AKUT

Pleased to meat you … again.

Jakob Stantejsky

Bis vor zehn Jahren veröffentlichte sie im WIENER die Sexkolumne „Pandoras Box“: Provokativ, promiskuitiv, prachtweiblich. Auch heute ist Pandora immer noch fleischeslustig. Aber eben auch: gut abgelegen. Im Meat-Monat Mai schreibt sie wieder für den WIENER. Über all das, was sich punkto Fleischeslust in einem Jahrzehnt verändert hat.

Text: Janina Lebiszczak unter Einfluss von Pandora Reithermann / Fotos: Ursula Schmitz

Die Moral


SCHWANZ. Ich wollte dieses Wort einfach mal gelassen groß ausprechen. Darf man heute noch Schwanz schreiben? Sagen? Denken? Schlucken? Oder ist das antifeministisch, eine Unterwerfung? Ich höre es an allen Ecken und Enden: eine neue, moralinsaure Prüderie soll ins Land gezogen sein. Verbotsgesellschaft und so. Neo-Biedermeier. Puh. Was soll ich sagen.

Was ich nicht mag: Wenn Kunst verhüllt wird, weil sie nackte Menschen zeigt. Wenn man seinem Kleinkind nicht die Genitalien waschen darf, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Wenn Spielzeug wieder klar in Blau und Rosa gegendert wird. Wenn Facebook Nippel zensiert, aber Gewalt zeigt. Wenn Teenager in der Schule keine Tanktops tragen dürfen, weil man offensichtlich davon ausgeht, dass alle Männer ausnahmslos primitive Tiere sind. (Das werden sie übrigens auch so lange bleiben, so lange wir ihnen das vermitteln. Ja, es gibt Arschlöcher, aber es gibt auch gute und hilfsbereite Typen da draußen.)

Also doch Schwänze und Nippel. Die Crux dabei: Die will ich dann auch nicht immer ungefragt vor meiner Optik, meiner Timeline, auf meinem Display aufpoppen sehen. Das ist ja wie kollektives Dick-Pic-ing. Dieses dauernde „In your Face, ich bin so geil, ich bin so empowered“. Die fleischeslustige Pandora von 2019 stellt sich ebenso gegen Moral­apostel wie gegen die platte
Underfucktitis allernorts und übrigens auch die sinnbefreite Darstellung von Frauenkörpern; Nein, man muss nicht eine Nackerte herzeigen, wenn man LKW-Planen bewirbt.

Was darf man heute noch sagen? Lulu? Zumpf? Rute? Muschi? Im Parlament ist „Beidl“ als Synonym für Gewerkschafter nicht so toll, fand man letztens heraus. Nicht alles, was unter Freunden ein garantierter Schenkelklopfer ist, geht überall. Und bei „Fut“ scheiden (sic!) sich sowieso die Geister. Ich brauch’s nicht so.

Einfach wär’s, jetzt ganz einfach zu schreiben: „Früher war es einfacher. Da waren Mannda noch Mannda und Weibal noch Weibal, wie es dieser Austro-Hilly-Billy einmal formulierte. Und ja, das Pendel schlägt manchmal zu schroff aus, wenn die Betroffenheitsgesellschaft ächzt. Wenn es nur ums Gewinnen, ums Überlegensein geht, nicht um den Konsens. Aber glaubt mir, das wird wieder. So wie wir jetzt durch die Katharsis des Rechtsruckes müssen, werden wir auch den übertriebenen Moralmist überstehen. Das gehört ja auch irgendwie zsamm. Also regt euch ab.

