KULTUR

Die Narrenfreiheit der Kunst – aktionstheater ensemble

Neli Peycheva

In der Uraufführung „Wie geht es weiter – die gelähmte Zivilgesellschaft“ stellt das aktionstheater ensemble ein collagenähnliches Panorama der österreichischen Gesellschaft dar. Mit alldem Überfluss an Themen, womit sich die Gesellschaft beschäftigt, gerät sie dann letztlich in eine Schockstarre. Völlig gerecht versucht das Ensemble ins Detail zu gehen, um die Frage zu ergründen, was uns demokratiemüde macht. Das Stück, das ein sehr starkes Statement für die Liebe und das soziale Engagement vom Regisseur Martin Gruber und dem ganzen Ensemble Österreich gegenüber ist, wurde vom 4. 6. – 7. 6. in Dornbirn/Bregenz aufgeführt, und konnte noch vom 12. – 16. 6. 2019 im WERK X, Wien gesehen werden.

„Theater, oder die Kunst im Allgemeinen, hat die Möglichkeit „auszuprobieren“. Ich sehe es durchaus als Verpflichtung, das Anarchische zu probieren. Das Ausloten des Möglichen, das Überschreiten von Grenzen, ohne dass jemand Schaden nimmt. Das machen wir freilich auch stellvertretend für das Publikum.“
– Martin Gruber

Im November 2018 haben wir den Regisseur Martin Gruber anlässlich des 30-jährigen Jubiläums seines für soziales Engagement, hohe künstlerische Leistung und brennende Aktualität der Themenauswahl mehrfach ausgezeichneten Aktionstheater Ensemble im Gespräch getroffen (hier der Link zum Interview…….). Schon damals wurde das neue Stück „Wie geht es weiter – die gelähmte Zivilgesellschaft“ vorangekündigt. Bis das Stück uraufgeführt wurde, haben die gegenwärtigen politischen Geschehnisse in Österreich so eine Brisanz erlangt, dass sie nicht nur auf künstlerisch-ästhetischen Bühnen, sondern auch im realen gesellschaftspolitischen Kontext nicht mehr zu ignorieren sind. Dass das aktionstheater ensemble schon immer ein feines Gespür gerade für die Wundstellen in der Gesellschaft gezeigt hat, bleibt unbestritten.


aktionstheater ensemble berührt: Wer sind wir?
Es zieht uns unverblümt aus der Bequemlichkeit unseres schönen Daseins hinaus in die kantige Bühnenrealität, in der Wort, Ton und Körperbewegung in der Form eines sich gegenseitig ergänzenden collagenhaften Ganzen – einer eigenen Ästhetik – pointiert eingesetzt werden, um uns letztlich daran zu erinnern, wer wir sind. Und dies gerade in dem Moment, in dem wir eh dazu geneigt wären, uns vorzugaukeln, dass das gesellschaftlich-politische Vakuum, das Platz für den Rechtspopulismus schafft, doch ach so befriedigend sein kann, solange wir uns fern von allem halten und hinter den Mauern unserer subjektiv konstruierten, überschaubaren, auch wenn nicht besonders erfüllenden Mikrowelt relativ gut aufgehoben sind. Die Verlockung der vermeintlichen Sicherheit. Die Abkapselung eines gelähmten Ich. Schon wieder bleibt das aktionstheater ensemble seinem Vorsatz treu, sich direkt und gnadenlos mit dem Hier und Jetzt auseinanderzusetzen, weil das Theater das Refugium ist, „wo es darum geht, subversiv sein zu können“, so der Regisseur Martin Gruber im Interview für den WIENER. Und wer sonst als die Kunst hätte das Privileg, eine besondere Narrenfreiheit zu genießen, indem sie unbequeme Fragen aufwirft, die unseren Blick auf uns selbst richten, ohne dabei die Rolle einer Moralanstalt zu übernehmen? Auch in seiner Neuaufführung packt uns aktionstheater ensemble an die Schultern und erschüttert uns dermaßen stark, in dem es uns schonungslos den Spiegel vorhält, dass es für uns nach dieser Blitz-ähnlichen Begegnung kristallklar wird, wie eingeengt wir in unseren egozentrischen Haltungen sind und, was noch wichtiger ist: plötzlich erinnern wir uns, dass wir MEHR sind als das, was von uns real gehandelt, gesprochen, gelebt wird. In dem Augenblick bekommen wir, die im Publikum sitzen, Farbe. Die Welt bekommt Farbe. Unsere Emotionen und Gedanken werden vielfarbig.

