Buch

WIENER Buchtipp: „Eiswelt“ von Jasper Fforde

Jakob Stantejsky

Ein Gedankenspiel: Stellen Sie sich vor, die Eiszeit wäre nie so richtig zu Ende gegangen, die Spezies Mensch aber dennoch ir­gendwann mal mit der ihr eigenen Gründlichkeit über den Planeten hergefallen. Während der dunklen Wintermonate sinken die Tempe­raturen auf erfrischende minus 50° C, vorzugsweise begleitet von erdrückenden Schneemassen und Eisstürmen, die einem die Haut von den Wangen fräsen. Um unter derartigen klimatischen Bedin­gungen zu überleben, greift die Menschheit auf eine bewährte Strategie zurück: den Winter­schlaf.

Bevor es allerdings für drei Monate in eine der flächendeckend verfügbaren, Dormitorien genann­ten Schlafburgen geht, sollte man tunlichst darauf achten, sich üp­pige Fettreserven anzufressen und die pelzige Körperbehaarung schön dicht zu halten. Denn auch wenn die Technik der Hibernation selbst in den billigeren Dormitori­en recht ausgereift ist, ganz unge­fährlich ist sie nicht. Wobei der letale „Winterschwund“ unter­ schiedliche Ursachen hat. Unterernährung, Schlafstörungen und Wahnsinn zählen da ebenso dazu wie marodierende Schurken, Womaden und ähnliche Unan­nehmlichkeiten. Und Träume natürlich. Eine besonders heim­ tückische Gefahr, weil sie den friedlich Schlummernden wert­ volle Energie abzapfen.

Aber wie gesagt, nicht alle schlafen im Winter. Zu den Hasar­deuren, Revoluzzern, Träumern und sonstigen Kreaturen, die sich in verschiedensten Stadien der Degeneration durch die Kälte schleppen, gesellen sich noch jene, die beruflich wach bleiben. Etwa die Portiere der Dormitorien. Oder die Winterkonsule, die für Recht und Ordnung sorgen sollen, sobald der Letzte das Licht aus­gemacht hat.


Einer von ihnen ist der junge Charlie „Matschbirne“ Worthing. Nachdem ihm sein Ausbilder im Zuge eines kleinen Impulswaffen­-Scharmützels wortwörtlich um die Ohren fliegt, strandet Charlie ausgerechnet im berüchtigten Sektor 12, der noch dazu völlig von der Außenwelt abgeschnitten ist. Trotzdem stellt sich Charlie seinem offiziellen Auftrag: Er soll einem subversiven Traumvirus auf die Schliche kommen …

Streng genommen ist „Eiswelt“ das, was im Fachjargon in aller gebotenen Sperrigkeit „Alternativ­weltgeschichte“ heißt. Der Unter­schied zu herkömmlicher Fantasie­literatur: Die Plots definieren in­nerhalb der Weltgeschichte einen bestimmten Divergenzpunkt, an dem die Realität eine Abzweigung nimmt, und stellen dann die Frage: „Was hätte sein können, wenn …?“

Weniger streng genommen ist „Eiswelt“ ein weiterer Beleg da­für, dass dem Bestsellerautor Jas­per Fforde mit konventionellen Genre­-Kategorien einfach nicht beizukommen ist. Bereits mit sei­ner genialen „Thursday Next“­-Reihe, in der Fforde ein munteres Kommen und Gehen zwischen der Welt der Literatur und der Wirk­lichkeit inszeniert, bewies der Bri­te, 1961 in London geboren und eigentlich Kameramann, dass er sich in derartigen Parallelgefilden glänzend zu orientieren weiß. Vor allem weil er das oberste Gebot der angewandten Skurrilität stets befolgt: Werde nie zum Selbst­zweck. Stilistisch brillant, sehr britisch und sehr, sehr lustig. Im Übrigen bin ich mir ziemlich si­cher, dass Jasper Fforde viel Zeit mit Monty Python verbracht hat.

Jasper Fforde „Eiswelt“. Deutsch von Kirsten Borchardtn, 656 Seiten, Verlag: Heyne, ET: 11/2018