GENUSS

Jung, willig und Single (Malt)

Es mag ja noch später Sommer sein, doch der WIENER kommt seinem flüssigen Bildungsauftrag jetzt nach. Wir warnen vor der Whisky-Krise im Winter – und bieten schräge Alternativen an.

Text: Roland Graf / Foto Header: Markus Höller / Fotos: Hersteller

Was waren das für Zeiten, als auch die Whisky-Welt noch schwarz-weiß war. Im Chesterfield-Sessel trank man Single Malt aus Schottland, zur Zigarre ab und an den süßeren Bourbon (und wenn keiner hinschaute, durfte auch Cola in den Tumbler). Doch seit rund 20 Jahren hat praktisch jedes europäische Land – und nicht nur diese – seine Whiskybrennereien. Der Rohstoff ist erstens recht billig und wächst zweitens bis hinaus in die Tundra, weshalb es auch Abfüllungen aus Alaska und Finnland gibt. Teuer wird es lediglich bei der Wartezeit. Denn unter drei Jahren darf sich in Europa nichts Whisky nennen. Man verdient erst einmal nichts, dafür darf man kräftig investieren.


Parallel muss erst die Trinkerschaft überzeugt werden, dass nicht alles jenseits von Kentucky, Tennessee und den Highlands automatisch farbigen Korn darstellt. Doch gerade dabei spielt den Neuzugängen von bisherigen Whisky-­Jungfrauen wie Island, Israel oder Norwegen aktuell die Weltlage in die Karten. Ein gewisser US-Präsident trägt daran die Schuld. Eigentlich wollte Donald Trump seine Stahlerzeuger schützen, doch der Strafzoll auf Alu und Stahl wurde von der EU, der Türkei und China mit einer höheren Verzollung von Whiskey beantwortet. Und die Brenner im „homeland“ werden nervös. Jetzt kann man zwar die wenigen Flaschen für China verschmerzen, die 25 EU-Staaten nehmen aber 43 % des Bourbons an; Spanien, Großbritannien und Deutschland sind die großen Abnehmer.

Und gegenüber dem Jahr davor ging der Export schon mal um 19 % zurück, klagt die US-Spirituosenindustrie. Es kann noch dicker kommen, denn ändert sich nichts im Handelskrieg, tritt in 15 Monaten eine Erhöhung der Whiskey-Zölle auf 50 % in Kraft. Den verteuerten Bourbon werden sich dann nur wenige Bars und Private einlagern. Es sind also Alternativen gefragt – und die müssen nicht aus Schottland kommen. Denn auch hier ist die Lage nach dem Brexit mehr als unklar. Aromatisch befürchten Scotch-Puristen ohnehin Schlimmes, seit heuer das „Scotch Whisky Technical File“ geändert wurde. Das oberste Whisky-Gesetz der Highlander erlaubt nun auch die Lagerung in Fässern, die Mezcal oder Tequila sowie Bier beinhalteten. Doch will man den Agaven-Biss, warum dann Scotch trinken?

Insofern haben aktuell Blends aus mehreren Ländern, die ein perfektes Geschmacksbild erzeugen wollen, Hochkonjunktur. Japans Kult-Erzeuger Ichiro Akuto etwa brachte gleich fünf Länder zusammen. Denn wie alle Destillerien Japans hat Ichiro-san ein Luxusproblem: Er kann die europäische Nachfrage nach lange gelagertem Single Malt nicht befriedigen. Da vermehrt sein „Malt & Grain“ den verkaufbaren Bestand. Nachschub an Whisky kommt aber ohnehin aus allen Richtungen, etwa aus Tel Aviv. Die „Milk & Honey“-Destillerie stellt ihren ersten Single Malt heuer vor, als Vorstufe gibt es einen zwei Jahre gereiften Brand. Allerdings altert der Whisky im heißen Mittelmeerklima auch viel schneller als in Schottland, schwärmt Head Distiller Tomer Goren von „8 % Angels’ share in Tel Aviv“.

Die Exoten sind aber keine Randerscheinung, sondern bringen mitunter auch gänzlich eigenständige Rauchnoten mit. Statt Torf wie in Schottland ergibt dann Schafdung bei einer „Flóki“-Abfüllung aus Island neue Aromen. In Finnland wiederum setzt man beim „Smoke & Rye“ der Kyrö Distillery auf Malz, das mit Birkenrauch aus dem Saunaofen aromatisiert wird. Dagegen sieht die Alte Whisky-Welt dann wirklich alt aus!


Malternativen

Es muss nicht immer Schottland oder Kentucky sein. Aktuell treten etliche neue Whiskyländer auf den Plan. Aber auch „verrückte“ Mischungen aus den bestehenden Getreidebrand-Nationen werden gefüllt. Vier WIENER-Tipps, die auch Kenner überraschen:

Nord-Licht
Der erhöhte Gerstenanteil (sonst wäre in Island zu wenig vergärbarer Zucker da), bringt dem „Flóki“ schöne Fruchtaromen. Im Finish erinnert die Würze des ersten Insel-Whiskys an Muskatnuss und Pfeffer.

„Flóki Icelandic Single Malt“, um 69,90 Euro (0,5 Liter) bei www.weisshaus.at; Info: https://flokiwhisky.is/


Früh vollendet
M & H statt H & M: Israels erste Whisky-Brennerei „Milk & Honey“ bringt Zwischenstände vor der Drei-Jahres-Lagerung heraus. Der „Young Single Malt” ist technisch kein Whisky; er bringt Vanille, rote Beeren und Tabak mit.

„The Last One“, um 34,90 Euro (0,5 Liter) bei www.spirits.land; Info: https://mh-distillery.com


Ein „Dreier“
Recht kräftig ist der Drei-Getreide-Blend aus Schweizer, französischen und schottischen Beständen: Dunkler Honig, Getreide-Flocken und ein zarter Rauchmandel-Ton gefällt auch Einsteigern.

„Mainland“, um rd. 28 Euro (0,5 Liter) bei https://shop.humbel.ch


Welt-Stoff
Tropenfrucht pur steigt bei diesem Welt-Blend aus Scotch, Irish, Canadian und US-Whisk(e)y in die Nase, der mit japanischem Chichibu-­Malt vermählt wird. Trotz 46,5 % viel Nougat – wie flüssige Manner-Schnitten.

„Ichiro’s Malt & Grain“, um 77,90 Euro (0,7 Liter) bei https://whic.de; Info: www.facebook.com/ChichibuDistillery