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Der andere Rebhandl – Rock Rockenschaubs Kolumne im WIENER #W435

Ganz schön fett geworden über den Winter

Ich vereinbarte ein Treffen mit meinem Brotha Lovegod, der nicht mein Bruder war, aber eben mein Brotha, in einer verdammten Burgerbude in der Nähe des Bahnhofs von Bratislava. Als gäbe es keine regionale Küche mehr in der Slowakei, keine Krautrouladen oder Palatschinken, sondern auch dort nur
noch Burger.

In meinem Datsun 280ZX tuckerte ich also dorthin und zählte die Stunden, bis ich wieder in meinem Bett liegen würde: Osteuropa, das war nichts für mich. Diese grauen Häuser! Dieser graue Dreck! Diese grauen Wolken! Ich hatte schon die Hand an der Knarre, um mir mit einem kleinen Schuss das Hirn wegzublasen, was alle Probleme gelöst hätte. Jedenfalls würden da drüben im Jenseits die Wölkchen schön weiß und nicht grau sein, wenn man den Erzählungen glauben durfte.

Aber ich traute mich nicht, zu schießen, also fuhr ich dann doch bis zur Burgerbude. Dort parkte ich mich ein und schaute mich um. Ich suchten den roten Firebird mit schwarzer Flamme auf der Motorhaube, den ich von Lovegod gewohnt war. Stattdessen stand ein schwarzer Humvee mit roter Flamme um den ganzen Wagen herum da. Die Geschäfte schienen also gut zu laufen bei ihm. Ich hatte den Nigerianer letzten Sommer kennengelernt, als er mir in einer heiklen Sache mit vier türkischstämmigen Pornoschuppen-Burschen geholfen hatte, die er im Alleingang ordentlich zusammengefaltet hatte, wodurch wir ihren Angriff auf Dirty Willi’s Swedish Pornhouse abwehren konnten.

Als ich eintrat, sah ich Lovegod zunächst nirgends, ich sah nur ein paar schlitzäugige Vietnamesen, bis ich endlich merkte, dass ich schon dreimal an ihm vorbeigelatscht war. Ihn zu sehen, war eine echte Überraschung, aber leider keine schöne. Als ich ihn kennengelernt hatte, war er ein Stück glänzenden Stahles mit dem Körperfettgehalt eines gut trainierten Leichtathleten gewesen. Alleine mit seinem Händedruck konnte er dich töten, und mit einem Blick aus seinen tiefen, rot glühenden Augen heraus erst recht. Aber jetzt hatte er einen Sack Fett um den Arsch hängen, auf dem er drauf saß, und einen weiteren Sack um den Bauch, der ihm unter den Tisch hinein hing. Und zusätzlich noch zwei schöne Titten vorne dran, die auf keinem Playboy-Centerfold mehr Platz gehabt hätten. Bei dem Berg Futter, den er vor sich auf dem Tisch stehen hatte, und dem ganzen Fett, das ihm schon von seinen riesigen Händen tropfte, weil er nicht aufhören wollte, sich alles mit den Fingern hineinzustopfen, war das aber kein Wunder.

Wie ein beschissener Original-Gangsta aus irgendeiner Kleinstadt in Amerika saß er vor mir, auf einer Doppelbank gegen die Mauer gequetscht wie ein Ballon, der gleich abheben würde. Oder platzen. Mit seinem ganzen Bling-Bling um das ganze Fleisch hätte er es locker mit Zsa Zsa Gabor aufnehmen können, nur dass bei ihm alles falsch war. Ein paar falsche Uhren wackelten an jedem Handgelenk, wenn er seine Burger zu seinem unstillbaren Maul führte, und um den Hals trug er gleich drei dicke Ketten übereinander. An ihm war alles falsch, nur leider nicht das Fett. Und der Schweiß. Er schwitzte wie eine Sau, die er am liebsten im Ganzen fressen würde, und rückte unruhig auf seinem Arsch herum. Auf seinem Eisenschädel trug er eine Leopardenmütze wie dieser verrückte afrikanische Menschenfresser damals, als er Muhamed Ali zu sich in die Hitze Kinshasas eingeladen hatte. Wenn ich über den Winter fett geworden war, was war dann er?
Bald würde er einen Gürtel der Marke „Äquator“ tragen müssen.

Manfred Rebhandl: Autor in Wien. Zuletzt erschien sein zweiter Kitty-Muhr-Krimi „Heiß ist die Liebe, kalt ist der Tod“ im Haymon Verlag (2017).