Die Männer, meine

Viele Frauen Ü40 haben wenig überraschend den Geschmack an jüngeren Männern gefunden – was völlig nachvollziehbar ist, schon allein, weil es auf sehr viel Gegenliebe stößt. Die gefühlte Wahrheit: Mehr jüngere Männer stehen auf ältere Frauen als umgekehrt. Hihi. Ich kann allerdings, was mein Beuteschema betrifft, kein Pauschalurteil abgeben. Letztens habe ich ein G’spusi aus Pandorazeiten wiedergetroffen, der war mit seinem bacchantischen Körperbau und dem graumelierten Dreitagebart immer sehr hot. Und die Jungen sind so wundervoll begeisterungsfähig. Grad heraus: Ich mag Männer immer noch sehr gerne. Vor zehn Jahren? Hajde! Wilde Zeiten. Erst der Batzen-­Bauchfleck mit dem Narzissten, dann der Versuch, den Nachfolger vom Saufen wegzubekommen. Ein Desaster. Ganz große Klasse, Pandora.

Man sieht schon, ich habe mich weiterentwickelt, wenigstens. Das passiert übrigens automatisch, wenn man sich selbst weiterent­wickelt, und deswegen ist Älterwerden nicht das Allerallerschlimmste auf der ganzen, großen, weiten Welt, so wie immer alle tun. Noch etwas Befreiendes bringt das „Alter“: Ab und an reicht mir heute schon ein bissl männliche Energie ganz ohne Penetration. Zu wissen, was man will, weil man es wirklich will, und nicht weil man glaubt, es wollen zu müssen, ist großartig. Gelassenheit heißt so was. Das Leben ist schön.

Die Dates

Manchmal erschauere ich beim Gedanken daran, wie mein Sexleben verlaufen wäre, wenn es in meinen hyperaktiven Jahren bereits Tinder gegeben hätte. Ich kann förmlich spüren, wie alle möglichen teuflischen Krankheiten meine Beine entlang nach oben kriechen, um Pandoras Box in einen giftigen Tümpel zu verwandeln, in dem siebenäugige Mutantenfische schwimmen. Ein Klick, und man befindet sich in einem virtuellem Bordell. Unlängst ist es wieder passiert. Ich war mit einer Freundin aus und wir hatten beide artig Prosecco getankt. Am nächsten Morgen stellte ich mit Schrecken fest, dass ich under Influence im Taxi heimwärts halb Tinder nach rechts geswipt hatte. Musste vor Schreck sofort die ganze App löschen. Mein einziges und sicher auch letztes Online-Date war übrigens eigenartig. Nettes Essen, nette Unterhaltung, toller Wein, aber definitiv kein Vibe zwischen uns, absolutely no Sexdrive. Dann beginnt der Typ meinen Rücken und meine Schenkel zu streicheln, gleich recht weit oben. Ich bin eine große, starke Frau, mein erster Impuls war, ihm alle Finger zu brechen. Das geht doch nicht, das ist doch widerlich, I did not signal! Ich habe den ganzen Heimweg über deutlich hörbar Kotz- und Reckgeräusche von mir gegeben, erst da hat er kapiert. Scheinbar macht Online-Dings noch unsensibler als real life.

In einem Punkt habe ich mich übrigens nicht verändert. Wenn ich einen Mann will, klemme ich mich dahinter. Ich sehe immer noch nicht ein, warum ich nicht Begeisterung vermitteln darf, wenn ich sie empfinde – nur wegen so einem dummern Steinzeitspiel, bei dem sich die Frau in keuscher Zurückhaltung üben muss. Geduld ist immer noch nicht meine Tugend. Aber zumindest hab ich gelernt, mal drüber zu schlafen. Alleine.

Und noch was: Ich kann mit einem „Nein“ mittlerweile wunderbar umgehen. Ich wurde nicht dazu geboren, dass mich jeder beschlafen will.

