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Jahrhundertirrtum U-Bahnbau – Das Automobil und der verlorene Respekt

Von Götz Schrage

Elegante Einkaufsstraßen, breite Trottoirs und wahres urbanes Flair. Das waren die goldenen Zeiten der Stadt. Die Frauen trugen Pillbox-Hüte zu braunkartierten Miniröcken und Blusen mit Bubikragen. Der Autofahrer Schuhe mit Kreppsolen, Strickwesten und sonntags ebenfalls einen Hut, und den Hut trug er mit Stil und Stolz. Ich war noch mitten drinnen. Durfte diese wunderbare Zeit erleben, bevor dann alles anders wurde. Bevor die Stadt unterhöhlt wurde. Bevor der Mensch von der Oberfläche in den Hades verjagt wurde. Die U-Bahn hat das harmonische Gefüge der Bezirke zerstört. Kaum einer traut sich das so zu formulieren. Allerdings, ich bin hier beim WIENER in der Position, die Wahrheit zu schreiben und das Notwendige zu fordern. Schüttet die Schächte zu. Lasst die Menschen wieder ans Tageslicht. Dann und nur dann wird der Autofahrer den Respekt bekommen, der ihm auch gebühren sollte.

Statt der Miniröcke, haben wir jetzt die vermaledeiten Begegnungszonen. Die größte Versuchung für den heißblütigen Autofahrer, seit es die Fußgängerzonen gibt. Eine weitere städtebauliche Perversion wie ich meine. Man gibt dem Fußgänger Macht, wo er doch schon ohnedies so unglaublich privilegiert leben darf. Die Begegnungszone wird zur Blockadezone. Halb gewaschene Müslifresser werden zu Helden. Im Schwimmbad wehrlos, wenn ihnen ein zwölfjähriger Jugoslawe das Langos wegnehmen möchte, aber vor meinem üblen Charakter und den 102 PS meines Opels den Helden markieren. Immer in der Mitte der Straße gehen und mich bloß aufhalten, so als hätte ich kein Leben, keine Rechte und keine Termine.


Doch vor den Fußgängerzonen kommt immer der U-Bahnbau. Ubiquitär und auch sonst überall ist das so. Die U-Bahn bringt Menschen zusammen, die nicht zusammen sein sollten. Floridsdorf und Donaustadt wurden nicht zufällig jenseits der Donau gegründet. Romulus und Remus haben sich sicher etwas gedacht dabei. In der Weihnachtszeit vielleicht traf man sich auf den breiten Gehsteigen der Kärtnerstraße und dann war es auch wieder genug damit. Jetzt sind die Transdanubier in neun Minuten in der Inneren Stadt. Eine unilaterales Glück für die Wiener und die Garnituren nach drüben fahren nur, damit diese Menschen nicht für immer hierbleiben. Die Umvolkung bleibt eine rechte Legende. Die interdanubische Mischkultur ist traurige Realität. Auch etwas, was man durch städtebauliche Besinnung und ein dringend notwendiges Rückbaukonzept der Verkehrsmittel verändern muss.

Dort, wo man das Auto braucht, etwa im afrikanischen Buschland, sagt man noch Sie zu uns Fahrern. Da käme keiner auf die Idee, einfach Einbahnen umzudrehen und Straßen schikanös zu zerstückeln. Im Buschland hat man noch den Respekt vor uns, den man in der Stadt erst wieder haben wird, wenn unser Gefährt, und unsere Fähigkeit dieses Gefährt zu bedienen, urbane Notwendigkeit bekommt. Aber zugegeben, es gibt auch Entlastendes. Die U-Bahn nimmt uns keine Parkplätze weg, blockiert äußerst selten Kreuzungen und schafft Menschen zumindest temporär unter die Erde, die man lieber gar nicht sehen möchte. Doch diese wenigen positiven Faktoren werden von all dem Negativen, was ich bisher ausführen durfte, bei Weitem übertroffen.

Kommen wir am Ende zu den gesundheitlichen Gefahren. Man muss sich doch nur die Frage stellen, ob es wirklich artgerecht ist, Menschen auf rollenden Treppen in den Bauch der Stadt zu zwingen, um sie dann völlig orientierungslos durch rasende Röhren in fremde Bezirke zu katapultieren. Ich halte das als äußerst interessierter medizinischer Laie für sehr riskant. Vielleicht erklären sich daraus auch all die gesellschaftspolitischen Absurditäten denen wir begegnen müssen. Ich denke da nur an Ehe für Alle, Fassadenbegrünung und die Perversion, dass ausgerechnet Radfahrer gegen die Einbahn fahren dürfen.

Schließen wir uns zu einer breiten Bewegung zusammen. Vernetzten wir uns und ja, ich bin willens, als Sprecher dieser Initiative zu fungieren. Die U-Bahn wird nach dem Rückbau etwa als Strahlenschutzanlagen eine neue Verwendung finden für die Stadt. Die Fußgängerzonen werden wieder zu prachtvollen Boulevards mit breiten Trottoirs und wenn dann, spätestens nächsten Sommer hoffe ich, der braunkarierte Minirock zurückkehrt, bin ich ein glücklicher Autofahrer. So glücklich und respektiert, wie ich es auch verdient habe.