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Next Level Grusel

Weniger Fingerfertigkeit, mehr Story. Es erscheinen immer mehr Titel, die kaum typische Game-DNA in sich tragen, sondern wie ein gespielter Film wirken. Als besonders geeignet für dieses Konzept erweisen sich dafür Horrorthriller, die sich peinlich genau an die Vorbilder aus dem Kino halten. So auch die neue Reihe The Dark Pictures, die in Man of Medan mit der ersten von fünf Episoden überzeugt.

Text: Markus Höller

Als im Jahr 2010 quasi wie aus dem Nichts der Titel Heavy Rain von Quantic Dream für die Play­station 3 erschien, konnte noch niemand ahnen, dass das Spiel ein echter Gamechanger war. Das interaktive Drama war geboren. Wiewohl Quantic Dream trotz großer Anstrengungen mit Beyond: Two Souls und Detroit: Become Human nicht mehr ganz den Impact ihres Erstlings erreichen konnten (wohl auch aufgrund unrealistisch hoher Erwartungshaltungen), stießen sie damit die Türe weit auf für mittlerweile legendäre ähnliche Spiele, beispielsweise Life is Strange oder Until Dawn. Letzterer Titel – ein geradezu klassisch gestrickter Teenie-Slasher – war tatsächlich so erfolgreich, dass die Entwickler Supermassive Games nun mit einem mutigen neuen Konzept den Markt noch weiter aufmischen wollen. The Dark Pictures heißt das Konzept.


Ähnlich wie die TV-Klassiker Geschichten aus der Gruft, Twilight Zone oder X-Faktor erscheinen hier unter einer gemeinsamen Klammer mehrere Grusel-Episoden, die in sich abgeschlossen und unabhängig funktionieren. Fünf Episoden, die im Abstand von ca. sechs Monaten veröffentlicht werden sollen und sich an typischen Horror-Tropen orientieren, sind vorerst auf Schiene. Die erste davon heißt Man of Medan und ist eine Horrorstory auf hoher See, die von der mysteriösen Sage rund um die SS Ourang Medan inspiriert wurde. Die (stereotypen, aber bei Horror muss das so sein) Rollenbilder und Settings wurden deutlich von klassischen Genre-Filmen geprägt, von Ghost Ship über Die Tiefe bis zu Todesstille ist hier alles dabei. Atmosphärischer Grusel, Character Building und raffinierter Jumpscare wechseln sich ab, während die Story sehr straff voranschreitet.

Das Spielprinzip ist bekannt, in regelmäßigen Abständen muss man in unterschiedlichen Rollen Entscheidungen treffen, die den weiteren Spielverlauf und auch die Lebenserwartung der Charaktere beeinflussen. Quicktime-­Events dürfen natürlich auch nicht fehlen, halten sich aber sehr in Grenzen. Natürlich kann jeder sterben, auch das ist aus den bisherigen Games dieser Machart bekannt; nicht weniger als 69 verschiedene Tode finden sich in der Struktur des Spiels! Wem also die im Singleplayer-Modus veranschlagten fünf bis sechs Stunden Gameplay zu dürftig erscheinen, kann noch zig verschiedene andere Wege wählen und seine Proatgonisten auf verschiedene Weise über den Jordan gehen lassen. Oder eben retten. Auch wenn das Gameplay relativ kurz erscheint, darf man nicht vergessen, dass jede Episode der The Dark Pictures Reihe bei einem Preispunkt von deutlich weniger als der Häfte regulärer AAA-Titel liegt.

Was aber diese neue Reihe tasächlich von allen bisherigen vergleichbaren Titeln abhebt, ist das optionale Spielprinzip „Don’t play alone“. Zusätzlich zum klassischen Singleplayer gibt es auch einen Coop-Modus, bei dem der Mitspieler ebenfalls abwechselnd in unterschiedliche Rollen schlüpft und mit seinen Entscheidungen die eigenen mitbeeinflusst – und umgekehrt. Als quasi aufgebohrte lokalisierte Variante ohne Online-Zwang steht auch noch der Movie-Night-Modus zur Wahl: Hier können bis zu fünf Freunde auf der Couch die Hauptrollen annehmen, der Controller wird dann einfach herumgereicht und man kann sich in bester Pyjama-Party-Horrorfilm-Nacht mit Popcorn an den Schicksalen der Darsteller delektieren. So muss Horror im Jahr 2019!

The Dark Pictures: Man of Medan
Entwickler: Supermassive Games
Publisher: Bandai Namco
Erschienen für: PS4, Xbox One, PC
Spieler: Single/Multiplayer
Engine: Unreal Engine 4