Der Sex

Seltener, aber besser als früher. Was aber ziemlich sicher auch daran liegt, dass es Zeiten in meinem Leben gab, in denen ich von unersättlicher Neugierde getrieben in allen Möglichen Kopulations-Konstellationen landete. Das Leben war ein Candyshop, let me lick the Lollipop. Abonnenten, kramt eure alten WIENER hervor: Da waren ein paar Schmankerln dabei. Ich kann nicht behaupten, dass ich etwas bereue. Es hat meiner Seele, wie von einigen Frauen prophezeit, auch nicht geschadet. Ich weiß heute, was mir Spaß macht und was nicht. Darüber schreiben würde ich allerdings nicht mehr. Weil damals, unter dem Print-Artikel, standen keine Hasspostings. Soll heißen: mit dem ganzen Feedback nowadays im Netz könnte ich nicht umgehen. Außerdem glaube ich, dass die Zeiten der Sexkolumne sowieso vorbei sind. Du musst nur auf Insta gehen und siehst perfekte Schönheit, du klickst auf einen Internetporno und siehst perfekte Schwänze und Muschis. Außerdem jede sexuelle Spielart, die es auf dieser verqueren Welt gibt. Höher, weiter, besser, mehr. Wer braucht da noch wen, der darüber schreibt? Aber fest steht: Pandora war eine Gute. Die nicht nur sich, sondern auch andere befreien wollte.

Daß es nix wie nervt, wenn irgendjemand glaubt, dass Frauen im Bett zu Tode gestreichelt werden wollen, nur weil wir jetzt halt lauter als zuvor gleich viel Gehalt für gleiche Arbeit verlangen, schrieb ich schon dereinst regelmäßig – und das gilt für heute noch viel mehr! Merkt euch, Jungs: Das eine hat mit dem anderen Nüsse zu tun. Sex mit einer emanzipierten Frau ist großartig. Niemand ist fridige, niemand verwehrt sich, solange es nach seinem freien Willen geht. In habe damals schon im Vorwort geschrieben, dass es nichts gibt, was pervers, lächerlich oder abscheulich ist, solange alle Beteiligten, einverstanden sind. Das gilt auch heute immer noch. Und kann ja nicht so schwer sein.

Klartext: Nehmt uns hart, ihr wilden Hengste! Und falls ihr da unsicher seid: Fragt einfach nach.

Die Männer, generell

Die haben sich definitv verändert. Der vieldiskutierte neue Mann ist aber kein Klischee und schon gar nicht ein Hipster-Dad mit Dutt und Baby im Öko-Wickeltuch. Ein neuer Mann muss auch nicht automatisch politisch links stehen. Er ist weder verweichlicht noch orientierungslos, sondern authentisch und mutig genug, sich allem zu stellen, was ihn selbst und die Frauen an seiner Seite schwächt. Die klassischen Rollenbilder – ja, die haben ausgesorgt – und das verunsichert, verständlicherweise. Es wird eine Zeit dauern, bis wir – und da nehme ich die Frauen nicht aus – verinnerlicht haben, dass es im Zeitalter des neuen Mannes nicht verboten ist, sich als Familienvater und Alleinverdiener ebenso wohlzufühlen wie als philantroper Pansexueller. Werte wie Loyalität, Mut, Aufrichtigkeit und Herzensbildung verfallen nicht. Der neue Mann soll sich nun auch den modernen Herausforderungen stellen: Kinder versorgen, Haushalt schupfen, putzen, kochen. Gut so. Nur: Dass man alles können muss, jederzeit, immer – und Frauen wissen, wovon die Rede ist –, kann nicht die Lösung sein. Zwei deutsche Sozialwissenschaftlerinnen fassen in ihrem Buch „Wenn der Mann kein Ernährer mehr ist – Geschlechterkonflikte in Krisenzeiten“ zusammen, dass im wertkonservativen Milieu die Aufgabenverteilung oft sogar eher fair verläuft – wegen der starken Orientierung auf Gemeinschaft. Vielleicht liegt hier ein Teil der Lösung, auch für moderne Beziehungen: Sich in den anderen hineinversetzen, gemeinsame Interessen finden, Aufgaben gemeinsam verteilen und nicht nur an sich selbst denken. Solidarität. Eigenverantwortung. Liebe ist für alle da.