Die Vereinbarung des Unvereinbaren
In „Wie geht es weiter – die gelähmte Gesellschaft“ tritt als Erste Michaela auf die Bühne und verfällt zugleich in einen Moment schonungsloser Entblößung: „Bis ich 23 war, habe ich nie masturbiert.“ Neben persönlichen Beichten reihen sich gesellschaftlich-politische Themen aneinander: „Umweltschutz ist ein Riesenthema bei uns. Soziale Gerechtigkeit ist ein Riesenthema bei uns. Globalisierung ist ein Riesenthema bei uns. Faschismus ist ein Riesenthema bei uns. Afrika ist ein Riesenthema bei uns. Selbstbefriedigung ist ein Riesenthema bei uns.“ Alles Angesprochene, von der kleinsten Belanglosigkeit bis zum global Relevanten, scheint „ein Riesenthema“ zu sein, wobei „Riesen-“ an sich auch die totale Überforderung sowie das Versagen des Individuums beinhaltet, all die „Riesenthemen“ zu meistern.

Aus der Vereinbarung des scheinbar Unvereinbaren – der Vermischung des Persönlichen mit dem gesellschaftlich Relevanten, der Verflechtung des Irrationalen mit dem Rationalen, der Involvierung von inneren und äußeren Zuständen – entsteht ein komischer Kontrast, der in Selbstironie mündet. Andererseits bewirkt die räumliche und zeitliche Nähe zu den ZuschauerInnen, die durch die direkte Ansprache oder das Verlassen der Bühne und Hinübertreten zum Publikum erzeugt wird, Zustände und Verhaltensweisen, die eine Identifizierung ermöglichen. Wenn es darum geht, Mängel zu ironisieren, fängt man immer bei sich selbst an. Weil diese Extreme real unseren Innenraum bewohnen, sind sie ein Teil von uns; weil man daran nur zu gut ablesen kann, wie kompliziert und widersprüchlich der Mensch in seinen Reaktionen ist, und dass die Gesellschaft nur seine Projektion ist.

Nach Michaela erscheinen die anderen fünf DarstellerInnen auf der Bühne: Maria, Andreas, Thomas, Fabian, Benjamin. Sie alle haben ihre großen Themen, denen sie eine ganz besondere personale Bedeutung beimessen und die sie immer wieder vehement verteidigen. Selbstbefriedigung, LED und Recyceln in Afrika, Vorlieben für Schokolade, Ballett und Hula Hoop, Unterstützung von den Eltern, Mietpreise, Mars als Alternative zum Leben auf der Erde, Ötztal als Zufluchtsort, „Man“-Männer, Wollust, Umgang mit Autoritäten und, selbstverständlich, Österreich. In einem zweiten Plan bieten globale Themen wie Homophobie, Selbstbezogenheit, Faschismus, Infantilität die Kulisse für die Überlegungen und Reaktionen der DarstellerInnen auf der persönlichen Ebene.

„Mir geht’s um Österreich!“
Dem Regisseur Martin Gruber gelingt es mit Feinfühligkeit und viel Liebe für dieses Land genau jene schmerzlichen Fragen zu formulieren, die unter den Nägeln brennen. Diese Fragen werden irgendwie nebenbei mitten in einem Thema artikuliert, was ihre Wirkungskraft steigert und sie wie rote Fäden vom Wortfluss abhebt. Sie treffen direkt unsere Wundstellen und hinterlassen einen tiefen emotionalen Nachklang beim Publikum:

„Warum haben wir so viele Nazis in Österreich? Wie geht es dir in Österreich? Wo ist denn die Mitte?“ – Fragen, die, einmal laut ausgesprochen, uns unter die Haut gehen. Genauso zutiefst zerreißend ergeben sich die Antworten darauf: „Das Kosmopolitische liegt nicht in unserer Natur. Es gibt keine Mitte mehr. Mir geht’s um Österreich. Man versinkt knietief im braunen Morast, da muss ich immer an Österreich denken.“

„Wir“, „dir“, „mir“, „ich“… Ein bewegendes Spiel, das authentisch wirkt und den Menschen in den Mittelpunkt rückt.

Text, Musik, Choreographie und Videoprojektion
Der Text, basierend ursprünglich auf persönlichen Geschichten und Statements, wird wie in früheren Arbeiten des Ensembles von Martin Gruber ergänzt, kontrastiert, pointiert – „verdichtet“.
Die mehrmaligen Wiederholungen einer und derselben Phrase schaffen die Vorstellung eines dauerhaften Zustandes endloser Eintönigkeit, die immer wiederkehrenden Themen bleiben ohne Lösungsvorschläge, und das Gefühl der Unreife und Infantilität, mit denen man an sie herangeht, bleibt in der Schwebe. Durch das erneute mehrmalige Betonen desselben wird ein verkrampfter Existenzzustand kreiert, der die Charaktere daran hindert, in die Tiefe zu gehen. Ein Spiegelbild von uns selbst.

