht sich.

Rauchen konnte man überall, sogar im Flieger. Was uns heute daran erinnert, dass Fliegen einst etwas Exklusives, Außergewöhnliches, Luxuriöses war, das man sich einmal alle zwei, drei Jahre gönnte. Und nicht so schnell mal übers Wochenende. Foto: (c) Chuck Nacke / The LIFE Images Collection / Getty Images

Wann haben Sie das letzte Mal unbeschwert geraucht? Ich meine, so richtig ohne Hintergedanken. Ohne schon vom eigenen Packerl an die Gefahren des Tuns erinnert zu werden, also ohne permanent an den drohenden Lungenkrebs zu denken? Und ohne sich beim Auspusten sogar im Schanigarten hysterisch-wachelnde Gesten irgendwelcher US-Touristen ansehen zu müssen, die ihren Glimmstängel ernsthaft und ohne Polemik als Mordwaffe wahrnehmen? Ehrlich, heute macht Rauchen keinen Spaß mehr, da kann man gleich damit aufhören. Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen, wie ich mir am Flug von Kapstadt nach Wien in der Business Class ein Packerl Lexington aufriss und dessen Inhalt genüsslich dezimierte. Mehr gestunken als heute hat es damals auch nicht in so einem Flieger, eher im Gegenteil. Und wenn ­einem die Stewardess dann ein Glaserl Whisky vorbeibrachte, gegen das Unbehagen nach Turbulenzen und fürs bessere Einschlafen, ja dann kam das in einem echten Glas, wie in der Cocktailbar. Das Essen im Flugzeug hatte was Larmoyant-Luxuriöses, wie überhaupt die ganze Fliegerei sich auf einem Preisniveau abspielte, das sich eben nicht jeder Schnitzlfritzl leisten konnte. Die Folge: ordentlich Abstand zwischen den Sitzen, vornehme FlugbegleiterInnen, ordentliche Flieger. Und vor allem auch: freundliches Bodenpersonal, das nicht automatisch und von vornherein davon ausging, in dir den Terroristenfang des Jahrhunderts gemacht zu haben.

Fliegen fand aus Kostengründen vielleicht einmal alle zwei Jahre statt, also fuhren wir mit dem Auto oft längere Strecken. Und genossen gut gepflegte Autobahnen, deren Belag nicht von Tausenden LKWs im Ost-West-Verkehr zerdrückt wurde, was ­natürlich auch die Flüssigkeit des Verkehrs förderte. Wer damals unter 200 am „Bandl“ fuhr, der sollte davon zumindest nichts seinen Freunden erzählen. Autos hatten überschaubare Kraft, bloß ein Porsche hatte mehr als 250 PS. Als Schätzinstrument dafür, wie viel zu schnell man unterwegs sei oder nicht, diente übrigens bloß das „geeichte“ Auge des Herrn Inspektor, was bei der Anhaltung entsprechenden Diskussions­spielraum gab.

Autos gehören eigentlich zum kulturellen Stadtbild dazu. Sie sind Zeichen ihrer Zeit, bilden Fortschritt ab. Fahrräder waren übrigens auch schon damals cool, allerdings als sportliche Statussymbole, nicht als Ausdruck irgendwelcher Ideologien. Foto: (c) INSPiKED / Karl Prucha

Fahrräder waren übrigens schon damals cool. Allerdings galten sie als sportliches Statussymbol und nicht als Trägermedium einer Ideologie, die jede und jeden, der es wagte, anderer Meinung zu sein, zum Unmenschen stempelte. Radwege gab es auch keine, und wenn, dann endeten sie nicht im Nirgendwo. Aber was hatte man auch mit einem Fahrrad in der Innenstadt verloren? Die Kärntner Straße wurde 1974 zur Fußgängerzone gemacht, ich kenne Autos vorm Steffl (der Kirche und dem Kaufhaus) also nur von Bildern. Und ich muss ganz ehrlich sagen – die gefallen mir. Überhaupt empfinde ich parkende Autos nicht als Schandfleck, sondern als kulturell wichtige Bestandteile eines urbanen Lebens. Und ad Schadstoffe: Ich kann mich übrigens noch an das Aroma an stark befahrenen Straßen von vor 1987, also vor Einführung der Katalysatorpflicht, erinnern. Ein tiefer Lungenzug der Luft von damals und man erfährt körperlich, was Fortschritt bedeutet. Bloß die großen Frachtschiffe, die uns heute allerlei per Amazon bestellten Ramsch aus China liefern, dürfen heute noch so ungefiltert ihren Dieselruß ausstoßen wie damals die Autos auf der Straße. Und davon freilich das Tausendfache.

Als Schätzinstrument dafür, wieviel zu schnell man unterwegs war, diente bloß das „geeichte“ Auge des Herrn Inspektor.

War früher wirklich alles besser? Natürlich nicht. Es ist bloß in der Erinnerung romantisch, dass man seinen Lieben per Zettel am Esstisch mitteilte, wann man gedenke, heimzukommen. Klar kam es der Work-Life-Balance zugute, nur direkt am Schreibtisch telefonisch erreichbar zu sein, rein workflowtechnisch war es ein Desaster. Ebenso wie es ganz schön ins Geld ging, wenn bei einem 36er-Film höchstens zwei oder drei brauchbare Fotos der Output waren, was man auch erst nach ein paar Tagen erfuhr. Umweltschutz, Frauenrechte, Flüchtlinge? Von Ersterem hatte man gehört, für Zweiteres erwärmte man sich als Kavalier der alten Schule. Und die Dritteren versteckten sich hinter einem solide geknüpften, Eisernen Vorhang, an dem Zöllner das Selektieren erledigten, weit weg von daheim. Weshalb man sich dort, im urbanen Bürgertum, herrlich weltoffen geben konnte. Und zu Weihnachten spendete man bei Licht ins Dunkel.

Was ich mir von der Zukunft wünsche? Neben der Heilbarkeit von Krebs und Ähnlichem eine funktionierende Zeitmaschine. Mit der ich mich gelegentlich, wenn’s im Jetzt mal wieder zu viel wird, ins Jahr 1979 beamen lassen kann. Um mir dann im Damals von allen erzählen zu lassen, dass früher alles besser war.

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