Sehr gelungen wird die Oberflächlichkeit demonstriert, mit der die Sprache in Gesellschaft und Politik eingesetzt wird. Worte betrachtet Michaela einzig und alleine als eine einfache Ansammlung von Buchstaben, die eine gerade oder ungerade Zahl ergeben. Somit werden Worte ihres Sinns entkleidet, in ihrem ursprünglichen Wert herabgesetzt und neuen Funktionen untergeordnet, etwa als Mittel zur Manipulation und Erreichung eines beliebigen Ziels: Beim Buchstabenzählen zählt etwa ein i-Punkt doppelt. „Wenn es eine gerade Zahl ergibt, dann ist es ein gutes Wort“, sagt Michaela. Dasselbe einfache Zählen entscheidet also sowohl für ethische Kategorien wie „gut“ und „böse“ als auch für globale Konzepte: „Faschismus geht sich aus“, fügt Michaela hinzu. „Weltfrieden geht sich nicht aus.“

Wenn Benjamin in seiner Unzufriedenheit den Autoritäten gegenüber ausrastet und die Emotionen bei ihm aufkochen, switcht er unbewusst zum Dialekt – der Sprache, die ihm am nächsten steht und in der er seinen emotionalen Schmerz am besten artikulieren kann. Intensive Emotionen finden ihren Weg immer durch die Sprache, zu der wir die stärkste emotionale Bindung pflegen.
Der Schmerz geht in einen endlosen Schrei hinüber, der von Pete Simpsons Gesang aufgenommen und in die Höhe getragen wird, er widerhallt in seiner live Performance, tiefeindringend, erschütternd, wachrüttelnd.

Ein ganz besonderes Lob geht auch an Kristian Musser für die Musikkomposition und an Thomas Bechter, verantwortlich für das Sounddesign. Das Verdienst für die gelungene Dramaturgie ist Martin Ojster anzurechnen.

Auf der Bühne stehen sechs wunderbare DarstellerInnen, die durch ihre Authentizität bestechen und sich immer in Bewegung befinden. Die Autoreifen – ihre Kummerkisten –, die sie mitschleppen, werden im Tanztempo ab- und dann wieder aufgelegt, einer gibt den Ton an, der Tanzschritt ist festgelegt – man dreht sich immer wieder im selben Kreis von Banalitäten. Gleichschritt, Nachahmung, ähnlich wie in anderen Stücken der Theatertruppe (etwa in „Swing. Dance to the right“, „Die wunderbare Zerstörung des Mannes“), bestimmen das Dasein und stehen symbolisch einerseits dafür, dass uns immer wieder die gleichen Themen bewegen, und andererseits für die für uns allen in gleichem Maß geltende lähmende Entscheidungs- und Handlungsschwäche, und deren Reproduzierbarkeit.

Die das Stück begleitende Videoinstallation – ein realisiertes Projekt von Bildwerk X Valence – zeigt zwei Bäume, die seitlich von der Bühne hängen. Während sie am Anfang in ihrer Wachstumsphase erscheinen, werfen sie gegen Ende ihre Blätter ab, was wiederum einer Metaebene nachspüren lässt: das sich ewig Wiederholbare in der Gesellschaft stellt nur eine Projektion des Kreislaufs in der Natur dar. Jeder Anfang hat sein Ende, und jedes Ende stellt zugleich einen Neuanfang dar. Und darin birgt sich die potenzielle Kraft eines jeden Anfangs: die Chance, ihn neu zu gestalten.

Die Metamorphose des Publikums
Und da sitzen wir, das Publikum: aufgewühlt, etwas angeschlagen in unseren selbstgesponnenen Theorien, verunsichert, verwundbar: wir gegen uns selbst. Ein Konflikt, der schwer auszuhalten ist. Wenn nicht der Augenblick vollkommener Offenheit wäre, in den wir unmerklich im Lauf des Theaterspiels versetzt werden: ein Moment höchster Verdichtung, wenn die inszenierte Welt plastisch und wandelbar wird, die „vierte Wand“ verschwindet, und das Ich das Risiko eingeht, seinen geschützten Raum zu verlassen, den Blick „von außen“ auf sich zu versuchen, sich in den Anderen/die Andere hineinzuversetzen. Ich bin du, und du bist er, und er ist sie… Aus dem Ich wird ein Wir.

In unserem Gespräch mit dem Regisseur Martin Gruber im November 2018 ging es unter dessen auch darum, dass seine Liebe den Menschen gilt, dass er immer den Menschen ins Zentrum seiner künstlerischen Interpretationen rückt. Aufrichtigkeit trifft auf Aufrichtigkeit, Vertrauen trifft auf Vertrauen. Dass dieses Vertrauen gegenseitig ist, hat das Publikum auch bei der jüngsten Premiere des Theaters bewiesen, indem es sich mit heftigem Applaus bedankte. Was wäre diese Welt ohne die Narrenfreiheit…

Fotos: © Gerhard Breitwieser (7), © Apollonia Bitzan (1)